Der Letzte macht das Licht aus: Ein Experte erklärt, wann Arbeit zur Sucht wird

  • Dass zu viel Arbeit krank machen kann, ist den meisten Beschäftigten klar – trotzdem fällt „das Aufhören“ schwer.
  • Denn ähnlich wie eine Alkoholsucht kann auch die Arbeit süchtig machen, erklärt ein Experte im RND-Interview.
  • Warum die Diagnose noch schwerfällt und wie Betroffenen geholfen werden kann.
Alice Mecke
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Hannover. Immer mehr, immer schneller, immer besser, immer „Ja“ sagen – manche Menschen verschmelzen mit ihrer Arbeit zu einer Symbiose und können gar nicht anders, als ständig zu arbeiten. Was zunächst nach Fleiß und Tüchtigkeit klingt, kann ernsthaft krank machen. „Workaholics“, also Arbeitssüchtige, gibt es in Deutschland immer mehr, das belegt die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse 2021, die jedes Jahr die Einstellungen und Gewohnheiten der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer abfragt. Die Fachleute ordnen 20 Millionen Menschen dem Typ Workaholic zu.

Dem Thema Arbeitssucht hat sich Dr. Stefan Poppelreuter angenommen, Poppelreuter beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit der Arbeitssucht. Der Psychologe und Experte für Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen leitet den Bereich „Analysen & Befragungen HR Consulting“ in der TÜV Rheinland Akademie GmbH in Bonn. Im RND-Interview erklärt Poppelreuter, wann die Arbeit zur Sucht wird, wer als besonders gefährdet gilt und wie man aus der Spirale wieder rauskommt.

Herr Poppelreuter, was versteht man unter einer Arbeitssucht?

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Stefan Poppelreuter: Unter Arbeitssucht wird eine intensive Beschäftigung mit den Inhalten der Arbeit verstanden. Diese exzessive Beschäftigung mit der Arbeit hat bei den Betroffenen ein solches Maß angenommen, dass andere Lebensbereiche nachhaltig vernachlässigt werden. Und es kommt zu negativen Konsequenzen, für die Gesundheit oder auch im sozialen Umfeld. Dabei können auch Studentinnen und Studenten, Hausfrauen und -männer, oder Rentnerinnen und Rentner arbeitssüchtig sein.

Seit über 25 Jahren beschäftigt sich der Psychologe Stefan Poppelreuter mit der Arbeitssucht. © Quelle: Stefan Poppelreuter

Bei der Arbeitssucht handelt es sich allerdings nicht um eine offiziell anerkannte Störung oder Erkrankung, die in die entsprechenden Diagnosemanuale aufgenommen worden ist. Die Arbeitssucht wird im Rahmen der nicht stoffgebundenen Süchte behandelt – dazu zählen beispielsweise auch Spiel- oder Kaufsucht, wobei diese beiden als „Störung der Impulskontrolle“ anerkannt sind. Das ist bei der Arbeitssucht nicht der Fall, sie ist offiziell nicht anerkannt, wenngleich sich viele Menschen mit dieser Sucht identifizieren können.

Immer mehr arbeiten: „Die Dosis wird gesteigert“

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Welche Parallelen gibt es zu einer „klassischen Sucht“, wie man sie von beispielsweise Alkoholikern kennt?

Es gibt unterschiedlichen Kriterien zur Diagnose einer Sucht, die wir auch aus klassischen Abhängigkeitserkrankungen kennen. Also zum Beispiel ein Mehrarbeiten infolge von Toleranzerwerb: Ich muss mehr von selbst tun, um den gewünschten Zustand zu erreichen. Die Dosis wird gesteigert. Toleranzerwerb meint hier aber auch, man beschäftigt sich mit Dingen, die eigentlich gar nicht in den eigenen Zuständigkeitsbereich fallen, und dass man immer mehr Dinge annimmt, obwohl man gar keine Kapazitäten mehr hat.

Es kommt außerdem zu Entzugserscheinungen, wenn man nicht arbeitet. Man verliert zunehmend die Kontrolle über sein Arbeitsverhalten, viele Workaholics arbeiten bis spät in den Abend hinein, bis zum Zustand der völligen körperlichen Erschöpfung. Um die Parallelität zum Alkoholsüchtigen zu ziehen: Dieser hört auch erst dann auf zu trinken, wenn er vollends betrunken ist.

