Warum Berufsvorbereitung gerade jetzt wichtig ist

  • In der Pandemie hat die Berufsvorbereitung für viele Jugendliche keine Priorität.
  • Doch auch in diesen Zeiten gibt es Beratungsangebote, verschiedene Events und auch noch offene Ausbildungsplätze.
  • Expertinnen geben hilfreiche Tipps.
Anja Schreiber
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Den passenden Beruf finden: Das ist für junge Leute schon immer eine Herausforderung gewesen. In Zeiten von Corona ist das aber noch komplizierter geworden. Denn in den vergangenen Monaten mussten viele Liveveranstaltungen ausfallen, die bei der Berufsorientierung hätten helfen können. Doch trotzdem gibt es viele Angebote.

Die Berufsberaterin Andrea Preuße von der Jugendberufsagentur Berlin-Reinickendorf – Teil der Agentur für Arbeit – weiß, dass das Thema Berufsorientierung in letzter Zeit in der Priorität oft nach hinten gerutscht ist: „Gerade Schülerinnen und Schüler der achten und neunten Klasse sind zurzeit mit anderen Themen belastet. Auch die Eltern haben oft andere Dinge im Kopf, zum Beispiel eigene Existenznöte“, so Preuße. Andererseits spielt gerade in diesen Klassen die Berufsvorbereitung im Stundenplan eine wichtige Rolle. „Zwar konnten die Schulpraktika im November und Dezember zum großen Teil noch stattfinden, aber der Unterricht und andere Veranstaltungen zum Thema mussten pandemiebedingt in den letzten Monaten ausfallen, so auch die Betriebsbesichtigungen in den neunten Klassen.“

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Viele warten erst mal ab

Die Berliner Berufsberaterin verweist darauf, dass zwar Job- und Ausbildungsmessen online stattgefunden haben, aber weniger genutzt wurden. „Das virtuelle Format ist eher etwas für Schüler der Sekundarstufe II, nicht für Jüngere“, berichtet Preuße. „In den letzten Monaten nahmen gerade Jugendliche mit dringendem Orientierungs- und Informationsbedarf an solchen Veranstaltungen vergleichsweise selten teil.“ Ein ähnliches Phänomen beobachtet Preuße bei Onlineelternabenden, bei denen sie als Berufsberaterin eingeladen wird: „Ich sehe dort meistens die engagierten Eltern. Aber deren Kinder brauchen meist weniger Unterstützung.“

Auch Selina Kindler vom Serviceangebot „Azubi gesucht?“ der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart berichtet: „Bei uns haben sich in den vergangenen Monaten weniger Schüler gemeldet als üblich. Scheinbar sind viele verunsichert und warten erst einmal die weitere Entwicklung der Corona-Pandemie ab.“ Dabei gibt es gute Nachrichten vom Ausbildungsmarkt: Allein in der Lehrstellenbörse für die Region Stuttgart sind für diesen Herbst noch rund 1000 Stellen frei. „Das Problem ist, dass bei den Ausbildungsbetrieben nicht genügend oder nicht genügend passende Bewerbungen eingehen.“ Nach Information der Bundesagentur für Arbeit standen im Mai 2021 bundesweit 233.900 unbesetzten Ausbildungsstellen 176.500 noch unversorgte Bewerber gegenüber. Es gab damit also mehr offene Ausbildungsplätze als Bewerber.

An Beratungsangeboten mangelt es nicht

An Beratungs- und Informationsangeboten für Schüler und Schülerinnen und Schulabgänger und -abgängerinnen mangelt es ebenfalls nicht. „Während der ganzen Zeit der Pandemie waren und sind wir telefonisch und per Mail erreichbar. Wir führen auch Videocalls“, sagt Preuße. Neben den Arbeitsagenturen haben auch die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern Beratungsangebote. „Wir beraten Jugendliche zu den verschiedenen Ausbildungsberufen, und zwar per Telefon oder Videocall. Wir sind auch per Mail erreichbar und lesen zum Beispiel Bewerbungsunterlagen Korrektur“, erklärt Kindler.

Jugendliche und ihre Eltern finden noch weitere Infoangebote. So bietet zum Beispiel die IHK Region Stuttgart digitale Elterncafés an, bei denen sich Eltern über die duale Berufsausbildung informieren können. Für Schüler gibt es die Möglichkeit, in Videokonferenzen mit Auszubildenden – sogenannten Ausbildungsbotschaftern – in Kontakt zu treten und auf Augenhöhe zu kommunizieren. „Wichtig ist, dass die Eltern und ihre Kinder solche Veranstaltungen nutzen“, so Kindler. „Denn es bestehen gute Chancen, auch noch für das Ausbildungsjahr, das im August oder September beginnt, eine Stelle zu finden.“ Niemand müsse als Verlegenheitslösung weiter zur Schule gehen. „Der Einstieg ist jederzeit möglich, aber natürlich nur in den ersten Monaten sinnvoll.“

Direkt vor Ort nach Möglichkeit zur Probearbeit fragen

Die IHK-Vertreterin sieht bis dahin noch viele Gelegenheiten für Jugendliche, Betriebe und Berufe kennenzulernen: „Wenn die Schulabgänger im Vorfeld einer Ausbildung noch ein Praktikum machen wollen, ist das kurzfristig genauso möglich wie eine Probearbeit von ein bis zwei Tagen.“ Kindler ist sich sicher, dass Ausbildungsbetriebe zu solchen Kennenlernaktionen spontan bereit sind. Ihr Tipp: Bei Betrieben vor Ort direkt nach solchen Möglichkeiten fragen. Preuße empfiehlt den Jugendlichen der achten und neunten Klassen, gerade die Sommerferien für Praktika zu nutzen.

Allein mit der Praktikumssuche ist es aber nicht getan, weiß die Berufsberaterin aus Berlin: „Nicht wenigen Jugendlichen fehlt die Medienkompetenz, sich selbstständig im Internet über Berufe zu informieren.“ Deshalb sei das Nutzen der Beratungsangebote so wichtig. Aber der Austausch mit den Eltern ist ebenfalls unverzichtbar: „Ich empfehle Jugendlichen, ihre Eltern nach ihrem Beruf zu fragen. Eltern sollten bereit sein, über ihren Berufsweg zu reden.“ Aber die Berufsberaterin warnt zugleich: „Eltern sollten es vermeiden, ständig negativ über ihren Beruf zu sprechen. Denn sonst bekommen ihre Kinder den Eindruck, dass die Berufstätigkeit eine Quälerei ist.“ Und das sei keine gute Basis für die Suche nach einem passenden Beruf.

Berufsorientierung im Internet

Als erste Anlaufstelle im Internet zum Thema Berufsorientierung bieten sich die Services und Tools der Bundesagentur für Arbeit (BA) an. Auf der Website finden sich Links zu zentralen Informationsangeboten: Wer einen schnellen Selbstcheck mit Bildern sucht, der sollte sich zum Beispiel den „BERUFE Entdecker“ anschauen. Diesen Selbstcheck gibt es auch auf www.planet-beruf.de sowie als App kostenlos zum Download, genauso wie die App „Azubiwelt“.

Ein weiteres Erkundungstool namens „Check-U“ hilft dabei, die eigenen Stärken, Interessen und Verhaltensweisen einzuschätzen, um so den passenden Beruf zu finden. Auf dem Portal berufe.tv kann man sich außerdem viele Infofilme zu Studienfächern und Ausbildungsberufen anschauen.

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