Erste Reaktionen auf die Corona-Warn-App: Ein großer Kritikpunkt bleibt

  • Seit Dienstag steht die offizielle Corona-Warn-App zum Download bereit.
  • IT-Experten sehen keine groben Mängel und loben die Entwicklung.
  • Doch viele potenzielle Nutzer stören sich daran, dass die App auf älteren Geräten nicht funktioniert.
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Die deutsche Corona-Warn-App stößt bei vielen Smartphone-Nutzern auf Interesse. Bereits am ersten Tag konnte die Anwendung insgesamt mehr als 6,4 Millionen Downloads generieren. Das teilte das Bundesgesundheitsministerium am Mittwochmorgen mit. „Dieser starke Start sollte noch mehr Bürger motivieren, mitzumachen. Denn Corona eindämmen, das ist ein Teamspiel“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

In den Stores erhielt die App gebündelt mehr als 50.000 Rezensionen, die meisten davon positiv. Im Play Store lag die Bewertung bei 4,7 Sternen, im App Store bei 4,8 von 5 möglichen Sternen.

IT-Experten loben die Corona-Warn-App

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Auch IT-Experten sehen keine größeren Bedenken und loben den Entstehungsprozess. Die Entwicklung der App sei zumindest in der Schlussphase “vorbildlich gelaufen”, sagte Linus Neumann vom Chaos Computer Club (CCC) gegenüber “ZDFheute”. “Die App ist das erste große öffentlich finanzierte Open Source Projekt in Deutschland. Da kann sich die Bundesregierung doch auch mal auf die Schulter klopfen”.

Patrick Bellmer, Experte der Computerfachzeitschrift c’t, lobt die Übersichtlichkeit. „Sie ist wirklich sehr einfach beschrieben – für eine App, die so viel Technik beinhaltet, etwa in Sachen Verschlüsselung, und unter Beteiligung mehrerer Firmen ist das bemerkenswert“, sagte er der “Neuen Presse”. Markus Beckedahl von “Netzpolitik” betonte die Vorteile des digitalen Trackings gegenüber der analogen Kontaktverfolgung. Bei einem IT-Projekt zu einem sensiblen Thema habe die Bundesregierung “ausnahmsweise vieles richtig gemacht”.

Kritik an der Warn-App: Ältere Smartphones ausgeschlossen

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Doch es gibt auch Kritik am fertigen Produkt. Leser und Twitter-Nutzer bemängeln vor allem die fehlende Kompatibilität mit älteren Geräten. Eine Installation ist auf Apple-Geräten erst ab dem Betriebssystem iOS 13.5 möglich. Ältere Modelle wie das iPhone 5, 5s oder 6 reichen dafür nicht aus. Diese Smartphones sind jedoch noch immer weit verbreitet, weil zum Beispiel das iPhone 6 im Erscheinungsjahr 2015 in großen Stückzahlen verkauft wurde. Auch bei Android sind nicht alle Smartphones kompatibel für die App. Auf dem Gerät muss mindestens Android 6 installiert sein, zudem müssen die Google Play Services laufen.

Dies liegt nicht etwa an Versäumnissen seitens der App-Entwickler, vielmehr ist die für die Anwendung benötigte Bluetooth Low Energy-Technologie (BLE) und die Programmierschnittstelle (Exposure Notification API) in den älteren Geräten seitens Apple und Google nicht implementiert. Diese Technik ist für die zentrale Funktion des Trackings allerdings elementar. Denn nur über BLE ist es möglich, dass der Bluetooth-Abgleich auch dann erfolgt, wenn die App im Hintergrund läuft.

Es gibt keine genauen Zahlen dazu, wie viele Menschen tatsächlich ein Smartphone besitzen, auf dem die App nicht funktioniert. Wie Apple selbst mitteilt, läuft auf 70 Prozent der eigenen Geräte das Betriebssystem iOS 13. Diese Version ist Voraussetzung für ein Update auf iOS 13.5. Der Marktanteil von iOS-Smartphones lag laut Statista im Januar diesen Jahres in Deutschland bei 21 Prozent. Weitaus verbreiteter sind Android-Geräte. Hier reicht die Kompatibilität zumindest weiter in die Vergangenheit zurück. Laut einer Erhebung von Statcounter ist auf 9 von 10 Smartphone das Betriebssystem 6 oder neuer installiert.

