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600-Euro-Kopfhörer AirPods Max im Test: Apples Krone fürs eigene Ökosystem

  • Die neuen AirPods Max von Apple sind ein echter Aufreger – egal, wie man nun zum Weltkonzern aus Cupertino steht.
  • Auf der einen Seite ist da die schon fast mit Arroganz zu bezeichnende Lässigkeit, einen Kopfhörer zum iPad-Preis auf den Markt zu bringen.
  • Auf der anderen Seite die Faszination, den jüngsten Streich aus Kalifornien zu hören und zu sehen. Ein Testbericht.
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Apple ist spät eingestiegen in den Wettlauf um die besten drahtlosen Kopfhörer. Und natürlich wollen die Kalifornier den Markt gleich von der Spitze erobern: Mit einem Gerät, das doppelt so viel kostet wie das Topgerät 700 von Bose oder Sonys WH-1000XM4. Einzig Bang & Olufsens Highend-Gerät H95 kostet mit 800 Euro noch mehr als die AirPods Max. Dafür gibt es dann auch Cinchkabel und Flugzeugadapter dazu. Die AirPods Max bringen im Vergleich zu den beiden Hauptkonkurrenten auf den ersten Blick einige Einschränkungen mit sich. Diese können für Nicht-Apple-User durchaus mühsam sein, garantieren für Anhänger des Ökosystems aber ungeahnten Komfort.

Denn das Ökosystem, von dem später noch ausführlich die Rede sein wird, da bei Apple die Produktwelten immer untrennbarer und somit auch komfortabler miteinander verwoben werden, sind das Rückgrat dieses doppelt teuren und doppelt schweren Highendteils. Wer Apples Biotop als Außenstehender mit einigem Recht als geschlossenes System bezeichnet, dem er nicht seine gesamten Endgeräte unterwerfen möchte, für den sind die wirklich wunderbar designten, extrem hochwertigen und klanglich überragenden AirPods Max eher nichts.

Kein Anschluss nach draußen

Denn ihnen fehlen so einfache Dinge wie ein Cinchkabel oder eine Steuerungs-App zum Auspegeln des Klangs. Einzige Verbindung zur Außenwelt sind ein Lightninganschluss, wie ihn Apple auch bei den iPhones und den Ladegeräten der AppleWatch verwendet. Noch nicht einmal USB-C, wie es iPad, Mac und und die meisten Smartphones außerhalb des Apple-Biotops verwenden, hat man den AirPods Max gegönnt. Auch keine standesgemäße Schutzkleidung übrigens.

Die Luxusware aus Aluminium und Stahl, deren Wertigkeit einen aus allen verwendeten Materialien geradezu anspringt, muss in ein handtaschenartiges Plastikläppchen verschwinden, in dem es durch mysteriöse Niedrigenergie ihren Akku schonen soll. Diese Hülle erinnert eher an die Kunststoffe, die man gemeinhin bei einem neuen Hightechprodukt beim ersten Auspacken entfernt …

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Sobald man die 384,8-Gramm-Schwergewichte aufsetzt, verbinden sie sich automatisch mit dem oder den in der Nähe befindlichen Apple-Geräten. Ob Musik auf dem iPad, ein Film auf dem Mac oder bei Apple TV, ein Anruf auf dem iPhone – die AirPods Max wechseln automatisch mit ihrem User die Quelle, in Sekundenbruchteilen und ohne, dass der dafür irgendetwas tun müsste. Ähnlich minimalistisch ist der Rest der Bedienung. Siri folgt einem artig auf Ansprache. Per Druck auf den einzigen Button am Gerät wird das Noise-Cancelling eingestellt, und augenblicklich herrscht auch am offenen Fenster an viel befahrener Straße – Ruhe. Ein weiterer Knopfdruck bringt einem die Welt wieder zurück. Im Transparenzmodus lässt sich fabelhaft telefonieren und Musik hören, ohne die Umgebung komplett zu vergessen. Dreht man allerdings das Rändelrädchen, das von der AppleWatch entlehnt wurde, auf laut, dann hört man auch nichts mehr eingedenk des Klangvolumens, das einen umgibt.

Die AirPods Max glänzen mit hochwertigen Materialien und makelloser Verarbeitung. © Quelle: Apple Inc.
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An Apples Klang kommt niemand ran

Wie Apple allerdings die Mitwelt auszublenden imstande ist, das ist wirklich beeindruckend. Da kommt selbst das Bose-Flaggschiff 700 nicht mit. Und auch der Sound ist absolute Spitze. Für den Langzeittest (den kann man über einige Wochen verteilt getrost so nennen, da die Akkus rund 20 Stunden halten und auch sehr zügig wieder geladen sind) wurde in praktisch allen Musikgenres gewildert, um die Fähigkeiten der AirPods Max zu ergründen.

