Wenn die Arbeitslust zur Last wird: So kommen Sie raus aus dem Hamsterrad!

  • Was tun, wenn der Arbeitsplatz zum Hamsterrad wird?
  • Viele Menschen fühlen sich überfordert, zumal in Corona-Zeiten die Personalstärken schwinden.
  • Karriereberater Martin Wehrle erklärt in unserer Kolumne „Auf der Couch“, was den Rückweg zur Arbeitsfreude weisen kann.
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„Ich bin ja so gestresst“, stöhnte der Verpackungsdesigner in der Beratung und schabte mit dem Zeigefinger über sein blasses Kinn. „Ich arbeite jeden Tag 14 Stunden. Eigentlich müsste ich mir einen neuen Job suchen.“ Doch vor lauter Arbeit fehlte ihm die Zeit, sich ausdauernd um eine Veränderung zu kümmern. So geht es vielen Menschen, die unter Hochdruck arbeiten. Die Kraft, die sie für ein besseres Arbeitsleben bräuchten, nutzen sie unbewusst dazu, den veränderungswürdigen Zustand zu erhalten.

Wir leben in der Zeit der Steigerungsform. Die Aktivität hat sich zur Hyperaktivität aufgeschwungen, der Mitarbeiter muss ein Spitzenmitarbeiter sein, der Verkäufer ein Topverkäufer. Im Zuge der Corona-Krise wurden viele Belegschaften aus­ge­dünnt, das erhöht den Druck. Das Hamsterrad dreht sich im Tempo einer schleudernden Waschmaschine, so schnell, dass die Bewegung unsichtbar wird. Nur das Schleudergefühl bleibt.

Eine Flut an Sinneseindrücken und Informationen

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Früher schauten die Menschen, ohne zu gehen; das nannte sich Muße. Heute rennen sie, ohne zu schauen; das nennt sich Stress. Wasserfallartig stürzen die Sinneseindrücke und Informationen auf sie ein und fluten in Corona-Zeiten sogar bis in die eigene Wohnung. Niemand kann diese Mengen mehr bewältigen.

Wer den Weg zur großen, also zur inneren Freiheit einschlagen will, muss erst mal stehen bleiben, um auf sein Leben und tief in sein Herz zu schauen: Führt er sein Leben und Arbeitsleben, wie er es führen will? Oder führt sein Leben ihn, nach äußeren Maßstäben?

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Schon die Sprache ist verräterisch: „Ich muss das noch fertigbekommen!“, sagt die Kauffrau. „Ich muss diese Zusatz­quali­fikation erwerben“, sagt der Ingenieur. „Ich muss mich um die Kinder kümmern“, sagt die Mutter. „Ich muss jetzt eine Runde laufen“, sagt der Jogger. Das Zeitalter der angeblichen Selbstbestimmung wird geprägt vom Imperativ der Sklaverei: „Ich muss!“ Was sich als Freiwilligkeit tarnt, als Engagement und Eifer, wird oft vom äußeren und inneren Zwang geleitet. Dabei hat schon Gotthold Ephraim Lessing in seinem „Nathan“ geschrieben: „Kein Mensch muss müssen.“

Man muss lernen zu wissen, was man will

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Der Weg zur Freiheit führt über das sprachliche Gegenstück: „Ich will!“ Wer herausfindet, was er will, kann seinen eigenen Weg einschlagen. Er lernt, sich abzugrenzen gegen falsches Leben, gegen Überforderung und Manipulation. Ich fragte den Verpackungsdesigner: „Was erwartet Ihr Chef von Ihnen?“ Dann: „Was will Ihre Firma?“ Dann: „Was erwarten Ihre Kollegen?“ Auf jede dieser Fragen bekam ich in Windeseile Antwort. Dann wollte ich wissen: „Und was wollen Sie selbst, wenn Sie diese ganzen Anforderungen von außen einmal abziehen?“ Seine Antwort war: tiefe Ratlosigkeit. So ist das oft.

Der Leistungsdruck hat in die Menschen ein Vakuum an Sinn gepresst, das sie verzweifelt mit Hyperaktivität füllen, sogar in ihrer Freizeit. Sie springen von Brücken, im besten Fall mit Bungeeseil, zischen mit ihren Kajaks durch wilde Flüsse, brausen mit dem Wohnmobil in drei Wochen über Kontinente und treiben in der Firma die Projekte vor sich her wie der Tsunami die Welle.

Doch während sie meinen, auf dem Höhepunkt ihrer Aktivität zu sein, treiben sie passiv im gurgelnden Strom der Zeit. Während sie meinen, sich selbst zu verwirklichen, verwechseln sie nur den äußeren Anspruch mit ihrem inneren. Statt „eigen-sinnig“ zu sein, tragen sie eine angenagelte Sinnprothese.

Die Intuition ist die Warnleuchte des Menschen

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Der Weg zur großen Freiheit führt nach innen, und ein unbestechliches Instrument weist ihn: die Intuition. Sie ist wie die Warnlampe eines Autos, die anspringt, wenn das Öl ausgeht. Der Fahrer bekommt ein Signal, damit er nicht liegen bleibt. In solchen Fällen steuert man die Tankstelle an – und füllt Öl nach. Aber was passiert, wenn die Warnlampe der Intuition aufleuchtet, weil jemand im Berufsleben kurz vorm Liegenbleiben ist? Die meisten Menschen bringen ihr Leben nicht zur Inspektion, füllen keine Ressourcen nach. Sie fahren einfach weiter. Bis zum seelischen Totalschaden. Es lohnt sich, besser auf die Intuition zu hören.

