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Digitalisierung des Gesundheitswesens: „Datenmedizin kann viele Leben retten“

  • Elektronische Terminvergabe, Fernbehandlungen, Gesundheitsapps: In den vergangenen Monaten hat die Digitalisierung in der Medizin große Fortschritte gemacht.
  • Doch noch immer hinkt Deutschland im internationalen Vergleich hinterher.
  • Im Interview spricht Sebastian Vorberg, Vorstandssprecher vom Bundesverband Internetmedizin, über die Chancen von Datenmedizin, die Sicht der Ärzte und den Datenschutz.
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Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung des Gesundheitswesens in den vergangenen Monaten einen kräftigen Schub beschert. War die Fernbehandlung vor drei Jahren noch verboten, so haben viele Praxen während des Lockdowns die Telemedizin für sich entdeckt. Auch der aktuelle E-Health-Monitor von McKinsey, der jährlich die Fortschritte der Digitalisierung im Gesundheitssystem analysiert, sieht mit der elektronischen Patientenakte, die Anfang kommenden Jahres eingeführt werden soll, Fernbehandlungen und dem E-Rezept positive Trends der Branche.

Allerdings kommunizieren demnach 93 Prozent der Ärzte in Papierform untereinander und mit anderen Einrichtungen wie Krankenhäusern. Lediglich 44 Prozent der Gesundheitseinrichtungen tauschen ihre Daten laut der Analyse digital aus. Auch der Bundesverband Internetmedizin, der sich seit acht Jahren für die Vernetzung von Akteuren einsetzt, sieht noch Nachholbedarf. Im Interview spricht Vorstandssprecher Sebastian Vorberg über die Chancen der Digitalisierung, über Gesundheitsapps und das Problem mit dem Datenschutz.

Wie kam es zur Gründung des Bundesverbands Internetmedizin? Was sind Ihre Ziele?

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Bei unserer Gründung hatte die digitale Medizin noch keiner so richtig auf dem Schirm. Mir ist es als Anwalt in dem Bereich wie Schuppen von den Augen gefallen, dass wir da in Zukunft viel erleben werden, weil die Datenmedizin und die Kommunikation mit dem Patienten ganz grandiose Maßnahmen sind, um gute Medizin zu betreiben und zu unterstützen. Ich habe mir den Rahmen der Medizin angeschaut und war etwas enttäuscht, da sich kein Mensch wirklich um das Thema gekümmert hat. Es gab lediglich viele Datenschutzdiskussionen und Ja,-Abers. Die Intention des Verbandes ist es, alle zusammenzubringen, die die Internetmedizin, die digitale Medizin voranbringen und fördern wollen. Wir versuchen, die Menschen sehr niederschwellig zu vernetzen und die Gruppe zu stärken – egal, ob das Ärzte, Apotheker, Pharmazeuten. Heute haben wir bis zu 150 Mitglieder.

Andere Länder gelten in Sachen E-Health als Vorreiter. Finnland etwa hat bereits vor Jahren digitale Gesundheitsakten eingeführt. Wie würden Sie die aktuelle Lage in Deutschland beurteilen?

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Bis vor einem Jahr waren wir immer noch ziemlich allein auf dem Feld. Viele Ärzte haben sich zurückgezogen und die Pharmaindustrie hat tief geschlafen. Es gab zwar bereits eine Menge toller Ideen und Start-ups, aber die hatten es sehr schwer. Damals machte es den Eindruck, als würde es noch ewig dauern, bis wir hier in Deutschland Geschäftsmodelle mit digitaler Medizin so fördern können, dass sie auch gut angenommen werden. Dann kamen die neue Gesetzgebung, das DVG (Digitale-Versorgung-Gesetz) und viele andere Entwicklungen: Zum Beispiel die Idee, dass man Fernbehandlung doch zulassen könnte. Mit Corona hat man dann auch wirklich damit begonnen, aus der Ferne zu behandeln.

Mittlerweile hat das Thema so akut Fahrt aufgenommen, dass wir einen Bruch in der Geschichte erleben und die Disruption eine Chance hat. Wir haben allerdings auch wieder neue Rahmenbedingungen, denn das Ganze ist sehr politisch geworden. In Berlin gibt es mittlerweile 14 Verbände, die sich mit dem Thema beschäftigen. Das ist gut, weil wir in der Regulation Menschen brauchen, die mitreden, diskutieren und Dinge voranbringen. Auf der anderen Seite verlangsamt das auch wieder die Innovation. Trotzdem ist das eine gute Entwicklung. Jetzt brauchen wir noch ein bisschen Zeit, um die richtigen Schlüsse zu ziehen und einige Hebel umzulegen und dann sind wir auf dem richtigen Weg, um die digitale Medizin in Deutschland gut einführen zu können.

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Die Telemedizin hat in den vergangenen Monaten noch einmal an Bedeutung gewonnen. Was sind trotz allem die Herausforderungen und Hindernisse in diesem Bereich?