Zieht man etwa den klassischen Multi-Instrumenten-Folkjazz der finnischen Band „Piirpauke“ (Live aus der Balwer Höhle, 1980) zu Rate, umhüllt einen der Klang der Kultkonzertstätte im nordrhein-westfälischen Balwe. Von links setzt der Flügel ein, auf der anderen Seite der Bühne gesellen sich die Gitarrenriffs dazu, halblinks kommen Bass und Conga daher – und schon bebt der Berg, wie anno 1980, als die Finnen dort ihr Live-Album aufnahmen. Ein ungeheuer voluminöser Klangteppich umschmeichelt da die Ohren, vor allem bei leisen Passagen kommt die ganze Leistungsfähigkeit des komplexen Audio- und Sensorensystems zur Geltung, das Apple für die AirPods Max entwickelt hat. Und dreht man bis auf maximale Lautstärke, verwischen die Töne nicht, keine Verzerrungen und Rückkopplungen trüben das Klangbild.

Zwischen Meereswogen und Triangel

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Bleiben wir im Norden: Herbert von Karajans legendäre digitale Einspielung aus dem Jahr 1983 der Peer Gynt Suites 1 & 2 von Norwegens Komponistenidol Edvard Grieg klingt, als wäre sie für die AirPods Max gemacht worden. Die „Morgenstimmung“ des ersten Satzes, hierzulande leider vor allem als Klangteppich für Streichfett und Küchengeräte in der TV-Werbung im Einsatz, lässt das Crescendo von Streichern und Bläsern anschwellen wie eine Meereswoge – und selbst zarteste Instrumente wie die Triangel sind kristallklar zu hören. „In der Halle des Bergkönigs“ tropfen die Pizzicati von Celli und Bass sowie die Hörner wie zerberstende Kristalle ins Ohr.

Drittes Musikbeispiel, diesmal aus Schweden: „Arch Enemy“. Die Melodic Death Metal Band bringt alles mit, um Kopfhörer zum Übersteuern und Aussetzen zu bringen. Referenz war die humorige Coverversion der New-Wave-Schnulze „Shout“ (Tears for Fears), die auf dem 2019 erschienenen Album „Covered In Blood“ eingespielt wurde. Highspeed-Beats, das gutturale Growlen von Sängerin Alissa White-Gluz sowie E-Gitarre und Bass bis zum Anschlag und allerlei elektronische Sphärenklänge fordern die beiden in den Ohrmuscheln verbauten H1-Prozessoren ebenso wie die etlichen Lautsprecherkomponenten. Doch das Gerät bewältigt die Aufgabe problemlos – übrigens auch, wenn man etwas macht, was bei Metal nun wirklich tabu ist: leise stellen … Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Ob Jacques Loussiers weltberühmte Jazz-Interpretation von Bachs „Toccata und Fuge in D-Moll“, Achim Reichels rockiges Shanty-Album oder Eminems jüngstes Sprachgemetzel „Music To Be Murdered By“: Welchen Musikstil auch immer man präferieren mag, der Klang ist perfekt ausgewogen. Wo Bässe hingehören, sind sie da, wo nicht, nicht. Ob metal-laut oder klassisch-piano: Der Ton klingt erstaunlicherweise stets angemessen und „richtig“.

Ab hier geht’s nur mit Apple weiter

Bis hierhin lassen sich die AirPods Max auch außerhalb der Apple-Welt genießen – wenn auch das Bluetooth-Pairing mit Samsung und Co. etwas mühsamer ist. Doch nur innerhalb des „Ökosystems“ können die wuchtigen Metallmuscheln, die dank des breiten Stoffbügels und der weichen Bespannung in der Tat beinahe so leicht am Kopf sitzen wie die Kunststoffmitbewerber von Bose und Sony, all ihre Computerinnereien so richtig entfalten.