Sie meldet sich zuverlässig, wenn jemand gegen seine Bestimmung lebt, wenn er einem „Ich muss“ folgt. Zum Beispiel erzählte mir der Verpackungsdesigner, er komme morgens immer erst in letzter Sekunde zur Arbeit. Als Grund gab er an, er schlafe gern lang. Doch auf Nachfrage räumte er ein, als Student nie Probleme mit dem Aufstehen gehabt zu haben. Und auch an den Wochenenden fiel es ihm leicht, für seine Hobbys aus dem Bett zu kommen.

Sein Arbeitstag war zum Zerbersten mit Arbeit gefüllt. Die Anrufe der Kunden bei ihm waren Hilferufe, seine Grafikabteilung völlig unterbesetzt. Er musste als Feuerwehr ausrücken, um Probleme zu beheben. Aber die Arbeitsverteilung und die Abtei­lungs­stärke zu verändern, dazu fehlten ihm die Zeit und die Rückendeckung der Geschäftsleitung. So schuftete er bis in die späten Abendstunden, ohne die Probleme wirklich zu lösen.

„Bleib zu Hause! Es lohnt sich nicht!“

Ich stellte ihm folgende Aufgabe: „Mal angenommen, es gäbe eine Instanz in Ihnen, die Sie morgens im Bett festhält, nennen wir sie einmal ‚Stimme der Intuition‘: Was flüstert Ihnen diese Stimme wohl, um Sie so lange wie möglich von Ihrem Arbeitsplatz fernzuhalten?“ Ich ging davon aus, er werde nun lange grübeln. Doch seine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „Bleib zu Hause! Es lohnt sich nicht! Du hetzt, ohne anzukommen. Du flickst, ohne zu reparieren. Du machst dich unglücklich mit dieser Arbeit!“

Die Klarheit und Schnelligkeit, in der er diese Sätze formulierte, ließen keinen Zweifel: Diese Gedanken waren längst im Garten seiner Intuition gereift, er hatte sich nur nicht die Zeit genommen, sie zu ernten. Es war das erste Mal, dass er auf seine Intuition hörte. In den nächsten Wochen dachte er über seine Erkenntnisse nach, und sechs Monate später gab er seinem Leben eine Wende: Er kündigte und baute sich zusammen mit einem Kollegen eine eigene Agentur auf. Dabei stellten sie die Arbeitsqualität und die Kundenbetreuung in den Mittelpunkt, nicht das Arbeitstempo und die Arbeitsmenge.

Vor allem war es ihm wichtig, wieder mehr Zeit für sich und für seine Hobbys zu gewinnen. In einem Selbstvertrag legte er fest, maximal drei Tage zu arbeiten. Sein Kollege vertrat dieselbe Philosophie. Einer arbeitete von Montag bis Mittwoch, der andere von Donnerstag bis Samstag. Das Modell funktionierte prächtig. Beide waren energiegeladen und strahlten gute Laune aus. Die Kunden kamen zahlreich. Dieses Modell behielten sie sogar bei, als die Zahl der Kunden wuchs und sie Aufträge an externe Mitarbeiter vergaben.

Wenn das Müssen dem Wollen weicht

Sie mussten sich nicht selbstständig machen – sie wollten es. Sie mussten nicht miteinander als Partner arbeiten – sie wollten es. Sie mussten sich nicht auf drei Tage beschränken – sie wollten es. Sie führten ein Leben nach ihren Wünschen, nicht nach Vorgaben von außen. Und durch ihre Dreitagewoche hatten sie sich bewusst für einen Rhythmus entschieden, der Spannung und Entspannung in ein gesundes Verhältnis setzte.

Die Warnlampe der Intuition: Wer sie ernst nimmt, kann herausfinden, welches die Krafträuber bei seiner Arbeit sind (meist: „Ich muss“) und aus welchen Quellen er Kraft bezieht (meist: „Ich will“). Horchen Sie in sich hinein, wie lebendig Sie bei Ihrer Arbeit sind und davor und danach. Große Lebendigkeit spricht für große Erfüllung. Dagegen weisen Bedrückung, Ohnmacht und Gehetztsein auf ein falsches (Arbeits-)Leben hin.

Wenn Sie auf Ihre Intuition hören, bekommen Sie die nötigen Anregungen, um sich ein passendes Arbeitsumfeld zu schaffen. Schlagen Sie Ihrem Chef vor, wie sich Ihr Arbeitsplatz umgestalten ließe, wie Sie mehr von dem tun könnten, was Ihnen Kraft schenkt, und weniger von dem, was Ihnen Kraft raubt. Und wenn Ihre Firma nicht darauf eingeht? Dann müssen Sie Grenzen setzen! Dann sind Sie es sich selbst schuldig, eine Position zu suchen, die ein Arbeitsleben im Einklang mit Ihren Werten erlaubt.

In der Kolumne „Auf der Couch“ schreiben wechselnde Experten zu den Themen Partnerschaft, Achtsamkeit, Karriere und Gesundheit. Martin Wehrle ist Karriereberater.

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