Ebenfalls ausgeschlossen sind die Nutzer neuerer Huawei-Geräte. Auf den Modellen Mate 30, P40 Pro oder Honor 30 etwa läuft wegen US-Sanktionen lediglich eine Open-Source-Variante von Android, die die App-Schnittstelle nicht beinhaltet. Huawei hat allerdings angekündigt, den notwendigen Service selbst nachzubauen. Zu vermuten ist, dass vor allem ältere Menschen und jene mit geringerem Einkommen Smartphones ohne App-Schnittstelle besitzen. Auch Menschen, die nicht über ein Smartphone verfügen, sind von der Nutzung der App ausgeschlossen. Insgesamt nutzten laut einer Erhebung von Statista im Jahr 2019 rund 57,7 Millionen Deutsche ein Smartphone.

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So funktioniert die neue Corona-Warn-App
1:07 min
Die offizielle Corona-App ist in Deutschland an den Start gegangen. Sie soll im Kampf gegen Covid-19 beitragen und Nutzern mögliche Risiken aufzeigen.  © RND

Das Robert Koch-Institut bestätigte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, dass die Corona-Warn-App erst ab den genannten Versionen der Betriebssysteme funktioniert. “Über mögliche Änderungen können Ihnen ggf. die Hersteller Auskunft geben", heißt es. Damit die Anwendung auf mehr Smartphones läuft, müssten also Apple und Google ihre Schnittstellen für ältere Betriebssysteme öffnen.

Fake-Apps im Umlauf

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Bei einigen Smartphone-Besitzern hat bereits die Suche nach der richtigen Anwendung im App und Play Store für Verwirrung gesorgt. Dabei ist es wichtig, den vollständigen Namen “Corona-Warn-App” in das Suchfenster einzugeben. Unter den Begriffen “Corona-App” oder “Corona” ist die App bisher nicht auffindbar. Es besteht die Gefahr, dass Anwendungen von privaten Unternehmen oder Betrügern heruntergeladen werden.

Bereits in der vergangenen Woche warnten Sicherheitsexperten des kalifornischen Unternehmens “Anomali” davor, dass Cyberkriminelle das Design und die Funktionen offizieller Apps nachbauen. Die falschen Tools bergen ein hohes Gefahrenpotenzial und können im schlimmsten Fall Malware auf das Smartphone spielen. Die Bundesregierung empfiehlt einen Download über die offizielle Seite coronawarn.app.

Schwachstellen bei Hotline-Verfahren

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber sieht unterdessen noch Nachholbedarf bei der Testregistierung mithilfe einer telefonisch erfragten TAN. Eigentlich ist vorgesehen, dass Nutzer ihr positives Testergebnis über einen QR-Code registrieren und teilen. Da noch nicht alle Labore in der Lage sind, die Codes zu generieren, führt ein Weg über eine Hotline, bei der persönlich eine TAN erfragt wird.

„Der Medienbruch von der App zur telefonischen Hotline ist keine gute Lösung“, kritisierte Kelber. Die Gründe dafür seien zwar plausibel. „Es ist aber klar, dass der Weg über die Hotline nicht mit einer vollständig pseudonymen Nutzung der App über das automatisierte Verfahren mithalten kann“, sagte der Datenschutzbeauftragte. Zugleich habe er durch eingehende Beratung „die unangemessene Speicherung von personenbezogenen Daten aller Anrufer der Hotline abgewendet“.

Skepsis gegenüber der Standort-Abfrage

Als weiterer Punkt wird in den Play Stores von Google und bei Twitter die benötigte Standort-Abfrage auf Android-Geräten diskutiert. Dies ist auf die Vorgaben seitens Google zurückzuführen. Ohne die Freigabe kann die Bluetooth-Funktion nicht genutzt werden. Die Tatsache stößt bei Entwicklern immer wieder auf Kritik.

App kann Akkulaufzeit verringern

Erste Nutzer klagen in den Rezensionen über einen erhöhten Strombedarf ihres Smartphones seit der Installation der App. Die Entwickler versprechen hingegen, dass die App nicht viel Strom verbrauche und nur einen winzigen Bruchteil der Akku-Kapazität in Anspruch nehme.

Wenn andere Anwendungen zusammen mit der Corona-Warn-App den Ruhezustand verlassen, zum Beispiel Social-Media-Clients oder E-Mail-Programme, kann das schon die Laufzeit des Smartphones verkürzen. Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass die App nicht ständig funkt, sondern nur alle zweieinhalb bis fünf Minuten. Der Stromverbrauch dürfte zudem abhängig vom Smartphone-Modell sein. Bei älteren Geräten hat die Aktivierung der Bluetooth-Funktion mitunter stärkere Auswirkungen auf die Akku-Laufzeit. Android-Nutzer können in den Akku-Einstellungen selbst überprüfen, welche App wie viel Strom frisst.

mit dpa

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