Von wegen „die beste Zeit deines Lebens“ – wie die Pandemie das Studium verändert

  • Einsamkeit – das ist ein zentrales Problem Studierender in der Pandemie.
  • Dabei sind Kontakte wichtig, auch für den Erfolg im Studium.
  • Wie ist ein Leben zwischen Studium am Laptop und Chat mit Freunden und Freundinnen?
Alina Stillahn
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Hannover/Göttingen/Hamburg/Berlin. „Das wird die beste Zeit deines Lebens“ – diesen Satz haben vermutlich viele junge Menschen gehört, als sie ihr Studium begonnen haben. Er ist nicht nur eine nostalgische Erinnerung der Älteren an eine unbeschwerte, freie Zeit des Lernens. Er ist zugleich auch ein Versprechen an die Jungen. Doch von diesem Versprechen ist in der Corona-Krise nicht viel geblieben.

Mittlerweile sind viele Studierende im dritten Pandemiesemester. Mehr als ein Jahr Homeoffice, Onlinevorlesung, teilweise geschlossene Bibliotheken und ein leerer Campus sind der Alltag. Manche sind gar nicht erst ausgezogen und studieren vom Kinderzimmer aus. Andere wiederum sind in eine andere Stadt gegangen – mitten in den Lockdown hinein.

Eine von ihnen ist Ella Rinke. Sie ist im vergangenen Oktober von Hannover nach Hamburg gezogen und studiert dort Deutsche Sprache und Literatur. Schon zu Beginn bemerkte sie, dass ihr die Erstsemesterpartys fehlen, um Menschen kennenzulernen. Sie hatte das Gefühl, nicht richtig anzukommen in der Stadt. Mittlerweile gehe es besser, sagt sie. Der Sommer kommt, die Straßen werden voller. Sie kann wieder ins Café gehen oder einfach auf den Balkon.

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„So sollte es sich nicht anfühlen“

„So sollte es sich trotzdem nicht anfühlen“, sagt Rinke. Sie hat den Eindruck, auf sich selbst angewiesen zu sein. „Wenn ich eine Frage habe, stehe ich damit allein dar.“ Der kurze Austausch in der Pause zwischen den Vorlesungen fehlt. Ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen online zu kontaktieren, das kostet sie Überwindung. Eine hat sie zu Anfang des Studiums angeschrieben – sie ist ihre einzige Kontaktperson geblieben. Die meisten anderen aber bleiben anonyme Kacheln in der Onlinevorlesung.

So wie Rinke geht es vielen Studierenden in der Pandemie: Sie fühlen sich zunehmend einsam. Laut einer Umfrage unter rund 1300 Studierenden in Mecklenburg Vorpommern wünscht sich ein Großteil mehr Begegnungsmöglichkeiten unter Studierenden. 82 Prozent vermissen Begegnungen mit anderen Studierenden im Allgemeinen.

Onlinekontakte sind schwierig

„Einsamkeit ist schon ein Problem, weil es schwieriger fällt, im Onlinemodus Kontakte aufzubauen und zu halten“, sagt Michael Cugialy von der psychologischen Beratung an der Freien Universität Berlin. Der Diplompsychologe hat eine erhöhte Nachfrage nach psychologischer Beratung unter den Studierenden festgestellt. Die häufigsten Gründe, warum Studierende Hilfe suchen, sind jedoch die gleichen wie vor der Pandemie geblieben: Arbeitsstörungen wie zum Beispiel Schreibblockaden, Motivationsprobleme und Depressionen.

Das Auftreten von Depressionen werde durch Stress begünstigt und das allgemeine Stresslevel sei wegen der Pandemie hoch, sagt der Diplompsychologe. Dazu fielen Kontakte, die im Alltag Entlastung bringen, weg. „Diejenigen schließen am wahrscheinlichsten oder erfolgreichsten das Studium ab, die vernetzt sind, also die enge Kontakte zu anderen Leute im Studiengang haben“, sagt Cugialy.

Freunde sind nicht so gut erreichbar

Aron Gal hat früher gefühlt den ganzen Tag von Montag bis Freitag in der Uni verbracht und dabei „Gott und die Welt“ getroffen. Jetzt passiert es schon mal, dass er über mehrere Tage niemanden mehr sieht. „Meine Freunde sind trotzdem alle noch da, aber nicht mehr so gut erreichbar“, sagt er. Wenn er Fragen zur Uni hat, muss er jetzt E-Mails schreiben. Auf die bekomme er nicht immer eine Antwort, sagt er. Onlineunterricht ist für ihn nicht das gleiche wie Präsenzunterricht. Dabei fehlt ihm vor allem der Input. Früher habe er einfach eine Pause gemacht, wenn er mit der Hausarbeit nicht weiterkam und vor der Bibliothek jemanden getroffen, der weiterhelfen konnte, erzählt er.

