Bildung auf Social Media: Youtube und Co. machen Schule

  • Während Schulen und andere Bildungseinrichtungen geschlossen sind, verlagert sich das Lernen ins Internet. Lernportale, Schul-Apps und Nachhilfe-Programme sollen helfen, den ausbleibenden Input zu ersetzen.
  • Doch auch in Sozialen Medien floriert der Bildungsbereich.
  • Youtube, Instagram und TikTok bieten Jüngeren ein vertrautes Umfeld und Alternativen zu frontalem Unterricht.
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„Sie haben mir in diesen zwei Minuten mehr beigebracht, als mein Mathelehrer in einem Jahr.“ Mit diesem Kommentar bedankt sich ein Youtube-Zuschauer bei Lehrer Schmidt. Es ist nur einer von unzähligen positiven Beiträgen unter den Videos von Klaus Schmidt. In klarer Sprache und kurzen Sätzen, mit einer Kamera, Stift und Papier gewappnet, wiederholt der Schulleiter in den Clips den Stoff aus dem Unterricht.

Seinen Youtube-Erfolg sieht Schmidt in der Kürze der übermittelten Inhalte: „Ich hab für mich den Leitspruch, der fast immer funktioniert: Alles was ich nicht in fünf Minuten erklären kann, dauert zu lange“, sagt er gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Auch wüssten seine Schüler zu schätzen, dass Inhalte jederzeit und nicht eben nur freitags in der sechsten Stunde verfügbar sind. Vor sechs Jahren hat Schmidt damit begonnen, audiovisuelle Nachhilfe zu produzieren. Seine Schüler motivierten ihn dazu, die Inhalte für alle verfügbar auf Youtube hochzuladen. Mittlerweile sind es mehr als 1300 zu den Schulfächern Mathematik und Physik, 520.000 Abonnenten folgen seinem Youtube-Kanal.

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„Ich verstehe meine Videos als Ergänzung zum Unterricht. Ich glaube, dass gerade diese spezielle Form des Lernvideos viele Vorteile bietet, die man mit dem Regelunterricht kombinieren kann, zum Beispiel zu Hausaufgaben.“

Studie zeigt: Jugendliche nutzen Youtube-Videos für Hausaufgaben

Wie wichtig das Medium für Schüler geworden ist, zeigt sich nicht erst seit der Corona-Krise. 86 Prozent der 12- bis 19-Jährigen nutzen die Videoplattform regelmäßig, zeigt eine Studie, die 2019 vom Rat für Kulturelle Bildung erstellt wurde. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Musikvideos, Schminktipps oder Streiche. Zwar haben die meisten der 818 Befragten nach wie vor den Anspruch, dass ein Video „unterhaltsam“, „witzig“ und „neu/zeitgemäß“ sein soll, doch jeder Zweite hält Youtube-Videos auch in Bezug auf die Schule für wichtig bis sehr wichtig. Dabei geht es vor allem um Inhalte, die Schüler während des regulären Unterrichts nicht verstanden haben, sowie die Hilfe bei Hausaufgaben.

Der Studie zufolge fördern Youtube-Videos Neugierde, begeistern, motivieren und unterstützen Jugendliche in ihren Interessen. „Zudem haben sie den Eindruck, dass vieles von dem Gezeigten für sie machbar und leicht umzusetzen sei“, heißt es. Leuchttürme mit hohen Zugriffszahlen wie das viel diskutierte Rezo-Video oder die Inhalte der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim zeigen, dass sich die junge Zielgruppe durchaus via Social Media informiert.

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Gefahren durch unseriöse Quellen

Auch Thomas Langer vom Deutschen Philologenverband rechnet dem Medium Chancen zu: „Ich sehe bei Youtube ein großes Potenzial, was Erklärvideos angeht.“ Vor allem das Konzept des „Flipped Classroom“ hebt er hervor. Dabei werden Lerninhalte, die sonst im Frontalunterricht stattfinden, den Schülern zu Hause in audiovisueller Form nähergebracht. In den Unterrichtsstunden soll so mehr Zeit für Rückfragen, Mentoring und gemeinsames Arbeiten bleiben.