Ab wann kann man von einer Sucht nach Arbeit sprechen?

Bei stoffungebundenen Süchten fällt eine solche Diagnose noch viel schwerer als bei stoffgebundenen Abhängigkeiten, da wir hier nur bedingt quantitative Maßstäbe anlegen können. Man kann also nicht sagen: 60 Stunden in der Woche zu arbeiten sind kein Problem, aber ab der 61. Stunde wird es zum Problem. Eine rein quantitative Diagnose ist bei der Arbeitssucht nur bedingt möglich.

Vom Burn-out bis zum Schlaganfall

Es geht vielmehr um die Frage der Autonomie und der Selbstständigkeit, zum Beispiel hinsichtlich des eigenen Arbeitsverhaltens. Also solche Fragen und Themen wie: Habe ich noch Kontrolle über mein Arbeitsverhalten? Kann ich mir die Arbeit einteilen oder arbeite ich immer mehr, immer länger – bis zum Zustand der vollständigen Erschöpfung? Arbeite ich auch bei Krankheit oder in Phasen, die eigentlich der Erholung dienen, wie dem Wochenende oder im Urlaub?

Sie sprachen die vollständige Erschöpfung an. Welchen Konsequenzen bringt die mit sich und an was leiden Arbeitssüchtige darüber hinaus?

Die Erschöpfungssymptome können unter anderem in einem Burn-out oder einer Erschöpfungsdepression münden, weil man so wenig auf Körper und Seele geachtet hat, dass es zu einer Überlastungsreaktion kommt. Im psychischen Bereich können die Folgen auch all das sein, was auch mit Stresssymptomatiken in Verbindung gebracht wird. Das sind zum Beispiel Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen, Nervosität oder Schweißausbrüche.

Wenn ich außerdem zunehmend das Gefühl habe, ich schaffe das alles nicht, was ich mir vorgenommen habe oder was von mir erwartet wird, können Angst- und Panikstörungen eine Folge sein.

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Im somatischen Bereich kann es bis hin zu schwereren körperlichen Symptomatiken wie Herzinfarkten, Herz-Kreislauf-Störungen oder Schlaganfällen kommen.

„Dienst am Menschen“: Diese Berufsgruppen sind gefährdet

Sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer bestimmten Branche oder vor allem Führungskräfte besonders gefährdet?

Wir können nicht feststellen, dass Arbeitssüchtige besonders häufig Führungskräfte sind oder Personen in bestimmten Branchen. Man kann die Problematik des süchtigen Arbeitens in sämtlichen Branchen und in allen Arbeitsverhältnissen antreffen. Es gibt jedoch bestimmte arbeitsbedingte Rahmenbedingungen, bei denen man genauer hinschauen kann, weil sie arbeitssüchtiges Verhalten begünstigen können. Das sind einerseits alle Berufe, die als „Dienst am Menschen“ stattfinden. Das betrifft zum einen Pflegeberufe, Kranken- und Altenpflege, Tätigkeiten im medizinischen Bereich, Psychologinnen und Psychologen, Therapeutinnen und Therapeuten oder Sozialarbeitende. Hier sind häufig Tendenzen zur Selbstausbeutung beziehungsweise zum süchtigen Arbeiten zu erkennen.

Wenn man sich die Diskussion zu Arbeitszeiten und Arbeitsanforderungen beispielsweise in Krankenhäusern anschaut, stellen wir fest, das sind Berufsgruppen, die eine sehr, sehr verantwortungsvolle Aufgabe haben. Weil sie Dienst am Menschen tun und weil es häufig für andere Menschen unabdingbar ist, dass sie ihrer Arbeit nachkommen. Aber auch, weil diese Berufsgruppe häufig, aufgrund ihrer Disposition, einen Hang zur Selbstausbeutung hat. Denn sie sind bereit, sich einzubringen, sind engagiert und motiviert.

Welche Berufsgruppen gelten außerdem als besonders arbeitssüchtig oder sind zumindest gefährdet?

