Debatte um chinesische Apps: So entstand Chinas digitales Ökosystem

  • In China hat sich über Jahre hinweg ein eigenes digitales Ökosystem entwickelt.
  • Mit dem Erfolg von TikTok stehen plötzlich chinesische Apps auch in den USA und in Europa im Fokus der Aufmerksamkeit.
  • Doch es ist unwahrscheinlich, dass es jetzt zu einer weiteren Annäherung kommt.
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Der Aufstieg von Tiktok ist rasant: Innerhalb kürzester Zeit hat sich die App vom Teenager-Geheimtipp zu einer echten Konkurrenz für Facebook, Instagram, Snapchat und Co. entwickelt. Doch je beliebter die App aus China wird, desto größer wird auch das Misstrauen, das ihr entgegenschlägt.

In den USA spekuliert die Regierung sogar über ein Verbot. Zumindest schloss das US-Außenminister Mike Pompeo Anfang Juli nicht aus, als er, angesprochen auf die Frage, ob man soziale Medien aus China und speziell Tiktok nicht verbieten sollte, antwortete: “Wir nehmen das sehr ernst. Wir sehen es uns auf jeden Fall an.” In Indien ist die Regierung schon einen Schritt weitergegangen und hat zahlreiche chinesische Apps verboten. Das Argument: Chinesische Apps seien ein Sicherheitsrisiko.

Baidu, Alibaba und Tencent

Die Debatte – ob berechtigt oder politisch aufgeheizt – macht dabei vor allem eines wieder deutlich: In China ist ein komplett eigenes digitales Ökosystem entstanden, mit eigenen Regeln und eigenen Voraussetzungen. Tiktok, ein Produkt der chinesischen Firma Bytedance, ist dabei erstmals etwas gelungen, was bisher noch kein chinesischer App-Konzern geschafft hat: der Durchbruch im Westen.

Die drei großen chinesischen Techgiganten werden dagegen häufig noch in Relation zu ihren US-amerikanischen Pendants beschrieben. Besondere Aufmerksamkeit erhält das sogenannte BAT-Trio: Baidu gilt als das “chinesische Google”. Alibaba, das “chinesische Amazon”, hat 2019 rund 56 Milliarden US-Dollar Umsatz erwirtschaftet. Bei Tencent dagegen handelt es sich um einen Megakonzern, zu dem unter anderem We Chat gehört, und der deshalb auch als das “chinesisches Facebook” bezeichnet wird. Zu Recht?

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Jack Ma ist der Gründer von Alibaba. © Quelle: imago images / Xinhua

“Die Copy-Cat-Zeiten sind vorbei”

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Tatsächlich sei der Vergleich gar nicht so unpassend, denn die Unternehmen böten ähnliche Dienstleistungen an, sagt der China-Experte Kai von Carnap vom Mercator Institute for China Studies. “In manchen Bereichen sind die chinesischen Counterparts etwas breiter und tiefer aufgestellt.” So ist etwa das Chatprogramm We Chat von Tencent einerseits deutlich konkurrenzloser als etwa Whatsapp und hat andererseits zum Beispiel mit Mobile-Payment auch mehr Funktionen. Daher ist auch der Vorwurf, die chinesischen Media-Apps seien nur ein bloßer Abklatsch der US-amerikanischen Vorbilder, längst nicht mehr zutreffend: “Die Copy-Cat-Zeiten sind vorbei”, sagt von Carnap. In anderen Bereichen – wie etwa bei der Gesichtserkennung – stünden chinesische Unternehmen sogar weltweit an der Innovationsspitze.

Den US-amerikanischen Tech-Unternehmen, die einen Siegeszug durch die ganze Welt angetreten haben, ist der Durchbruch in China wiederum aus verschiedenen Gründen nicht gelungen. Eine wichtige Rolle in den vergangenen zehn Jahren spielte die chinesische Zensur, sagt von Carnap. Die chinesische Firewall blockt den Zugang zu Facebook, Twitter und Co. Will ein Unternehmen in China verfügbar sein, muss es sich an diese Regeln halten. Als 2018 bekannt wurde, dass Google eine Rückkehr nach China plane und dabei auch eine Zensur der Suchergebnisse in Kauf nehmen würde, war der öffentliche Aufschrei groß. Google ließ das Projekt “Dragonfly” schnell wieder in der Versenkung verschwinden.

