Für den Job und die Familie: Warum es Menschen wieder zurück in die Heimat zieht

  • Vom Dorf in die Großstadt: Das war lange Zeit der Trend.
  • Doch nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie zieht es viele Berufstätige wieder zurück aufs Land.
  • Nicht nur die Jobs locken Menschen zurück, auch weiche Faktoren wie die Natur und die Menschen zählen.
Anja Schreiber
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Vom Land in die Großstadt – das war lange Trend. Doch der scheint sich umzukehren. Viele Berufstätige zieht es wieder in die alte Heimat. Gerade seit Beginn der Pandemie gibt es Anzeichen, dass sich diese Bewegung verstärkt. Kein Wunder, denn im Lockdown zeigten sich die Vorteile des Landlebens.

„Während der Pandemie erleben wir in unseren Beratungen für Rückkehrer ein zunehmendes Interesse an unserer Region”, berichtet Dirk Lüerßen, Geschäftsführer des Vereins der Wachstumsregion Ems-Achse, zu der das Emsland, die Grafschaft Bentheim und Ostfriesland gehören. Auch eine aktuelle Befragung unter Berufstätigen in der Region Ems-Achse und sechs weiteren ländlichen Regionen bestätigt eine erhöhte Attraktivität des ländlichen Raumes. Danach nehmen 40 Prozent der Befragten wahr, dass bei ihren in Metropolen oder Großstädten wohnenden Freunden und Bekannten der Wunsch nach einem „Leben auf dem Land” gestiegen sei.

Corona wirkt wie ein zusätzlicher Booster

Im Erzgebirge ist ebenfalls diese Entwicklung zu beobachten: „In Gesprächen erfahre ich, dass Menschen vermehrt auf dem Land leben wollen oder den Wunsch haben, zurück in ihre alte Heimat ziehen”, erklärt Kristin Kocksch, Leiterin des Welcome Centers Erzgebirge, das zur Wirtschaftsförderung Erzgebirge gehört. Das Welcome Center unterstützt Rückkehrer und Zugezogene zum Beispiel bei der Suche nach Job, Haus oder Kinderbetreuung. „Im Lockdown haben viele ihre aktuellen Lebensumstände reflektiert. Da entstand oft der Wunsch nach Natur und einem Haus mit Garten.” Gleichzeitig habe das mobile Arbeiten und die Flexibilität im Beruf zugenommen. „Zwar gab es schon vor der Pandemie den Trend zum Wohnen und Arbeiten auf dem Land, aber Corona wirkt wie ein zusätzlicher Booster.”

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Trend schon vor Corona

Schon in der Vor-Corona-Zeit gab es den Trend, aufs Land zurückzukehren. Das belegen die Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Thünen-Instituts für Ländliche Räume aus dem Jahr 2020. Danach machten Rückwanderungen einen bedeutenden Anteil der Binnenwanderung von Arbeitskräften aus. Zwischen 2014 und 2017 war mehr als jeder vierte Umzug in eine andere (Kreis-)Region eine Rückkehr in eine frühere Wohnortregion.

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Rückkehrende machten im regionalen Vergleich auch einen hohen Anteil an der Zuwanderung aus. So waren 31 Prozent aller Zuwanderungen in die ländlichen Räume Rückwanderungen. Zu den drei ländlichen Regionen mit den höchsten Rückwanderungsanteilen gehörten die Kreisregion Eichsfeld mit einem Anteil von 45 Prozent, der Erzgebirgskreis mit 44 Prozent und der Kreis Mansfeld-Südharz mit 43 Prozent. Diese Regionen liegen ausnahmslos in ostdeutschen Bundesländern. Die Auswertung kommt allerdings für die Jahre zwischen 2014 und 2017 zu dem Schluss, dass die Zahl der Zurückgekehrten nur in wenigen ländlichen Regionen auf dem Niveau der Wegzüge lag.

