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Belästigung im Netz – „Es ist erschreckend, was Stalker so schreiben“

  • Die „No Stalk-App“ der Weißen-Ring-Stiftung soll Betroffenen helfen, sich gegen Stalking zur Wehr zu setzen.
  • Die neue App enthält eine Cloud, die Opfern bei der gerichtssicheren Dokumentation der Belästigung helfen soll.
  • Durch einen Hilfe-Button können Opfer mit einem Klick den Notruf absetzen, das Opfertelefon kontaktieren oder eine SMS an eine hinterlegte Nummer schicken.
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Potsdam. Die No-Stalk-App der Stiftung Weißer Ring soll Betroffenen helfen, sich gegen Stalking zur Wehr zu setzen. Doreen Preisendanz vom Landesbüro Brandenburg und Gert Korndörfer von der Außenstelle in Potsdam erklären im Gespräch, was sie sich von der neuen App versprechen.

Wie kann eine App helfen, einem Stalker das Handwerk zu legen?

Korndörfer: Ein Stalker nutzt alle Möglichkeiten, um mit dem Opfer in Kontakt zu treten, es zu verfolgen und zu belästigen. In unseren Stalking-Beratungen raten wir den Opfern zu einer umfassenden Dokumentation aller Vorfälle. Die neue App hilft ihnen, eine gerichtssichere Dokumentation der Belästigung zu erstellen. Mit diesen Infos können sie dann zur Polizei gehen.

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Was kann die No-Stalk-App und wie funktioniert sie?

Preisendanz: Die App hat drei Module: Erstens können sich Opfer über ihre Rechte informieren, was sie sich gefallen lassen müssen und was nicht. Zweitens können mit der App Stalking-Vorfälle dokumentiert werden: Fotos, Videos, Audio- und Sprachaufnahmen können chronologisch gespeichert werden. Und mit dem Hilfe-Button können Opfer mit einem Klick den Polizei-Notruf absetzen, das Opfertelefon des Weißen Rings kontaktieren oder eine Info-SMS an eine hinterlegte Telefonnummer schicken. In Notsituationen kann man einen signalroten Alarmton-Button drücken, um mit einem schrillen Ton auf sich aufmerksam zu machen.

Doreen Preisendanz und Gert Korndörfer vom Brandenburger Landesbüro der Stiftung Weißer Ring präsentieren die App.

Nachrichten und Mails, mit denen Opfer belästigt wurden, kann man auch so auf dem Handy sammeln. Was ist der Vorteil der App?

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Preisendanz: Weil bei Stalking oft Gewalt mit im Spiel ist, kann es sein, dass dem Opfer das Handy aus der Hand gerissen wird. Wenn das Handy gestohlen oder zerstört wird, sind alle Beweise weg. Über die App werden deshalb alle Daten in einer Cloud gespeichert. Alle Fotos, Wortbeiträge und Videos verbleiben nicht auf dem mobilen Gerät, sondern werden verschlüsselt an einen sicheren Server übertragen.

Warum löschen Betroffene oftmals Nachrichten, statt die Stalking-Vorfälle zu dokumentieren?

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Korndörfer: Es ist keine Seltenheit, dass Stalking-Opfer am Tag mehr als hundert WhatsApp-Nachrichten und Mails vom Täter bekommen – von tränenreichen Liebeserklärungen bis hin zu abartigsten Beschimpfungen. Irgendwann sagen dann viele Opfer, sie haben keine Lust mehr darauf, sperren ihre Social-Media-Accounts und wechseln die SIM-Karte. Genau diese Beweise fehlen dann aber vor Gericht.

Stalking ist eine Straftat. Sind die Aufnahmen vor Gericht als Beweis verwertbar?

Korndörfer: Meist gehen mit dem Stalking noch andere Straftaten einher, etwa konkrete Bedrohungen, Morddrohungen oder Sachbeschädigungen, zum Beispiel, wenn ein Auto zerkratzt wird. Dann gibt es eine Anklage und Verurteilung. Die Chancen, dass dem Stalker der Prozess gemacht wird, sind nicht gering. Die App vereinfacht es, Taten zu dokumentieren, und macht sie beweiskräftig. Diese Beweise haben vor Gericht Bestand. Wenn das Gericht nur mündliche Aussagen hat, hätte das Opfer weniger Chancen.

Ab wann reden wir überhaupt von Stalking?

Korndörfer: 80 Prozent der Taten gehen aus vorherigen Beziehungen zwischen Opfer und Täter hervor. Die Grenze ist erreicht, wenn ich als Betroffene klar gesagt habe: Es ist Schluss, unsere Beziehung ist beendet, und ich möchte keinen Kontakt mehr. Sollte derjenige danach über vier Wochen lang noch bis zu zehnmal Kontakt aufnehmen und täglich hunderte Nachrichten schreiben, redet man von Stalking. Wichtig für den Straftatbestand ist, nicht mehr darauf zu reagieren.

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Was tun Stalker, um ihr Opfer zu belästigen und zu bedrohen?

Korndörfer: Die Täter nutzen alle Möglichkeiten, um physische Nähe zum Opfer herzustellen: Sie laufen zu Fuß neben dem Opfer her, verfolgen es mit dem Auto und dringen in den Privatraum ein, indem sie Briefkästen aufbrechen oder Autos auf dem Parkplatz zerkratzen. Sie versuchen, Einfluss auf frühere Arbeitskollegen und Freunde zu nehmen. All das geschieht mit dem Ziel, irgendwie Kontakt zum Opfer aufzunehmen. Es gibt Tage, an denen die Opfer riesige Rosensträuße und Liebeserklärungen bekommen und andere, an denen sie bedroht werden oder ihre Haustür eingeschlagen wird. Für den Stalker ist jegliche Reaktion ein Ansporn.

Hat sich Stalking durch digitale Medien verändert?

Korndörfer: Smartphones und soziale Netzwerke sind für Stalker ein Hilfsmittel, um mit dem Opfer leicht in Kontakt zu treten. Auch deshalb, weil jeder das Handy bei sich trägt. Abends liegt es auf dem Nachtisch, und das Opfer kann noch um 1 Uhr nachts erreicht werden. Wenn früher handschriftlich ein Brief aufgesetzt wurde, war jedem klar, dass das ein Dokument ist, das schriftlich niedergelegt wurde. Elektronische Medien wirken enthemmend. Ohne Rücksicht wird schnell etwas ins Handy getippt. Es ist erschreckend, was Stalker so schreiben. Darunter sind die schlimmsten Beschimpfungen, die man sich vorstellen kann.

Was sollte man tun, wenn man einen Stalker hat?

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Preisendanz: Opfer sollten eine klare Ansage machen, dass die Beziehung vorbei ist und kein Kontakt mehr gewünscht wird, weder Anrufe, noch E-Mails, noch WhatsApp-Nachrichten. Denn jede Reaktion – egal ob positiv oder negativ – ist eine Motivation für den Täter, sein Opfer zurückzugewinnen. Wichtig ist dann eine umfassende Dokumentation zu Beweiszwecken. Auch das Umfeld, also Mitbewohner und Arbeitskollegen, sollten informiert werden, weil mehrere Augen wachsamer sind. Anschließend kann polizeilich Anzeige erstattet werden. Wichtig ist, dass Opfer, die sich akut bedroht fühlen, direkt die 110 wählen.

Von Diana Bade/RND