Aron Gal studiert Politikwissenschaften im Master © Quelle: Privat

Mit einem „verkaterten Sonntag“ vergleicht der Experte Cugialy die Stimmung, die sich in der Pandemie einschleichen kann: lange schlafen, eine Onlineveranstaltung ausfallen lassen und zum Feierabend Netflix schauen. „Wenn man jeden Tag in so einer Stimmung ist, dann muss das negative Auswirkungen auf die Psyche haben.“ Wichtig sei daher die Frage, wie man auch unter Pandemiebedingungen einen angenehmen Alltag führen könne. „Auch wenn es nicht der ideale Alltag wie vor der Pandemie ist.“

Jeden Tag das Gleiche

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Das kann schwerfallen, wenn man selten vor die Tür kommt. „Meine Wohnung ist nicht dafür ausgelegt, den ganzen Tag da drin zu verbringen“, sagt der 26-jährige Gal. Schlafen, essen und arbeiten – dafür sind etwas mehr als zwanzig Quadratmeter knapp bemessen. Früher hat er nach der Uni seinen Rucksack einfach in die Ecke geworfen, mittlerweile fehlt ihm das Abschalten. „Es ist ja jeden Tag das Gleiche“, sagt er.

Auch Amina Harouna-Mayer schaut nun in eine Kamera, anstatt in Gesichter. Die 22-Jährige studiert Bauingenieurswesen in Hannover und gibt auch Tutorien für andere Studierende. Da fehlt ihr jetzt die Rückmeldung, sagt sie. Ob sie sich von ihrer Uni auch gut abgeholt fühlt? „Nicht unbedingt“, sagt sie. Einzelne seien engagiert dabei. Doch sie berichtet auch von spontan verschobenen oder gar abgesagten Präsenzklausuren im Winter. „In der Pandemie kann man schon mal damit rechnen, dass man irgendwie einen Plan B braucht.“ Auch ihr Auslandssemester musste sie um ein Jahr verschieben. Für sie sei das aber kein Problem gewesen. „Ich komme ganz gut klar“, sagt Harouna-Mayer über ihr Studium.

Ängste und Sorgen kommen nicht an

„Ich erlebe die Studierenden als sehr anpassungsfähig“, sagt Cugialy. In seinen Beratungen habe er auch nie Wut auf die Maßnahmen bemerkt. Vielleicht ist das auch die Pattsituation, in der sich junge Menschen gerade befinden. Für Aron Gal hat die junge Generation letztlich die größeren Opfer in der Pandemie zu tragen. „Die wenigsten 60-Jährigen hatten auch vor Corona den Lebensstil, dass sie sich fünfmal die Woche mit ihren Freunden getroffen haben. Für uns war das normal“

Trotzdem fällt es ihm schwerer, einfach mal zu sagen, dass es ihm schlecht geht. „Weil letztendlich jeder dieselben Probleme hat.“ Und es findet sich immer ein Beispiel von Menschen, die noch härter von der Krise getroffen sind. Vor allem vermisst er aber das Verständnis der Älteren für die Ängste und Sorgen der Studierenden. Er wünscht sich, dass auch mal gesagt wird: „Das ist auch wirklich cool, dass ihr dieses Opfer eingeht, vielen Dank.“

Für Gal ist das Corona-Jahr ein verlorenes Jahr – es gibt zu viele Erlebnisse, die er nicht machen konnte. Doch wie werden die Erfahrungen in der Pandemie oder eben die nicht gemachten Erfahrungen die Studierenden prägen? Der Psychologe Cugialy kann dazu noch keine Prognose abgeben. Er glaubt aber, dass viele nach der Pandemie zum Beispiel einiges an verpassten Freizeitaktivitäten nachholen werden.

Bis heute hat Ella Rinke einen Hörsaal nicht von innen gesehen. In der Bibliothek war sie schon, fünf Minuten, um ein Buch auszuleihen, erzählt sie. Sie bereut es trotz Corona und all der Schwierigkeiten nicht, ihr Studium in Hamburg begonnen zu haben.

Mittlerweile ist sie ganz gut in der Stadt angekommen. Neulich sei sie sogar auf der Schanze essen gewesen. Das ist für die 20-Jährige auch eine Chance, andere kennenzulernen. Langsam wagen auch die Universitäten erste Öffnungsschritte. Vielleicht gibt es im Herbst auch schon wieder eine Erstsemesterparty. Da will Ella Rinke auf jeden Fall hin. „Weil es dann ja quasi auch meine ist.“

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