„Among Us“: Was verbirgt sich hinter dem Gaming-Phänomen?

  • Ein zwei Jahre altes, einfach produziertes Onlinespiel ist aktuell Gesprächsthema auf zahlreichen Pausenhöfen, stürmt die Spielecharts und lockt sogar berühmte Politiker.
  • Unter niedlich anmutenden Astronauten, die sich auf einer Raumstation versammeln, ist dabei ein listiger Mörder zu enttarnen.
  • Wie konnte das Indie-Game „Among Us“ ein so großer Erfolg werden?
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Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Wer sich einen Weg durch das Spiel „Among Us“ bahnen will, muss seinen Mitspielern gegenüber viel Misstrauen entgegen bringen. Auf einer Raumstation trifft die Crew aufeinander – doch Vorsicht: Unter ihnen hat sich ein sogenannter „Impostor“ mit bösen Absichten eingeschlichen, der das Team von vier bis zehn Mitgliedern unterwandert und einen nach dem anderen ausschaltet. Ziel der Crew ist es, den Betrüger ausfindig zu machen, ihn zu eliminieren und gleichzeitig unterschiedliche Aufgaben in Form von Mini-Games zu erledigen, um das Raumschiff wieder auf Kurs zu bringen.

Das Spieleprinzip von „Among Us“ ist recht einfach und erinnert an die beliebten Partyspiele „Mafia“ oder „Werwolf“, bei denen eine gewählte Person zum „Mörder“ erklärt wird. Über Frage-Antwort-Szenarien müssen die Mitspieler hier schließlich den Hochstapler enttarnen. Ähnlich ist es in der digitalen Version: Bei dem Fund einer Astronautenleiche, können die übrigen Spieler ein Meeting einberufen und per Chat darüber beraten, bei wem es sich um den „Impostor“ handelt. Für ein intensiveres Spielerlebnis greifen Gruppen zudem auf Programme wie Discord zu, um sich statt im Chat auch über Mikrofon und Video auszutauschen. Besonders die Zusammenkünfte, bei denen sich Spieler gegenseitig ausfragen, beschuldigen und Ausreden erfinden, sorgen bei Teilnehmern und Zuschauern für hohes Unterhaltungspotenzial.

Holpriger Start für „Among Us“

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War das bunte Weltallabenteuer zu seinem Start im Sommer 2018 noch kein sonderlich großer Erfolg, so hat „Among Us“ in diesem Jahr einen regelrechten Hype erfahren. Damals war das Werk der Entwickler „Innersloth“ weder als Onlinemultiplayer noch als PC-Spiel geplant, es erschien lediglich als App für iOS und Android. Mittlerweile versammeln die „Among Us“-Streams auf Plattformen wie Twitch und Youtube Tausende Zuschauer.

Das ist auch dem Entwicklerteam, das lediglich aus drei Mitgliedern besteht, selbst zu verdanken. „Wir haben länger an ‚Among Us' festgehalten, als wir aus einem reinen Businessstandpunkt aus hätten tun sollen“, sagte Programmierer Forest Williard dem australischen Magazin „Kotaku“. „Wir haben versucht, es zu beenden, und hätten das mehrmals machen sollen.“ Stattdessen versahen die Entwickler das Spiel weiterhin mit Updates, vertrauten und hörten auf die anfänglich noch wenigen Fans.

Erfolgreich dank Youtube und Twitch

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Zunächst entdeckten einige Streamer aus Korea und Brasilien das Independent-Game im Jahr 2019 für sich. Seinen größten Erfolgsschub erfuhr „Among Us“ schließlich durch den US-Twitch-Star Chance Morris alias „Sodapoppin“, der im Juli 2020 damit begann, die Astronautenparty vor einem riesigen Publikum zu streamen. Der Multiplayercharakter des Spiels brachte viele weitere berühmte Streamer wie xQc, Richard Tyler Blevins alias „Ninja“ und Andy Milonakis dazu, die Weltraumrallye ebenfalls auszuprobieren.

Im Herbst erreichte das Game mit 1,5 Millionen gleichzeitigen Spielern und 41,9 Millionen mobilen Downloads im September seinen vorläufigen Höhepunkt. Der erfolgreiche deutsche Streamer „Hänno“ („HandofBlood“) bezeichnete „Among Us“ auf seinem Twitter-Kanal kürzlich als das neue Fortnite. Die Folgen zum Spiel auf seinem Zweitkanal hätten mittlerweile fast eine Million Aufrufe verzeichnet. Während zwischenmenschliche Kontakte im Zuge der Pandemie weiterhin stark eingeschränkt sind, trifft das Gemeinschaftsspiel bei vielen den Nerv der Zeit. Die starke Einbindung sozialer Komponenten, die bei den Krisenmeetings erfordert wird, kann in Momenten der Isolation für ein neues Gemeinschaftsgefühl sorgen.

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Die Pixelgalaxie wird politisch

Auch außerhalb der Gamingszene hat das Spiel bereits Interessen geweckt. So sorgte die demokratische US-Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez mit ihrer gestreamten Spielesession im Oktober für Aufmerksamkeit. Auf Twitch folgten ihr bei einer 3,5-stündigen Partie „Among Us“ mehr als 400.000 Zuschauer. Insgesamt haben der Politikerin mittlerweile mehr als fünf Millionen Menschen dabei zugesehen, wie sie sich durch die verschiedenen Räume spielt. Ocasio-Cortez nutzte die Gelegenheit, um das Publikum vor dem Bildschirm zum Wählen aufzurufen.

Der Angriff des Gegenlagers ließ dabei nicht lange auf sich warten: Wenige Stunden nach dem Stream der Demokratin wurden zahlreiche öffentliche „Among Us“-Sitzungen durch Trump-Anhängern ­mit Spam überhäuft. Beworben wurde dabei unter anderem der Youtube-Kanal „Eris Loris“, der Cheats, Hacks und Tipps zu Videospielen erklärt und dabei Donald Trump unterstützt. Eine Verbindung zum offiziellen Wahlkampfteam konnte dabei aber nicht ausgemacht werden. Die Entwickler von „Innersloth“ haben umgehend mehrere Updates veröffentlicht, um die Spamangriffe zu unterbinden. Gleichzeitig riefen sie die Community auf, vorerst private Sessions abzuhalten.

Auch nach der US-Wahl bleibt „Among Us“ auf Erfolgskurs durch die Galaxie aus Lügen und Intrigen. Der für den Herbst diesen Jahres angekündigte Nachfolger „Among Us 2“ wurde bis auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Entwickler wollen sich stattdessen weiterhin mit ihrer vollen Aufmerksamkeit der aktuellen Version widmen. „Ich will ‚Among us' nicht allzu sehr verändern, weil es als kleines Spiel angefangen hat und ohne wirklichen Plan für die Zukunft gewachsen ist“, sagte Erfinder Willard gegenüber Kotaku. Man wolle nicht allzu umfassende Neuerungen vornehmen, um das Spiel nicht kaputt zu machen und seinen Charakter zu bewahren. Die Crew wird’s freuen.

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