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Coworking auf dem Land: Die Arbeit zieht ins Grüne

  • Die Corona-Pandemie hat die klassische Arbeitswelt auf den Kopf gestellt.
  • Binnen kürzester Zeit haben zahlreiche Unternehmen auf Remote Working umgestellt, viele Mitarbeiter sind ins Homeoffice gezogen.
  • Eine Alternative zu Büros und dem heimischen Schreibtisch bieten ländliche Coworking Spaces.
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In der Krisenzeit der letzten Monate hat sich das Arbeiten zunehmend in die eigenen vier Wände verlagert. Wer vorher an großzügige Schreibtische, funktionierende Drucker und gleich mehrere Bildschirme gewöhnt war, hat im Homeoffice mit wenig Platz, technischen Herausforderungen und fehlender Ausstattung zu kämpfen. Auch die Atmosphäre, die eine Abgrenzung zwischen Freizeit und Arbeit erschwert, sowie die fehlenden Kontakte zu Kollegen werden für viele Beschäftigte zur Belastung.

Eine Alternative zur Arbeit am eigenen Schreibtisch bieten bereits seit Längerem sogenannte Coworking Spaces. Auf extra dafür bereitgestellten Flächen kommen Menschen unabhängig ihrer Beschäftigung zusammen, um gemeinsam zu arbeiten. Die Orte erinnern dabei oft an eine Mischung aus angesamtem Café, hippen Designbüro und gemütlicher Lounge. Bisher waren diese Orte vor allem ein Phänomen in den Trendvierteln deutscher Großstädte, doch zunehmend verlagern sich die Spaces auch auf das Land.

Kreative Konzepte auf dem Bauernhof

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Ein Bespiel ist das Alsenhof-Projekt in Lägerdorf in Schleswig-Holstein. Auf einem alten Hof, der über weitläufige Stallungen, einen Heuboden, ein Wohnhaus und einen großen Garten verfügt, entsteht derzeit „ein Labor für nachhaltige, innovative und offene Lebens- und Arbeitswelten“. Während im Stall auf 400 Quadratmetern gemeinsames Arbeiten stattfinden, sind nebenbei Projekte wie ein Marktplatz, Tiny Houses, offene Werkstätten und Gastronomie in Planung. Ab 139 Euro im Monat kann man einen Platz in dem Coworking Space anmieten.

Ulrich Bähr, Geschäftsführer der Genossenschaft Coworkland, weiß um die Vorteile des ländlichen Zusammenarbeitens. „Wenn man nur Büro und Homeoffice als Alternativen hat, muss man so zwischen zwei Welten wählen. Der Coworking Space auf dem Land in der Nähe des Wohnortes ist am Ende das Beste aus beiden Welten“, sagt Bähr im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Menschen schätzten die Nähe am eigenen Zuhause, den Austausch mit anderen, die angenehme Arbeitsatmosphäre und die Möglichkeit, den Platz nach Feierabend auch wieder verlassen zu können.

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Weniger Verkehr und mehr freie Zeit

Auch gebe es jede Menge gesellschaftliche Vorteile. Pendlerströme verringern sich, Coworker sparen Zeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert sich. „Man hat plötzlich mehr Freizeit, weniger Stress und andererseits sind die Dörfer, aus denen die Leute in die Großstädte pendeln, tagsüber nicht mehr leer. Es gibt wieder ein größeres Gemeinschaftsleben in den Orten, vielleicht machen auch wieder neue Läden, neue Services auf. Der bestehende Leerstand wird wieder genutzt, wieder gefüllt. Das kann für Leute auf dem Land sogar eine Existenzgründung sein“, sagt Bähr. „Ein Coworkingspace auf dem Land ist wie ein Korallenriff in einem toten Meer. Wenn ich ein Korallenriff ansiedele, habe ich wieder eine Basisstruktur, wo sich dann andere Lebewesen ansiedeln können. Dort entsteht ein neues Ökosystem.“

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In diesen neuen Ökosystemen ziehen neben den klassischen „Digital Normad“-Akteuren wie Art Director, ITler oder andere Freelancer zunehmend auch neue Berufsgruppen, die von den Vorteilen der Spaces profitieren wollen. Im Rahmen eines Projektes der Heinrich-Böll-Stiftung wurden vor drei Jahren auf Gutshöfen, Bauernhöfen und Dorfplätzen in ganz Schleswig-Holstein Pop-Up-Coworking Spaces aufgebaut. In umfunktionierten Frachtcontainern luden die Initiatoren dazu ein, das alternative Arbeiten auszuprobieren. Die Nachfrage war da und neben den typischen kreativen Selbstständigen kamen auch Handwerker, Coaches, Lehrer und Soldaten, um das Arbeitsmodell auszuprobieren. Aus dem Projekt ist die Genossenschaft Coworkland entstanden, die mittlerweile 73 Mitglied-Spaces in ganz Norddeutschland zählt. Insgesamt gibt es in Deutschland rund 150 Coworking Spaces auf dem Land.

Die Infrastruktur darf nicht fehlen

Die Nachfrage nach interaktiven Arbeitsplätzen, die dennoch Ruhe und Konzentration ermöglichen, ist in den vergangenen Monaten der Pandemie noch einmal deutlich gestiegen, so Bähr. Zwar kann die Arbeit an vielen Spaces derzeit auch nicht stattfinden und doch wächst das Interesse nach Alternativen. „Wir erhalten sehr viele Anfragen aus dem Privaten, aber auch von Kommunen, die sich dafür interessieren, jetzt Coworking-Spaces aufzumachen. Weil sie sehen, dass man damit etwas Gutes für die Wirtschaft, für die Daseinsvorsorge und Vorteile im Standortwettbewerb tut. Da werden wir im Augenblick geradezu überhäuft“, sagt Bähr. Neben einem geeigneten Ort, der über die entsprechenden Räumlichkeiten verfügt, sollte es bereits eine kleine Gruppierung Interessierter geben, zudem ist eine passende Infrastruktur etwa mit Glasfaserinternet laut Bähr unverzichtbar.

Organisationen und Arbeitgeber haben in den vergangenen Monaten in Bezug auf Remote Work und Heimarbeit viel ausprobiert und dazugelernt. Vertrauensarbeitszeit, virtuelle Meetings und Fortbildungen, tägliche, digitale Konferenzen und der Austausch via Messenger: Die neuen Herausforderungen hat in vielen Firmen einiges in Bewegung gesetzt. Dennoch gebe es laut Bähr noch Handlungsbedarf: „Da müssen neue Kulturen und Rituale gefunden werden, wie mobiles Arbeiten auch für die Unternehmen funktioniert“. So ist das Bild der klassischen Bürofläche mit zahlreichen Einzelarbeitsräumen mittlerweile überholt. „Die werden umfunktioniert in das Lagerfeuer einer Firma, wo sich die Menschen versammeln, wo man sich austauscht, wo man sich selbst als Organisation, als Team und als Gemeinschaft erlebt. Aber es ist nicht mehr der Ort, an dem man still am Schreibtisch sitzt, denn das kann man auch Zuhause machen.“

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