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Corona-Warn-Apps: Wie werden sie in anderen Ländern genutzt?

  • Gegen die zweite Welle spielen Corona-Apps kaum eine Rolle. Denn obwohl viele europäische Regierungen sie als wichtigen Teil ihrer Strategie gegen die Pandemie angepriesen haben, werden sie kaum genutzt.
  • In Frankreich etwa hatten nur vier Prozent der Bürger die App installiert.
  • In manchen Ländern werden die Corona-Apps sogar komplett aufgegeben.
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London. Sieben Monate nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa sind Apps zur Kontrolle der Ansteckungen nur mäßig erfolgreich. Nutzer zögern aus Datenschutzbedenken, werden von technischen Problemen abgeschreckt oder interessieren sich gar nicht erst für die Smartphone-Anwendungen.

Jetzt, da die Fallzahlen positiver Coronavirus-Tests wieder steigen, haben manche Länder ihre Corona-Apps sogar komplett aufgegeben oder müssen einräumen, dass nicht genügend Menschen sie nutzen, damit die Technologie überhaupt erfolgreich sein kann. In Finnland und Irland nutzt rund ein Drittel der Einwohner die Corona-App ihres Landes, in Deutschland sind es 22 Prozent und in Frankreich magere 4 Prozent.

Corona-Warn-App: Mehr Erfolg in kleineren Ländern

Gesundheitsbehörden hatten ursprünglich eine Anwendungsrate von 60 Prozent im Blick, basierend auf einer Studie der Universität Oxford vom April dieses Jahres, wobei Wissenschaftler aber auch eine niedrigere Rate als hilfreich ansahen, wenn zugleich andere Maßnahmen wie Abstandsregeln umgesetzt würden.

Buchhalter Kevin Kelly aus dem irischen Limerick sagt, die Corona-App seines Landes sei einfach zu bedienen und helfe dabei, lokale Infektionstrends zu messen, indem sie anzeige, wie viele Fälle in jedem Landkreis aufträten. Kelly benutzt hauptsächlich die Funktion, mit der Nutzer täglich ihre Symptome dokumentieren können.

Er sorgt sich aber darüber, dass nur ein Bruchteil der anderen 1,3 Millionen Nutzer dies ebenfalls tun. „Jeder hat die App heruntergeladen, aber ich bin mir nicht sicher, wer sie auch regelmäßig nutzt“, sagt der 43-Jährige. Die Warnfunktion bei Risikokontakten sei bislang wenig nützlich gewesen: Er habe bislang keinen Alarm erhalten. „Erst wenn es einen großen Anstieg der Zahlen gibt, wozu es wahrscheinlich kommen wird, werden wir sehen, wie effektiv die App ist“, sagt er.

Erfolgreicher sind Corona-Apps eher in den kleineren Ländern Nordeuropas, wo die Menschen ihrer Regierung stärker vertrauen und neuen Technologien offener gegenüberstehen. So ist die finnische App schnell die beliebteste in Europa geworden, nachdem sie Anfang September veröffentlicht wurde. In den ersten 24 Stunden wurde sie rund eine Million Mal heruntergeladen, inzwischen hat sie etwa ein Drittel der 5,5 Millionen Einwohner installiert.

Datenschutz spielt bei der App eine große Rolle

"Mich haben schon mehrfach Menschen um die 80 angerufen, weil sie wissen wollten, wie die App funktioniert", sagt Aleksei Yrttiaho, Sprecher des Finnischen Instituts für Gesundheit und Soziales. Das öffentliche Vertrauen in die Regierung hilft dabei, Sorgen um Datenschutz und staatliche Überwachung zu beschwichtigen. Finnische Nutzer sagten, sie hielten es für ihre Verantwortung als Bürger, die App zu installieren: "Es ist unsere Pflicht, uns um die Gesundheit unserer Mitbürger und Angehörigen zu sorgen", sagt Fotograf William Oesch (44) aus Helsinki.

Studentin Ella Ahmas von der Universität in Aalto überrascht es, dass so viele Menschen die App installiert haben, wo doch die Finnen weniger bereit gewesen seien, einfachere Methoden anzuwenden, wie etwa Masken in Bus und Bahn zu tragen: "Es ist eben kein großer Aufwand, die App herunterzuladen, sie funktioniert von allein", sagt die 23-Jährige. Ahmas wie auch Fotograf Oesch machen sich keine Gedanken wegen des Datenschutzes - sie sagen, ihre persönliche Daten seien bereits in der Hand von Google und Facebook.

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Die meisten europäischen Corona-Apps bauen auf einer Google-Apple-Schnittstelle an Smartphones auf, an der mithilfe von Bluetooth anonym andere Smartphones geortet werden, die die App ebenfalls installiert haben. Sie lokalisiert nicht, wo das Smartphone sich befindet. Wer positiv auf das Coronavirus getestet wurde, lädt einen anonymisierten Code hoch, der all jene Nutzer informiert, die engen Kontakt hatten. Das Design der Apps soll die Daten der Nutzer schützen, was die Bereitschaft zur Nutzung erhöhen soll. Dies erschwert allerdings, die Nutzung und Effektivität zu dokumentieren. Europäische Apps funktionieren noch nicht über die Grenzen hinweg, doch testen sechs Länder momentan ein virtuelles Tor, das dies ermöglichen soll.

Corona-Apps, die weniger anonym arbeiten, sind auch weniger erfolgreich gewesen. In Frankreich kritisieren Datenschützer die zentrale Datenspeicherung der App. Die norwegischen Behörden wiederum haben ihre App gestoppt, weil es Bedenken wegen der Nutzung von Standortdaten gab.

Nutzen der Corona-Warn-Apps ist noch unklar

Auch aus Israel heißt es, die Nutzung der App sei nicht so wie erwartet; die israelische Anwendung benötige sowohl Bluetooth als auch Standortdaten des Telefons. "Das Datenschutz-Problem ist eine politische Entscheidung: je höher der Datenschutz, desto glaubwürdiger die App", sagt Sozialwissenschaftler Sean L’Estrange von der Universität Dublin. Die britische Regierung hingegen hat wegen technischer Probleme in der neuen Corona-App für England und Wales eine zentralisierte Lösung zugunsten einer Google-Apple-Technologie aufgegeben.

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Teuer sind die Corona-Apps nicht. Das Startup NearForm hat die irische Anwendung für 850.000 Euro entwickelt, auch Finnlands App kostete weniger als 900.000 Euro. Die USA haben keine landesweite Corona-App, doch manche US-Staaten haben ihre eigene entwickelt, wobei Pennsylvania und Delaware die Technologie von NearForm verwenden.

Doch ist unklar, ob die Apps tatsächlich dabei helfen, die Pandemie einzudämmen. "Vielleicht werden wir es nie sicher wissen", sagt Informatiker Stephen Farrell, der am Trinity College in Dublin Tracing-Apps erforscht. Das liege daran, dass die meisten Apps keine Kontaktinformationen von den Nutzern verlangen, und ohne die könnten die Gesundheitsbehörden die Ansteckungen nicht nachverfolgen.

Zumindest zeigen Corona-Apps an, wie oft sie einen Alarm verschickt haben. In Irland haben mehr als 300 Menschen mit positivem Coronavirus-Test ihre Codes in der App hochgeladen. Daraufhin wurden 900 Warnungen an Nutzer verschickt, die engeren Kontakt hatten. Insgesamt gibt es in Irland 33.000 bestätigte Fälle.

RND/AP

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