Keine Rücksicht auf Datenschutz

Wer sich auf dem hoch kompetitiven chinesischen Markt durchsetzen will, muss wachsam, ehrgeizig und innovativ sein. Der Vorteil, die ersten Großen auf ihrem Gebiet gewesen zu sein, nutzt Facebook, Amazon und Co. in China nicht viel. Besonders, wenn man bedenkt, mit welchem Ansatz die Firmen aus dem Silicon Valley antraten, um den chinesischen Markt zu erobern: “Man hat versucht, die westliche Modelle einfach auf den chinesischen Markt zu transferieren”, sagt von Carnap. Doch während, was in Los Angeles funktioniert, auch meist in Berlin irgendwie klappt, ist das in China anders: Google etwa rühmt sich seines schlanken, klaren Designs – chinesische Suchmaschinen wie Baidu dagegen sind mit Informationen überladen, weil das die Nutzer so wollen.

Ein weiterer Vorteil, den chinesische Unternehmen gegenüber der ausländischen Konkurrenz lange nutzen konnten: Um Datenschutz mussten sie sich keine Gedanken machen und konnten stattdessen fleißig sammeln. “Über viele Jahre hatten die chinesischen Firmen so die Möglichkeit, ihre Algorithmen oder Werbestrategien zu verbessern”, sagt von Carnap.

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Folgen auf Tiktok weitere Apps?

Auf diese Weise hat sich in China ein eigenes Ökosystem entwickelt, zu dem neben dem BAT-Trio noch viele weitere Tech-Unternehmen gehören. Eine Annäherung an den Westen erfolgt derzeit eher indirekt. Tencent etwa besitzt Beteiligungen an zahlreichen westlichen Gaming-Unternehmen wie “Fortnite”-Publisher Epic Games oder auch an Spotify, Snapchat und Tesla. Wird das auf Dauer so bleiben? Oder kommen nach dem Erfolg von Tiktok mehr chinesische Unternehmen mit Social-Media-Apps nach Europa und Amerika?

Der Fall TikTok macht es jedenfalls nicht einfacher. Seit das Unternehmen Erfolge in Europa und den USA verzeichnet, ist es quasi dauerhaft damit beschäftigt, sich im Westen rhetorisch von China abzugrenzen: Man teile keine Daten mit der chinesischen Regierung, man habe einen amerikanischen CEO – auch aus Hongkong zog das Unternehmen demonstrativ ab, nachdem dort das umstrittene chinesische Sicherheitsgesetz in Kraft getreten war. “TikTok wird nicht in China angeboten”, sagte eine Unternehmenssprecherin. “TikTok arbeitet mit lokalen Ländergesellschaften im Zuge unseres Ansatzes, vor Ort Teams und Standorte aufzubauen, um Märkte bestmöglich zu bedienen.”

“TikTok war kein guter Wegweiser”, sagt von Carnap und kritisiert unter anderem die mangelhafte Kommunikation des Unternehmens, aber auch den Datenschutz. Die große Kritik an TikTok, etwa aus den USA, habe jedoch auch einen politischen Hintergrund.

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China will sich unabhängig machen

Und umgekehrt? Kommen die großen Tech-Firmen aus dem Ausland zurück auf den chinesischen Markt? Auch das scheint eher unwahrscheinlich. Natürlich ist China mit rund 1,4 Milliarden Einwohnern ein lukrativer Markt, der den amerikanischen Tech-Unternehmen derzeit entgeht. Bestrebungen, dort Fuß zu fassen, waren zuletzt aber eher zaghaft. Facebook etwa eröffnete 2018 eine Innovationsplattform in China – die bereits nach einem Tag ihre Zulassung verlor. “Es gibt in China eine klare Bestrebung, sich unabhängig von ausländischer Technologie zu machen”, sagt von Carnap.




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