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Hier, keine Karte für Sie: Ist eine Visitenkarte noch zeitgemäß?

Wer hat die Schönste? In „American Psycho“ mit Christian Bale (links) vergleichen die Banker ihre Karten.

Wer hat die Schönste? In „American Psycho“ mit Christian Bale (links) vergleichen die Banker ihre Karten.

Der Code, mit dem man im prädigitalen Zeitalter im übertragenen Sinne Türen geöffnet hat, lautet 85 mal 55. Es sind die klassischen Millimetermaße einer Visitenkarte. Gut, sie stimmen mit dem Kreditkartenformat überein. Doch Geld allein reicht nicht immer, um Sympathien, Vertrauen und Ansehen zu gewinnen.

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In der Filmsatire „American Psycho“ über die dekadente Welt New Yorker Investmentbanker überbieten sich die Protagonisten gegenseitig mit ihren Visitenkarten. Die Karte ist das Eintrittsbillett in den Club der Elitären. Und so fühlt sich die Hauptfigur Patrick Bateman dermaßen in Stolz und Selbstwert verletzt, als die Karte seines Konkurrenten für mehr Eindruck bei den Kollegen sorgt als seine eigene, dass er den Mann schließlich umbringt.

Auch im digitalen Zeitalter in einigen Bereichen noch angemessen

Die Geschichte spielt in den Achtzigerjahren. In die heutige Zeit verlegt, würde die Szene mit dem Kartenabgleich noch absurder wirken. Warum sollte man im 21. Jahrhundert ein Etui mit sich herumtragen, aus dem man seine Kontaktdaten zaubert, oder sich einen Kartenvorrat im Portemonnaie halten? Schließlich gibt es Smartphones, die das Speichern von Mailadresse und Telefonnummer übernehmen. Stirbt die Visitenkarte aus? Was hat sie im digitalen Zeitalter noch für einen Nutzen, da man doch jede Firma und auch Einzelpersonen einfach online finden kann?

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„Visitenkarten waren mal ein Muss, jetzt sind sie ein Kann“, sagt Karrierecoach und Autor Martin Wehrle, Kolumnist des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND). „Doch was nicht mehr in Mode ist, erzielt oft eine besonders hohe Aufmerksamkeit“, ergänzt er. Und darum geht es in der Geschäftswelt schließlich fast immer. In einer nicht repräsentativen Umfrage sagen eine Juristin und zwei Handwerker dennoch übereinstimmend, dass sie kaum noch Visitenkarten vergeben würden. Man schicke sich Kontaktdaten auf digitalem Weg. Ein Politiker und ein Ingenieur halten die Visitenkarte dagegen immer noch für sinnvoll. Es sei eine schnelle Form des Austauschs und noch dazu eine höfliche Geste.

Besonders in asiatischen Ländern mit ihren teils recht komplexen Systemen an Höflichkeitsformen wird die Visitenkarte nach wie vor als Zeichen der Wertschätzung wahrgenommen und ist dort von zentraler Bedeutung in der Geschäftswelt: „Visitenkarten werden immer mit beiden Händen und leichter Verbeugung übergeben. Als tödlicher Fehler gilt es, die Visitenkarte eines Chinesen einfach einzustecken. Es kommt darauf an, sie aufmerksam zu betrachten, zu würdigen und nötigenfalls eine Nachfrage zu stellen. Das zeugt von Wertschätzung und Interesse“, sagt Karriereberater Wehrle.

Eine ansprechende Karte bleibt im Gedächtnis – und ebenso die Person

Eine Visitenkarte aufmerksam zu betrachten – das hat auch praktische Vorteile: Wer ein schlechtes Namensgedächtnis hat, der wird für einen bestimmten Kontakt lange und womöglich erfolglos im Smartphone suchen, wenn er vergessen hat, wie sowohl die Person als auch die Firma heißt. Im Kästchen mit den Visitenkarten wird man in solchen Fällen schneller fündig. Die Ansprechpartner gewinnen buchstäblich an Format, wenn ihre Karte zum Vorschein kommt. Vor allem, wenn sie einprägsam gestaltet ist.