Der 35-jährige Frederic Günther aus dem erzgebirgischen Seiffen ist ebenfalls schon vor der Pandemie in seine alte Heimat zurückgekehrt. „Nach meinem dualen Studium der Tourismuswirtschaft habe ich als Einkäufer bei einem Gastronomiezulieferer in München gearbeitet”, berichtet Günther. „Damals waren die Arbeitsmarktchancen im Erzgebirge nicht gut.” Nach zwei Jahren zog es Günther zurück nach Sachsen - erst nach Dresden und dann ins heimatliche Seiffen. „Heute bin ich Geschäftsführer des Verbandes erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller.” Außerdem arbeitet er im familiären Handwerksbetrieb mit, der erzgebirgische Spielwaren und Dekorationsartikel wie Schwibbögen und Räuchermänner herstellt.

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Gute beruflichen Perspektiven

„Ich bin froh darüber, dass meine Frau und ich uns entschieden haben, zurückzukehren”, sagt Günther. „Wir haben hier ein eigenes Haus mit Garten. Unter dem Strich haben wir mehr Geld zur Verfügung als in der Großstadt.” Gerade in Pandemiezeiten sei die nahe Natur ein echter Vorteil. Denn der Wald beginnt gleich vor der Haustür der Familie Günther. Außerdem freut er sich, dass seine Eltern in der Nähe sind und schon mal die Kinder betreuen können. „In unserem Freundeskreis haben wir sogar einen Trend ausgelöst. Immer mehr gehen in die Heimat zurück oder haben das vor. Sie finden auch gute Jobs.”

Gute berufliche Perspektiven sieht auch Kocksch: „Wir haben durch den demografischen Wandel und die wirtschaftliche Entwicklung des Erzgebirges einen steigenden Fachkräftebedarf in verschiedenen Branchen.”

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Nicht nur Jobs, auch Natur und Menschen zählen

Lüerßen berichtet ebenfalls von guten Beschäftigungsmöglichkeiten. „Bei uns in der Region gibt es Jobs im Automobil- und Landmaschinenbau, aber auch in der Softwareentwicklung, im Handel und im Tourismus. Vor 25 Jahren waren wir noch ein Armenhaus. Das ist heute anders.” Aber es seien nicht nur die Jobs, die Zugezogene und Rückkehrer in die ländliche Region ziehen: „Unsere Befragung zeigt, dass gerade weiche Faktoren wie die Natur und die Menschen zählen.”

Auch bei dem 33-jährigen Johannes Watermann waren es diese weichen Faktoren, die den gebürtigen Papenburger zur Rückkehr bewegten: „Nach meinem Masterabschluss in Industrial Informatics ging ich zur Firma Miele nach Gütersloh, wurde dort Trainee und arbeitete dann im Bereich SmartHome für Hausgeräte. Ich wohnte damals in Osnabrück und musste pendeln.” Als er und seine Frau Nachwuchs bekamen, reifte in ihnen der Entschluss, das Kind in der Heimat aufzuziehen. „Wir haben uns ein Haus hier in Papenburg gekauft. Ich stellte mich schon auf das Pendeln ein.”

„Es gibt eine hohe Treue zur Region“

Doch dann fand er im vergangenen Jahr eine Stelle beim Verein Wachstumsregion Ems-Achse. Er arbeitet jetzt in der Projektfabrik, die Start-ups und Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Innovationen hilft und selbst unternehmerische Ideen entwickelt. Mit dieser Entscheidung ist der junge Vater sehr zufrieden: „Wir hätten uns anderswo kein solches Haus kaufen können.” Doch die günstigen Immobilienpreise waren nicht der Hauptgrund für den Umzug: „Wir wollen dort leben, wo wir uns sozial wohlfühlen. Wir haben hier Familie und einen großen Freundeskreis.”

Lüerßen weiß: „Es gibt eine hohe Treue zur Region. Gerade zu den Feiertagen kommen viele junge Leute, die anderswo studieren oder arbeiten, nach Hause. Diese entscheiden sich dann oft in der Familienphase zur Rückkehr, um hier ihr Nest zu bauen.”

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