Digitales Stalking: Wenn das Smartphone zur Gefahr wird

  • Stalking findet zunehmend auch in der digitalen Welt statt.
  • Mittels sogenannter Stalkerware erhalten Täter Zugriff auf sämtliche Smartphone-Daten der Betroffenen.
  • In Deutschland haben Sicherheitsexperten einen starken Zuwachs der Angriffe registriert.
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Nachrichten mitlesen, Telefonate abhören, Standorte verfolgen: Spionageprogramme, sogenannte Stalkerware, ermöglichen mittlerweile einen umfassenden Zugriff auf persönliche Daten. Die Täter, die meist aus dem näheren Umfeld der Betroffenen stammen, installieren unbemerkt ein solches Programm auf dem Smartphone ihrer Opfer. Der Vorgang dauert oft nur wenige Minuten. Ab dann übermittelt die Stalkerware ununterbrochen sensible Daten an das Handy oder den Computer des Angreifers. Das Programm ist für den Nutzer nicht sichtbar, die ständige Überwachung bleibt meist lange Zeit unbemerkt.

„Stalkerware ist kommerzielle Spionagesoftware, die legal käuflich zu erwerben ist. Sie ermöglicht es jedem, eine andere Person digital zu überwachen. Das Perfide daran ist, dass die Betroffenen nichts davon wissen und ohne Zustimmung heimlich ausgespäht werden“, sagt Christina Jankowski, Senior External Relations Manager bei der IT-Sicherheitsfirma Kaspersky, in einem Webpodium zu dem Thema.

In Deutschland hat die Zahl der Angriffe mittels Stalkerware im vergangenen Jahr stark zugenommen. Kaspersky verzeichnete von 2018 bis 2019 einen Anstieg um 77 Prozent. Insgesamt konnte in Deutschland, der Schweiz und Österreich in 2775 Fällen Stalkerware auf einem Smartphone identifiziert werden. Hauptsächlich liegt der Fokus dieser verborgenen Programme laut Kaspersky auf dem Google-Betriebssystem Android, aber auch bei Apples iOS ist die digitale Spionage nicht ausgeschlossen.

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Auch der Antivirenprogramm-Anbieter Avast stellte mit dem beginnenden Lockdown eine Zunahme bei der Nutzung von Stalkerware fest. Im Vergleich zu Januar und Februar stieg die Zahl der festgestellten Fälle weltweit um 51 Prozent. In Deutschland hat der Dienst insgesamt 1784-mal Stalkerware auf einem Gerät erkannt. Die Analysen der Unternehmen sind nur ein Ausschnitt, die einen Trend andeuten. Die tatsächlichen Zahlen könnten weitaus höher sein. Denn nicht jeder Smartphone-Nutzer verfügt über entsprechende Sicherheitssoftware. Zudem ist nicht bekannt, wie viele Fälle die Sicherheitsmechanismen nicht erkennen.

Sicherheitslücken bei Stalkerware-Anbietern

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Besonders Frauen sind häufig Opfer digitaler Stalkingangriffe. „Wir reden da von einer wirklichen Bedrohung. Stalkerware wird oft im Bereich der häuslichen Gewalt angewendet. Es findet meist in Beziehungen oder Ex-Beziehungen statt“, sagt Christina Jankowski. Auch die Influencerin und Moderatorin Lola Weippert engagiert sich im Kampf gegen Stalkerware und sensibilisiert ihre Follower für das Thema. „Ich finde es absolut fatal, dass wir Tätern nach wie vor die Möglichkeit geben, ihr Opfer weiter unter Druck zu setzen. Diese Tools sind immer noch nicht illegal, und das muss sich ändern.“ Während der Erwerb der Software, die teilweise weniger als 100 Euro kostet, bisher legal ist, ist ihr Gebrauch verboten. Das unerlaubte Abgreifen fremder Daten steht unter Strafe. „Ich bin dafür, dass man Stalkerware ganz verbietet. Aber ich würde die Hoffnung dämpfen, dass dies in nächster Zeit geschieht, obwohl es sehr einfach wäre, denn man müsste nur den Paragraf 238 im Strafgesetzbuch erweitern, nach dem das aktive Nachstellen und auch der Einsatz solcher Tools verboten ist“, sagt Michael Littger, Geschäftsführer des Vereins „Deutschland sicher im Netz“ (DsiN).