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Diesbezüglich hat die Digitalisierung auch der Visitenkarte Vorteile beschert: Der Digitaldruck ermöglicht besondere grafische und mehrfarbige Gestaltungsmöglichkeiten bis hin zu 3-D-Elementen, inklusive eigenem Foto. Der Bundesverband Druck und Medien teilt auf Anfrage mit, man habe „bislang keine Einbrüche“ beim Geschäft mit Visitenkarten beobachtet. Vor allem wertige Karten seien nach wie vor gefragt.

Wehrle rät: „Wer eine stilvolle Visitenkarte hat, sollte sie nach wie vor einsetzen.“ Doch was ist stilvoll? Während die Banker in „American Psycho“ Weißtöne von „Knochen“ bis „Eierschale“ bevorzugen, verzeichnet Lars-Peter Leu schon seit einigen Jahren eine hohe Nachfrage nach Schwarz. Der Berliner betreibt unter dem Namen „Volle Kante“ eine „Manufaktur für exklusive Visitenkarten“. Er hat sich auf traditionelle Druckmethoden mit Folien- und Goldschnitt spezialisiert. Leu ist sicher: „Die Visitenkarte wird nie an Bedeutung verlieren.“ Seine Kundinnen und Kunden kommen aus recht unterschiedlichen Branchen, wie er sagt. Selbst Digitalagenturen bestellen bei ihm. Doch eines haben alle gemeinsam: „Ob Chirurgin, Grafiker, Maklerin oder Architekt – alle, die bei mir bestellen, haben im weitesten Sinne mit Ästhetik zu tun“, sagt Leu.

Experte rät zu schlichtem, klaren und offenen Design

Um Eindruck zu hinterlassen, im Gedächtnis zu bleiben und ein gutes Image zu vermitteln, kann eine Visitenkarte aus seiner Sicht viel bewirken. Bei der Gestaltung sei weniger mehr, betont Leu. Auf jeden Fall sollten seiner Meinung nach keine unnötigen Informationen draufstehen. „Das Design sollte klar, schlicht und offen sein“, rät er. Manchmal reiche vorne ein Logo und auf der Rückseite ein QR-Code, das sei dann die ideale Verbindung zwischen Tradition und Moderne. Haptik und Optik sollten eine gewisse Wertigkeit haben. „Das“, ist Leu überzeugt, „hat auch mit Wertschätzung gegenüber dem Empfänger zu tun.“

Wer bei Leu bestellt, ordert um die 100 Kärtchen oder weniger. Onlinedruckereien bieten ebenfalls auch geringe Auflagen an. Das zeigt auch: Visitenkarten sind heute kein Massenprodukt mehr. Man verteilt sie nicht wahllos, sondern an bestimmte Leute. Das gab es schon mal: Die Geschichte der Visitenkarte ist eng mit der Welt des Adels verknüpft. So war es im 17. Jahrhundert am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. üblich, eine handschriftlich mit Namen versehene Spielkarte zu hinterlassen, wenn man jemanden besuchen (französisch: visiter) und vorab angekündigt werden wollte. Aus den beliebigen Spielkarten wurden schließlich individuell verzierte Karten, die man auf extra dafür bereitgestellten Silbertabletts ablegte. Die Regency-Romane von Jane Austen, in denen es viel ums Warten und verpasste Momente geht, sind reich an derlei Szenen. Ob die meist bodenständigen und bescheidenen Heldinnen jedoch jemanden vorgelassen hätten, dessen Kärtchen von der britischen Firma Black Astrum gestaltet worden wäre? Eher nicht. Der Visitenkartenhersteller versieht seine Produkte mit Diamanten. Das wäre wohl selbst für Banker Bateman zu überkandidelt gewesen.

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