Darum schreiben junge Katholiken Gott* nun mit Sternchen

  • Die Katholische Studierende Jugend (KSJ) schreibt Gott* ab jetzt mit Sternchen.
  • Laut eigener Aussage wollen die jungen Gläubigen damit irritieren und darauf aufmerksam machen, dass Gott kein Geschlecht habe.
  • Im Interview erklärt Philipp Pretz von der KSJ, wie Diversität und katholische Kirche zusammenpassen.
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Gott hat kein Geschlecht, meint die Katholische Studierende Jugend (KSJ) und schreibt Gott* nun mit Sternchen. Zu den Mitgliedern der KSJ zählen Schüler, Studierende und junge Erwachsene. Sie alle eint der katholische Glaube und der Wille, Kirche zeitgemäßer zu gestalten.

Mit ihrer aktuellen Kampagne #whoisgodtoday wollen die jungen Katholiken in sozialen Netzwerken dazu anregen, sich mit dem eigenen Gottesbild auseinanderzusetzen. Im Interview erklärt Philipp Pretz (27) von der KSJ, wieso es dem christlichen Glauben widerspricht, Gott auf ein Geschlecht zu reduzieren, inwieweit Diversität zur katholischen Kirche passt und warum sie Irritation wirklich nötig hat.

Viele Menschen stellen sich Gott als alten, weißen Mann mit einem langen Bart vor. Ist das falsch?

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Richtig und falsch sind hier nicht die richtigen Kategorien. Auch bei mir ist die erste Assoziation ein alter, weißer Mann. Ich weiß aber, dass das eigentlich nicht stimmt. Denn Gott* ist ganz viel mehr. Wir als KSJ sagen: Gott* lässt sich nicht auf ein Geschlecht, ein Alter oder andere menschliche Kategorien reduzieren.

Das ist aber ganz schön abstrakt. Vielleicht brauchen Menschen ein Bild, um sich dem Thema Glaube nähern zu können.

Ja, natürlich. In der Bibel steht öfter, dass Gott* handelt, die Hand ausstreckt oder andere menschliche Eigenschaften aufweist. Aber das ist immer nur eine Annäherung an das, was Gott* überhaupt sein kann.

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Also widerspricht es dem christlichen Glauben, Gott auf ein Geschlecht zu reduzieren?

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Genau. Es gibt natürlich nicht den christlichen Glauben und ich kann auch nicht für den christlichen Glauben reden. In vielen christlichen Kreisen und auch bei uns in der KSJ ist Gott* alles. Das widerspricht einer Reduzierung auf das Geschlecht.

“Gott ist alles”, können Sie das erklären?

Gott* ist an sich ja schon die Welt. Er ist in allem, aber auch außerhalb von allem. Das ist in der Tat sehr abstrakt. Gott* steht auch über allem, außerhalb jeglicher Vorstellung. Trotzdem ist das eine Sache, über die sich ausgetauscht und unterhalten wird. Wenn ich sage, Gott* ist alles, dann ist das natürlich nichts Handfestes. Und genauer beschreiben geht auch nicht …

… denn je greifbarer Gott wird, desto mehr widerspricht das dem Ganzen. Ich überlege, womit man dieses Problem vergleichen könnte. Mit der Zeit? Aber die kann man immerhin in Jahre fassen.

Wobei Jahre eine menschengemachte Kategorie sind.

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Philipp Pretz von der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) erklärt, wie Diversität und katholische Kirche zusammenpassen. © Quelle: privat

Und das Gleiche wollten Sie mit Gott und dem Gendersternchen erreichen, zu zeigen, dass Geschlecht eine menschengemachte Kategorie ist, die nicht auf diesen Gott passt?

Wobei ich dazu sagen muss: Das Sternchen, was wir benutzen, ist kein Gendersternchen. Das haben wir auch nirgendwo behauptet. Ja, es ist dasselbe Symbol und es geht um das Thema Geschlecht. Aber, für uns am wichtigsten ist, dass man beim Wort Gott* stockt, wenn man Texte von der KSJ liest. Und sich überlegt: Warum steht da ein Sternchen? Es geht darum, dass die Personen, die die Texte lesen, nicht einfach über das Wort Gott* drüberlesen und dann diese kurze Assoziation des alten, weißen Mannes haben. Sondern bei dem Wort anhalten und sich selbst aktiv damit auseinandersetzen: Was ist eigentlich mein Gottes*bild? Was ist Gott* für mich heute?