Wir beobachten zwei weitere Gruppen. Einmal Ihre Branche, die Journalistinnen und Journalisten, aber auch Menschen, die in der Forschung und Entwicklung tätig sind. Das sind Berufsgruppen, in denen es letztlich eine Menge Wege gibt, zum Ziel zu kommen. Im Journalismus müssen jeden Tag Spalten oder Sendeminuten gefüllt werden, es muss Content generiert werden, all das erzeugt einen sehr großen Druck und es herrscht eine starke Kurzlebigkeit. Was heute geschrieben wird, ist morgen schon wieder veraltet, und man braucht ständig etwas Neues.

Auch Personen in der Forschung und Entwicklung gehören dazu: Wenn ich beispielsweise den Auftrag habe, ein bestimmtes Medikament gegen eine Krankheit zu entwickeln, muss ich sehr viel ausprobieren, es ist unheimlich viel „trial and error“. Gerade diese Berufsgruppe, die ja auch mit vielen Rückschlägen zu kämpfen hat, kann man schon als gefährdeter betrachten.

Selbst und ständig

Wenn wir beim Thema Druck sind, dann zählen Selbstständige doch bestimmt auch dazu?

Ja, auch Freiberufler und alle Menschen, die in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind. Also Zeitverträge haben, die abhängig sind von den Angeboten ihrer Auftraggeber und gewisse Überforderungssituationen in Kauf nehmen, mit dem Argument: „Ich weiß ja nicht, was nächsten Monat ist.“ All diese Menschen laufen Gefahr, ihre persönliche Belastungsgrenze zu überschreiten, teilweise auch ständig zu überschreiten. Für sie ist es besonders schwierig, eine Work-Life-Balance herzustellen, neuerdings sprechen wir auch von einem Work-Life-Blending.

Was ist der Unterschied zwischen Work-Life-Balance und -Blending?

Work-Life-Blending beschäftigt sich mit der Frage: Wie integriere ich die Arbeit in meine sonstigen Lebensbereiche, wenn das alles nicht mehr so stark getrennt ist? Hier sind Homeoffice und mobiles Arbeiten zu neuen Herausforderungen geworden. Wie gehen Menschen damit um, dass sie eigentlich immer und überall und zu jeder Zeit arbeiten können? Der Rhythmus geht ein Stück weit verloren, wenn der klassische Arbeitsplatz dahingehend wegbricht, dass es jetzt eine stärkere „Vermischung“ zwischen Arbeit und den sonstigen Lebensbereichen gibt.

Homeoffice will gelernt sein

Also ist das Homeoffice nicht immer nur positiv zu betrachten?

Ich würde das gar nicht so wertend betrachten wollen, Arbeiten im Homeoffice setzt viel mehr gewisse Kompetenzen voraus. Es gibt natürlich Menschen, die durch das Homeoffice zufriedener sind, die ihr Leben und ihre Arbeit besser kombinieren können. Doch es gibt auch andere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, denen durch die verlorene Struktur des regulären Arbeitsplatzes auch eine Struktur im eigenen Arbeitsverhalten fehlt. Da gehen bestimmte Rituale verloren, Regeln werden nicht mehr beachtet, wie zum Beispiel das Fertigmachen und Kleiden für die Arbeit – das schafft einen äußeren Rahmen, der auch innere Struktur gibt. Wer aus dem Schlafanzug gar nicht herauskommt, dem kann es durchaus an Struktur fehlen.

Auch fehlen im Homeoffice die Kolleginnen und Kollegen, die sagen: „Komm, wir gehen jetzt nach Hause.“ Daneben werden am heimischen Arbeitsplatz viele Dinge noch „eben schnell“ erledigt, weil viele die Haltung haben, dass sie gern fertig werden möchten mit der Arbeit. Doch es gibt Berufsgruppen, da gibt es diesen Zustand des Fertigstellens nicht mehr. Es gibt immer noch etwas zu tun, es gibt immer noch etwas, was fertiggestellt werden kann. Gerade im Homeoffice fällt es dann vielen schwer, wirklich aufzuhören zu arbeiten.

Die Technologien und Möglichkeiten des Arbeitens sind durch Homeoffice und Co. ja etwas völlig anderes geworden als noch vor einigen Jahren oder Jahrzehnten. Können arbeitssüchtige Tendenzen daher eher bei der Generation Y und Digital Natives festgestellt werden?

