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Nette Netzwerke: Was Alternativen zu Facebook und Co. bieten – und was ihnen fehlt

  • Der Umgangston auf Facebook und Twitter ist rau. Seit Jahren gründen sich deswegen immer neue, alternative Netzwerke.
  • Das Netzwerk “WT.Social” von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ist eine solche Alternative – erreicht aber längst nicht so viele Menschen wie Facebook.
  • Wer Millionen Menschen anlocken will, der braucht gute Argumente.
Jan Bojaryn
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Jimmy Wales hat die Nase voll. Ein werbebasiertes Geschäftsmodell sei “Gift für soziale Medien”, ätzte der Wikipedia-Gründer noch vor wenigen Tagen. Er tat das auf WT.Social – dem sozialen Netzwerk, das er selbst gegründet hat. Wer schon mal Wikipedia besucht hat, der ahnt wahrscheinlich, wie sich WT.Social finanzieren soll: durch freiwillige Spenden. Wer hingegen Facebook besucht, der sieht keine aufklappende Botschaft mit einem Spendenaufruf von Marc Zuckerberg. Wer Facebook besucht, der sieht Werbung.

Gesellschaftliches Tauziehen um Regulierung von sozialen Netzwerken

Facebook finanziert sich letztendlich über den kommerziellen Wert der gesammelten Nutzerdaten. Das kann Reibung erzeugen, wenn es etwa um Datenschutz geht, oder um die Forderung, bestimmtes Verhalten auf der Plattform zu stoppen. Facebook profitiert davon, wenn Menschen lange eingeloggt bleiben und viel tun. Wenn gehässige Falschaussagen von US-Präsident Donald Trump geduldet werden, wenn Verschwörungstheorien auf der Plattform wuchern, dann erzeugt das Aufmerksamkeit. Und die ist profitabel.

Was in den riesigen Netzwerken von Facebook und Twitter erlaubt sein soll und was nicht, darüber herrscht Streit. Vor allem in den USA ist der Konflikt heiß gelaufen. Linke und Demokraten beschimpfen ihre Gegner als Faschisten, die aus dem hohen Ideal der Redefreiheit ein Recht auf Hass und Lügen ableiten. Republikaner und Rechte kontern das, indem sie ihren Gegnern Zensurabsichten und überspitzte Politische Korrektheit vorwerfen. Das gesellschaftliche Tauziehen darum, ob und wie soziale Netzwerke sich regulieren, läuft seit Jahren.

Artig sein reicht nicht: Facebook-Alternative hat langen Weg vor sich

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Einigen Menschen ist der Zirkus zu bunt. Die Verheißung der sozialen Netzwerke war einmal, in das globale Dorf einzuziehen und dort neuen Menschen zu begegnen. Mit diesem Ideal machen Neulinge wie WT.Social Werbung: “Social Media, wie sie sein sollte.” Aber wenn WT.Social sich zu einer echten Facebook-Alternative entwickeln will, dann hat es viel Arbeit vor sich. Im Mai, rund ein halbes Jahr nach dem Start, dümpelte die Nutzerzahl noch unter einer halben Million. Das Design der Seite ist spröde, es kommt farbarm und mit wenigen optischen Elementen daher. Auf der Webseite werden Gruppen oder “Subwikis” empfohlen, in denen nur alle paar Tage ein Update gepostet wird.

WT.Social sucht Nutzer. Damit befindet es sich in guter Gesellschaft. Seit Jahren tauchen immer wieder neue soziale Netzwerke auf, die besser sein wollen. Das neueste heißt Planetary. Bisher ist das Netzwerk noch in einer Vorabphase. Wer es testen will, muss sich auf einer Warteliste eintragen. Auch Planetary definiert sich als eine Art Anti-Facebook. Es solle ein soziales Netzwerk mit “weniger Missbrauch” werden und “die Privatsphäre unserer Nutzer respektieren”, schreibt das Unternehmen. Auch diese Plattform erinnert auf den ersten Blick an Facebook. Das ist Absicht. Die Macher schreiben, sie seien “nicht hier, um das Rad neu zu erfinden”.

Wie viele Menschen lassen sich allein wegen Datenschutz und Umgangsformen auf eine neue Plattform ein? Allem Anschein nach sind es eher wenige. Eine nette Plattform mit Erfahrungswerten ist Mastodon. Die Twitter-Alternative startete bereits im März 2016. Inzwischen tummeln sich dort 4,4 Millionen Menschen. Das klingt nur dann beeindruckend, wenn niemand die Zahl mit Twitter vergleicht: Dort waren es im Frühjahr letzten Jahres 321 Millionen aktiver Nutzer. Und Facebook spielt mit 2,5 Milliarden Menschen noch einmal in einer anderen Liga.

Erfolg braucht Ideen: Womit alternative Netzwerke punkten können

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Plattformen, die in den letzten Jahren wirklich beeindruckend gewachsen sind, hatten andere Gründe. Instagram punktete zu seinem Start vor knapp 10 Jahren mit der Funktion, Bilder schick zu inszenieren und schnell zu teilen. Über eine Milliarde Menschen nutzen die Plattform. TikTok konzentriert sich auf das schnelle Erstellen, Verarbeiten und Verbreiten kurzer Videos. Innerhalb weniger Jahre hat es die App so auf zwei Milliarden Downloads gebracht.

Solche Plattformen beeinflussen durch ihre schiere Größe die Gesellschaft. Sie können dann durchaus Pluspunkte sammeln, indem sie vernünftigen Datenschutz oder verbindliche Umgangsregeln durchsetzen. Aber ganz offensichtlich sind diese Punkte für eine Mehrheit der Nutzer Nebensache.

Wer die Sehnsucht nach netten Nachbarn mit Bedeutung und eigenen Ideen füllen kann, der kann allerdings Gehör finden. So ist die Erfolgsgeschichte der “Nachbarschafsplattform” “Nebenan.de” zu erklären. Das soziale Netzwerk will keine virtuellen Gesinnungsgemeinschaften zusammentrommeln, sondern Menschen in der echten Welt verbinden. Wer sich anmeldet, muss den eigenen Wohnort eintragen und kann dann nur mit Menschen aus dem eigenen Viertel diskutieren. Das führt fast automatisch zu persönlichen, und oft sehr praktischen Diskussionen. Es geht um Spieleabende, vermisste Katzen und ausgeliehene Muffin-Bleche. Zur Corona-Zeit hat Nebenan.de gezielt zu Nachbarschaftshilfe aufgerufen. Das ist ein Nutzen, der verfängt. 1,6 Millionen Menschen sind inzwischen auf der deutschen Plattform online – immer noch deutlich weniger als die 28 Millionen deutscher Facebook-Nutzer. Aber für einige Menschen eine Alternative.

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