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Wir als KSJ haben selbst bemerkt, dass wir diese Assoziation des alten Mannes haben und überlegten, was man dagegen machen kann. Man muss sich ja der deutschen Sprache bedienen. Das Sternchen, das schon politisch aufgeladen ist, hat Potenzial, Leute zum Nachdenken anzuregen.

Mit dem Sternchen wollen Sie irritieren. Wieso ist das nötig?

Wenn man nicht irritiert, sondern einfach nur etwas Nettes macht, wird das von den meisten ignoriert, man bekommt keine Aufmerksamkeit. So erreicht man keine Veränderung.

Eine der Thesen der KSJ lautet: “Alle gesellschaftlichen Systeme sind veränderbar”, auch Geschlechterrollen. Das ist ganz schön progressiv. Wie passt das zur katholischen Kirche?

Zunächst ist anzumerken: Wir sind ja auch Kirche. Wir sind ein Jugendverband, der zwar Teil der ganzen katholischen Kirche ist, aber können selbst bestimmen, wie wir Kirche und Glauben leben. Alle Systeme sind menschengemacht und änderbar. Unsere Vorstellung von Glauben und Kirche sind derzeit nicht vereinbar mit vielen Inhalten der katholischen Kirche. Deshalb wollen wir auf eine Veränderung hinwirken, von innen. Das hat viel mehr Potenzial.

Aber wenn Sie eine eigene Kirche sind, warum muss es denn dann Katholizismus sein? Sie könnten doch auch etwas ganz Eigenes machen.

Wir glauben immer noch an die katholische Kirche, dass alle Menschen sich in der Nachfolge Jesu treffen und die Welt gemeinsam zu einem besseren Ort machen. Deshalb ist es nicht der richtige Weg, sein eigenes Süppchen zu kochen, sondern mit so vielen Menschen wie möglich zu arbeiten.

Frauen dürfen in der katholischen Kirche immer noch nicht alle Ämter erfüllen, Homosexuelle nicht in jeder Kirche heiraten. Dieses Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau oder gar anderen Geschlechtsidentitäten, ist das überhaupt bibelkonform?

Nein. Das Problem ist, dass die Bibel so ein altes Werk ist, dass es Tausende Möglichkeiten gibt, sie auszulegen. So wie wir als KSJ die Bibel lesen, ist für uns völlig klar, dass man sie vor dem Kontext ihrer Entstehungszeit lesen muss. Jesus sagt: Alle sind willkommen, alle haben das Recht, am Reich Gottes* teilzuhaben. Alle Menschen haben dieselbe Würde, dieselben Rechte – also kann niemand ausgeschlossen werden.

Wie schätzen Sie den bisherigen Erfolg der #whoisgodtoday-Kampagne samt Gott* mit Sternchen ein?

Bis jetzt: sehr gut. Wir wollten irritieren und zu Diskussionen anregen. Ich habe das Gefühl, das hat zu 100 Prozent funktioniert. Ich finde nur schade, dass das Ganze von Anfang an nur auf das Gendersternchen reduziert wurde. Das hat zu einseitigen Reaktionen von Menschen geführt, die Gendern schlecht finden.

Nun ja, aber war das nicht absehbar, wenn man Gott mit Sternchen schreibt?

Schon. Es ist aber ein großer Unterschied, ob man einfach liest: KSJ gendert Gott*. Das ist falsch. Wir wollen Gott* nicht gendern, weil man ihn nicht auf eine Geschlechtlichkeit reduzieren kann. Obwohl uns einige missverstehen, denke ich, dass das Sternchen die richtige Entscheidung war. Denn nun gibt es eine aktive Diskussion darüber, was Gott* heutzutage eigentlich ist.

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