Denn als derzeit wohl einzige drahtlose Geräte auf dem Markt sind die AirPods Max und ihre kleinen Verwandten, die AirPods Pro, in der Lage, Dolby Atmos wiederzugeben. Also den elektronischen Überallklang, mit dem Sony die Blockbuster der großen Leinwand ausstattet. Hinzu kommt noch die 3D-Audio-Funktion. Das funktioniert etwa mit der Apple TV+ App oder einer Apple-TV-Set-Topbox. Und hier tritt nun der elektronische Overkill zutage, der in den AirPods Max steckt: je zwei optische Sensoren, Positionssensoren, Beschleunigungs­sensoren – sowie ein Gyrosensor in der linken Hörmuschel. Und wofür das alles?

Der Ton bleibt immer bei der Quelle, egal, wie man sich bewegt

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Für ein Erlebnis, das in der Tat nur schwer zu beschreiben ist. Einerseits wird der Klang dabei an seiner Quelle festgenagelt – etwa ein Motorengeräusch am Auto und die Stimme des Schauspielers bei ihm selbst, egal, wie man gerade den Kopf neigt und bewegt. Der entsprechende Ton kommt wie von Zauberhand immer von dort, wo er auf dem Bildschirm ausgesandt wird. Das liest sich weniger aufregend als es sich anhört. Man steckt immer mitten im Film drin, egal, ob man den Kopf senkt, zur Seite bewegt, durch den Raum geht. Andererseits klingt schon durch, was wohl in künftigen Generationen der AirPods an künstlicher Intelligenz und Virtual Reality zu erwarten sein wird.

Das Einrichten der AirPods Max ist eine Frage von Sekunden – wenn auch nur auf Apple-Geräten. © Quelle: Apple Inc.

Ein eigener Kosmos aus Bild und Ton

Wer gänzlich in seiner Privatkinowelt abtauchen möchte, der kann den perfekten Klang auch teilen – dazu braucht es ein zweites Paar AirPods Max. So lässt sich zu zweit das 4K-UHD-Dolby-Atmos-3D-Bild-Klang-Erlebnis erleben, obwohl jeder isoliert unter seinen Ohrmuscheln ist. Das klingt schon fast nach einer coronakonformen Form der sozialen Interaktion.

All das ist wirklich fantastisch als Einzel- wie auch als Gesamtergebnis – wenn man denn iPhone, iPads, Apple TV 4K, MacBooks, iMacs, HomePods – und natürlich AirPods Max besitzt. Dazu die Abos für Apple Music, Apple TV+, Apple Arcade (für Spielerlebnisse mit perfektem Bild und Klang), den entsprechenden Speicher in iCloud, am besten noch einen Samsung-, Sony-, oder LG-Smart-TV beziehungsweise Amazon Fire TV für die Apple TV App.

Denn Apple drängt mit Apple TV+ auch massiv auf den Markt der TV- und Filmproduktionen und hat in der Kürze seiner Marktpräsenz schon für etliche Achtungserfolge gesorgt – etwa mit der „Morning Show“, der Astronauten-Fiktion „For All Mankind“ oder der Agentenserie „Teheran“.

Wichtiger Baustein im Bild- und Klang-Kosmos von Apple: die Settop-Box Apple TV 4K.

Apple blendet die Umgebung aus – in doppelter Hinsicht

Audio- und Video-Freaks ohne Vorliebe für Apple verpassen zwar die wohl besten Bluetooth-Noise-Cancelling-Kopfhörer, allerdings würde sich für sie die Investition auch nicht lohnen, sofern man bei dem stolzen Preis überhaupt von lohnen sprechen kann. Denn so sehr etwa Bose oder Bang & Olufsen jahrelang bemüht waren und sind, sich dem Apple-Kosmos mit iPhone-freundlicher Bedienung anzudienen, so wenig legt Apple augenscheinlich Wert darauf, außerhalb der eigenen Habitat zu beeindrucken. Ob Geräuschunterdrückungstechnik oder Marktstrategie: Apple blendet die Umgebung aus – in doppelter Hinsicht.

Ist man drinnen, ist es ein wirklich makelloses Ökosystem aus Bild, Klang, Hard- und Software, das man auch nicht mehr verlassen möchte … Ist man draußen, dann sehen die AirPods Max eher wie ein überteuertes Edel-Gadget aus – was ihnen wirklich Unrecht tut. Von ihrer Qualität her wären sie nämlich eigentlich das ideale Gerät, um in anderen Luxusoasen zu wildern und die Mär zu verkünden von der perfekten Entertainment- und Business-Welt in der Apple-Sphäre.

384,8-Gramm, die polarisieren – die AirPods Max sind sozusagen das New York unter den Kopfhörern – ein echter Aufreger eben: love it or hate it!

Apple AirPods Max: 612,70 Euro; AirPods Pro: 279 Euro

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