Ich wäre vorsichtig zu sagen, dass Arbeitssucht ein Generationsphänomen ist. Bei den Generationen nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte ebenfalls das Motto „Wer viel arbeitet, ist gut“. Aber ich sehe schon, dass die Generation Y mit der Tatsache konfrontiert ist, dass vieles sehr fragil ist. Start-ups schießen aus dem Boden, aber sehr viele verschwinden auch wieder. Der Wettbewerbsdruck ist höher geworden, man konkurriert heute – je nach Branche – nicht mehr nur mit internen oder nationalen Mitbewerbenden, sondern beispielsweise mit Programmiererinnen und Programmierern aus Indien oder mit Consultants aus den USA.

Wer außerdem gerade aus dem Studium oder der Ausbildung in den Beruf startet, ist oft sehr motiviert und möchte Karriere machen. Das gelingt jungen Menschen dann häufig auch sehr gut, doch hier ist ein Phänomen festzustellen: eine Quarterlife-Crisis. Die tritt, im Gegensatz zur Midlife-Crisis, schon nach 25 bis 30 Lebensjahren ein und Menschen, die beruflich viel oder alles erreicht haben, bleiben auf einem gewissen Plateau stehen. Da geht es karrieretechnisch dann nicht so richtig weiter und man stellt gewisse Erschöpfungssymptome fest.

Diese Hilfe gibt es für Arbeitssüchtige

Wenn ich nun an mir selbst bemerke, dass mich meine Arbeit zunehmend negativ einnimmt, und ich schon gewisse Symptome feststelle, wie kann ich mir selbst helfen?

Man kann versuchen, sein eigenes Verhalten zu verändern, beispielsweise indem man Phasen der Entspannung einlegt oder sich selbst die Regel auferlegt, nicht mehr als zehn Stunden am Tag zu arbeiten. Um langsam anzufangen, kann auch ein Tag in der Woche, an dem gar nicht gearbeitet wird, festgelegt werden. Häufig zeigt sich allerdings, dass das allein nicht ausreicht. Eine zweite Möglichkeit ist der Besuch einer Selbsthilfegruppe. Da gibt es mittlerweile, nach dem Vorbild der anonymen Alkoholiker, einige Gruppen, die sich mit der Arbeitssucht befassen.

Neben einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung, die man ebenfalls beginnen kann, gibt es in Deutschland inzwischen auch einige psychosomatische oder Rehabilitationskliniken, die sich ein Stück weit auf solche Symptombilder wie die Arbeitssucht spezialisiert haben. Beispielsweise die Hardtwaldklinik II in Bad Zwesten, die Mettnau-Klinik am Bodensee, die Adula-Klinik in Oberstdorf und einige weitere.

Die Schlüsseldiagnose, die bei Aufnahme einer stationären Therapie gestellt wird, lautet aber nicht Arbeitssucht, vielmehr wird das süchtige Verhalten im Zusammenhang mit anderen Diagnosen besprochen und behandelt. Was sich häufig zeigt, ist, dass das zwanghafte, das perfektionistische Arbeitsverhalten ein häufiger Ursachenfaktor für all die körperlichen und psychischen Probleme ist, die in der Klinik behandelt werden.

Sie erklärten, dass die Arbeitssucht noch keine offiziell anerkannte Erkrankung sei. Bei all den Auswirkungen, die diese mit sich bringt, wäre es vermutlich aber richtig und wichtig, die Arbeitssucht anzuerkennen?

Absolut. Ich glaube, dass dadurch auch die Diskussion um das Thema Burn-out befruchtet werden kann, um deutlich zu machen, dass es eine Ausgewogenheit zwischen An- und Entspannung geben muss, damit man auch mittel- und langfristig leistungsfähig bleibt. Wenn wir über die Verlängerungen der Arbeitszeiten sprechen – über ein Alter von 65 Jahren hinaus –, ist es ein ganz entscheidender Punkt, dass die Menschen auch bis dahin kommen. Um das zu ermöglichen, müssen wir präventiv und interventiv handeln und helfen.

Das Problem ist jedoch, dass es für Arbeitssüchtige erst dann eine Unterstützung gibt, wenn tatsächlich etwas passiert ist. Die Arbeitssucht ist in unserer Gesellschaft sehr präsent und fast jeder kann erzählen, dass er einen Workaholic kennt. Insofern halte ich es für entscheidend, das Thema weiterhin zu diskutieren.

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