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Doch Langer warnt auch vor Risiken. Eine große Gefahr sieht er beispielsweise dadurch, dass Schüler unseriöse Quellen möglicherweise nicht identifizieren können. „Gerade jetzt mit den aufkommenden Verschwörungstheorien, habe ich immer mehr Probleme damit, den Schülern klarzumachen, dass es einen Unterschied macht, ob ich die Quelle einer großen deutschen Tageszeitung habe, oder irgendeines komischen, windigen Typen.“

Informationen im 60-Sekunden-Format

Auch bei TikTok wollen Influencer Verschwörungstheoretikern den Nährboden nehmen. Einer von ihnen ist der Arzt Felix Berndt, der täglich neue Inhalte veröffentlicht. Das Stethoskop lässig über den Schultern geworfen und mit ausladender Gestik, erklärt er der TikTok-Community Verhütungsmethoden, warum eine kalte Dusche hilft oder gibt Tipps zur anstehenden Abitur-Prüfung. Aber auch das Coronavirus ist Thema. Ein Video zur Frage, wann ein Impfstoff gegen Covid-19 kommt, wurde bis heute mehr als zwei Millionen Mal aufgerufen.

Bei TikTok ist die Länge der hochgeladenen Videos auf nur 60 Sekunden beschränkt. Das erschwert die Vermittlung von fundiertem Wissen. Dennoch haben sich unter den Hashtags #edutok viele Influencer auf informative Inhalte spezialisiert. Die Kampagne wurde im vergangenen Herbst von TikTok selbst ins Leben gerufen, ursprünglich um indischen Nutzern Zugang zu Bildung zu gewähren und sie beim Englischlernen zu unterstützen. „Ich war auch überrascht, dass man tatsächlich in einer Minute schon sehr viel Information weitergeben kann. Allerdings sind zum Beispiel Nachrichten im Radio auch nicht unbedingt viel länger“, sagt Felix Berndt dem RND.

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Als „Doc.Felix” ist Berndt gleichzeitig auch bei Instagram aktiv. Denn auch in dem bildlastigen Netzwerk findet zunehmend Bildung statt. Kanäle wie der der Londoner Science Museums, „Fluter”, das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung oder das WDR-Wissenschaftsmagazin „Quarks“ haben informieren mehrere Hunderttausend Follower mit Bildern und Videos über alltägliche Phänomene, Geschichtliches oder Naturwissenschaften. Dabei nutzen die Ersteller auch die „Stories“-Funktion, in der Quizze, Umfragen und Abstimmungen als Tools zur Verfügung stehen. In den „Highlights“ lassen sich zudem Informationen bündeln, die so zu kompakten Lehr-Paketen geschnürt werden können.

Social Media: Mehr als nur Cybermobbing

Das bereits bestehende Angebot an Bildungskanälen auf Social Media zeigt, dass Inhalte nicht immer nur kurzweilig und unterhaltend sein müssen. Zwischen Beiträgen zu beliebten Themen wie Fitness, Mode und Lifestyle findet sich durchaus Platz für informative Videos, Bilder und Postings, die mit zunehmendem Interesse von Nutzern konsumiert werden. Jedes Medium bietet mit seinen äußeren Vorgaben Raum für verschiedene Formate. Während auf Youtube lange Tutorials stattfinden, die zum Nachmachen anregen, werden bei Instagram-Live Fragen beantwortet und auf TikTok komplexe Informationen in 60-Sekunden-Clips komprimiert.

An einigen Schulen werden die Plattformen deshalb mittlerweile nicht mehr nur als Problemherd sondern auch als Chance gesehen und in den Unterricht integriert. Das führt von der kritischen Auseinandersetzung mit eigenen Social-Media-Inhalten über Recherche bei Youtube bis hin zur Erstellung eines fiktiven Instagram-Accounts für die Schule. Gerade in den vergangenen Wochen hat die Digitalisierung durch die Einschränkungen zusätzlich an Fahrt aufgenommen.

Auch Lehrer Klaus Schmidt sieht einen passenden Moment für die Etablierung neuer Medien im Unterricht: “Ich hoffe, dass jetzt all das, was sich in den letzten Wochen getan hat, in den hoffentlich bald wieder stattfindenden Regelbetrieb integriert werden kann. So wie ich das wahrnehme, nutzen Schüler Soziale Medien sowieso und für mich wäre jetzt der Moment gekommen, dass man das auch als Schule aktiv nutzt."

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