Eine Gefahr der Stalkerware geht auch von den Anbietern selbst aus. Denn die sensiblen Daten werden vom überwachten Gerät aus an Server weitergeleitet. So könnten die Informationen im schlimmsten Fall bei Cyberkriminellen landen, die sich mit Hackerangriffen Zugang zu den Servern der Softwareanbieter verschaffen. Im März 2019 etwa entdeckte der Forscher Cian Heasley, dass der Server der App MobiiSpy öffentlich zugänglich war und somit den Zugriff auf mehr als 95.000 Fotos und mehr als 25.000 Sprachnachrichten ermöglichte. „Das heißt, dass über die Täter hinaus privateste Informationen in die Welt gelangen können“, sagt Jankowski.

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Stalkerware: Hier finden Betroffene Hilfe

Die Identifikation von digitaler Stalkerware stellt Betroffene vor große Hürden. Denn die Programme sind als solche nicht erkennbar. Generell gibt es mehrere Anzeichen, die für eine Installation eines Spionageprogramms sprechen. Zum einen sollten Betroffene, die einen Verdacht hegen, auf ihren Datenverbrauch achten. Ein hoher Datenverbrauch, eine sinkende Akkuleistung sowie eine langsame Reaktionszeit des Handys können Hinweise auf eine Stalkerware sein. Auch empfiehlt „Deutschland sicher im Netz e. V.“, das Smartphone regelmäßig auf unbekannte Apps zu überprüfen. Diese sollten jedoch nicht gelöscht werden, sondern als Beweismittel auf dem Smartphone bleiben. Die Sicherheit des Geräts kann durch die zusätzliche Installation von offiziellen Sicherheitsprogrammen und regelmäßige Scans zudem verstärkt werden. Auch sollten die Zugangsinformationen und Passwörter zum Smartphone und anderen Diensten nicht mit anderen Personen geteilt werden, auch wenn diese aus dem familiären Umfeld stammen.

„Stalking besteht aus einer Vielzahl an Einzeltaten, die mitunter ziemlich harmlos daherkommen. Damit sich eine Betroffene überhaupt Hilfe holt, muss sie sich erst einmal eingestehen, dass da etwas passiert, was man als Stalking bezeichnen kann. Das scheitert oft auch daran, dass es im Umfeld Menschen gibt, die das herunterspielen“, sagt Leena Simon, IT-Expertin am Berliner Frauenzentrum Frieda. Teil ihrer Arbeit ist es, betroffenen Frauen bei digitalem Stalking beratend zur Seite zu stehen.

Wer durch das Verhalten eines potenziellen Täters und durch Hinweise auf seinem Smartphone davon ausgeht, digital überwacht zu werden, sollte sich an eine entsprechende Beratungsstelle wenden. Denn wenn die Stalkerware gelöscht wird, weiß der Täter, dass sie deaktiviert wurde. „Es gibt Warnsignale, Symptome, worauf man achten kann, aber letztlich braucht man professionelle Hilfe“, sagt Christina Jankowski. Auch Leena Simon rät dazu, das weitere Vorgehen mit einem Experten zu besprechen, auch um eventuelle Beweise zu sichern. „Betroffene können zum Beispiel Tagebuch führen und notieren, wann was passiert ist“, empfiehlt sie. Beratungsstellen wie der Weiße Ring oder der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) sind eine erste Anlaufstelle. Auch kann jederzeit die Polizei kontaktiert werden.

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Unter dem Namen „Koalition gegen Stalkerware“ haben sich Sicherheitsunternehmen wie Avira, Kaspersky und Norton mit Betroffenenstellen wie dem Weißen Ring und der Operation: Safe Escape zusammengetan, um sich gemeinsam gegen den Einsatz von Spionagesoftware zu engagieren. Die Initiative hat eine Definition von Stalkerware sowie einheitliche Erkennungskriterien für die Programme ausgearbeitet. Ziel der Koalition ist es zudem, Daten über die Verbreitung zu bündeln und weiter über die Gefahren durch Spionageprogramme aufzuklären.

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