Das Problem ist eine allgemeine Angst. In Sachen Datenschutz müssen wir ganz viel tun, um eine Verhältnismäßigkeit herzustellen. Daten retten Leben – das ist ein Motto, das wir noch viel mehr verfolgen müssen. Bei den Ärzten, vor allem in der älteren Generation der über 60-Jährigen, wollen und können das viele nicht mehr mitmachen und sich dem Thema nicht mehr öffnen. Das dürfen allerdings nicht die Meinungsbildenden sein, da müssen wir Entscheidungen für die nächste Generation fällen. Das wird noch zu sehr durch die Selbstverwaltung der Ärzte hochgehalten. Wenn etwa die Kassenärztliche Vereinigung Bayern schreibt, dass Ärzte die neuen Gesundheitsanwendungen auf gar keinen Fall verschreiben sollten, weil es noch nicht gesichert ist, dass der Datenschutz gewährleistet ist, obwohl Herr Spahn, das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte mehrere Leitfäden herausgegeben haben, um sicherzustellen, dass diese Qualität existiert. Da merkt man, dass bei einigen Ärzten noch eine große Ignoranz durch die ausscheidende Generation herrscht.

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Wie stehen jüngere Ärzte dem Thema E-Health gegenüber?

Digitalisierung ist ein Kulturwechsel. Wir sind eine digitale Generation, die jetzt nachkommt. Wir müssen dem gar nicht so aufgeschlossen gegenüberstehen, das wird in Zukunft einfach selbstverständlich sein. Man muss jetzt die Strukturen schaffen, die Technologie unterbringen und die Abläufe schulen. Mit jüngeren Ärzten darüber eine Diskussion zu schaffen, ist auch nicht immer nur erhellend, weil die unter der älteren Generation groß werden und sich nicht immer ein innovatives Bild machen können. Aber es gibt auch viele, die durch die entsprechenden Rahmenbedingungen gut an das Thema herangeführt werden. Da gibt es dann auch ein Verständnis dafür.

Welche Rolle spielen derzeit Gesundheitsapps? Gibt es bereits vielversprechende Angebote?

Es gibt extrem viele vielversprechende Angebote. Ich erhalte seit acht Jahren pro Woche mindestens eine neue Idee. Von Blutdruck über Diabetes, Frauengesundheit, Kinderwunsch – fast in jedem Bereich kenne ich eine Idee. Problematisch ist, dass das bisher eher Inseln sind. Es gibt noch keinen übergreifenden Gesundheitsbutton, den ich betätige, wenn es mir schlecht geht. Die Anwendungen sind noch nicht massentauglich. Bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes haben sich schon viele wichtige Dinge für die innovativen Patienten durchgesetzt, die sehr hilfreich sind. Was immer schon fehlte, was sich aber ab nächstem Jahr ändern wird, ist die Verknüpfung dieser Inseln zum Beispiel durch die Elektronische Patientenakte (EPA). Durch die EPA, die kurz vor der Einführung durch die Krankenkassen steht, und das E-Rezept ist die Infrastruktur, die einer Massenverbreitung dieser Apps bisher noch gefehlt hat, gegeben.

Zum Jahreswechsel soll die elektronische Patientenakte starten. Doch Datenschützer kritisieren unter anderem, dass Patienten nicht ausreichend Steuerungsmöglichkeiten über ihre Daten haben. Wie bewerten Sie das?

Beim Thema Datenschutz reagiere ich allergisch. Wir bauen stets ein hochsicheres Schiff auf dem Trockenen und müssen tausendmal feststellen, ob es nicht doch irgendwo ein Loch oder ein Datenleck gibt. Für mich ist die richtige Herangehensweise zu sagen: „Setzt das Boot ins Wasser. Macht kleine Bewegungen, damit das Ding nicht wie die Titanic im kalten Wasser abtaucht.“ Wir müssen ein paar Datenlecks und Datenunsicherheiten in Kauf nehmen. Das gehört zum Alltag und zum normalen Lebensrisiko der Digitalisierung. Und Gesundheitsdaten sind nicht so hochsensibel, dass man das auf keinen Fall zulassen kann. Ich habe Vertrauen in die Krankenkassen und die Programmierer, dass die ihr Bestes geben.

Welche Rolle spielt die Datenmedizin in der Zukunft?

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Die Datenmedizin ist ein unfassbares Geschenk für die Gesundheit. Sie kann viele Menschenleben retten und unsere Lebensqualität sichern. Das müssen allerdings noch ganz viele Menschen verstehen. Man wird merken, dass der Datenschutz in dieser Diskussion oft fehl am Platze ist, weil man Schaden dadurch anrichtet, dass man neue Innovationen nicht ausprobiert. Wenn wir genügend Verständnis für die Datenanalytik und die Datenmedizin aufbringen, wir das an allen Ecken unser Leben bereichern.

RND



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