Schreiben, um zu reflektieren: Wie Journaling den Berufsalltag strukturiert

  • Journaling ist eine moderne Form des Tagebuch­schreibens. Berufstätigen kann es helfen, besser durch den Arbeitsalltag zu kommen.
  • In seinem Buch „Ein guter Plan“ erklärt Autor Jan Lenarz, wie er durch das schreibende Reflektieren seine Werte und Prioritäten erkannte.
  • Er fand heraus, was ihn glücklich macht und was nicht.
Anja Schreiber
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Bullet-Journal, Erfolgsjournal und Dankbarkeits­tagebuch: Journaling liegt voll im Trend. Journale helfen bei der Planung des beruflichen Alltags und werden oft zum zentralen Selbst­management­instrument. Sie bieten aber auch die Chance zur Reflexion und Persönlichkeitsentwicklung.

Der Berliner Jan Lenarz ist bekennender Journalschreiber. Er hat das Journaling sogar zu einer Geschäftsidee entwickelt. Der Autor des Buches „Ein guter Plan“ erklärt, was ihn an der neuen Form des Tagebuch­schreibens überzeugt: „Mit ihr lassen sich Muster im eigenen Leben erkennen. So wird es möglich, achtsam mit sich selbst umzugehen.“

Wie geht es mir eigentlich?

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Dem studierten Grafikdesigner hat das Journalschreiben auch selbst geholfen. „Vor einigen Jahren erkrankte ich am Burn-out-Syndrom.“ In dieser Zeit nutzte er das Tagebuch für eine Bestands­aufnahme. „Es zeigte mir, wie sehr ich unter ständigem Leistungsdruck stand.“ Zudem erkannte er durch das schreibende Reflektieren seine Werte und Prioritäten. Er fand heraus, was ihn glücklich macht und was nicht. „All das war die Grundlage für meine beruflichen Veränderungen.“ Lenarz erkannte, dass er seine bisherige Arbeit als wenig sinnvoll empfand. Heute ist er glücklich mit seiner Arbeit als Autor und Verleger.

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Ein Journal hilft Berufstätigen auch bei der Leistungskontrolle. „Die eigenen Erfolge lassen sich leicht ignorieren. Klappt etwas, beachten wir es kaum. Probleme und Rückschläge bleiben uns dagegen viel deutlicher in Erinnerung“, erklärt Lenarz. Deswegen sei ein Journal, das bewusst den Fokus auf die eigenen Erfolge legt, ein ideales Instrument, um positive Erlebnisse wahrzunehmen. „Wenn man jeden Tag aufschreibt, was man alles geschafft hat, fallen einem plötzlich ganz viele Sachen ein.“

Abends alles von der Seele schreiben

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Lenarz sieht in der aktuellen Pandemie­situation gute Gründe, mit dem Journal­schreiben zu beginnen: „Da es uns gerade an externen Reizen fehlt, kochen wir in unserer eigenen gedanklichen Suppe und verrennen uns schneller in negativen Gedanken. Es macht jetzt besonders Sinn, sich abends kurz alles von der Seele zu schreiben.“ Denn so könne man seine Gedanken sortieren. „Schreiben ist oft gleichbedeutend mit loslassen, und das ist im Lockdown wichtiger denn je.“

Sylvia Löhken aus Bonn, Buchautorin und Coach für introvertierte Menschen, schreibt seit zwei Jahrzehnten Tagebuch. „Ich habe immer wieder neue Methoden ausprobiert wie etwa die Morning-Pages – ein assoziatives Schreiben am Morgen.“ Auch ein Dankbarkeits­tagebuch hat sie schon geführt. „Allerdings musste ich feststellen, dass meine Sätze floskelhaft wurden, wenn es mir nicht gut ging.“ Als sie das entdeckte, hörte sie mit dieser Form des Journals auf. „Denn wichtig beim Journalschreiben ist die totale Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Sonst bringt es nichts.“

Lieber schreiben als reden

Gleichzeitig ist sich Löhken sicher, dass sich Journale positiv auf die berufliche Entwicklung auswirken können. „Deswegen empfehle ich auch meinen Kunden das Tagebuch­schreiben. Introvertierten ist das Schreiben über sich ohnehin lieber als das Reden. So können sie sich besonders gut fokussieren.“ Doch auch für Extrovertierte hat Journaling Vorteile: „Sie kommen dann leichter auf den Punkt.“ In jedem Fall unterstütze das Tagebuch­schreiben die persönliche und berufliche Entwicklung, weil es Planung und Reflexion kombiniere.

Die Berliner Texterin Sabine Schreiber schreibt seit ihrer Kindheit Tagebuch: „Diese Schreibpraxis hilft mir, mich besser auszudrücken. Sie wirkt aber auch befreiend, weil ich ehrlich zu mir selbst bin.“ Im Laufe der Jahre hat die studierte Kommunikations­wissenschaftlerin festgestellt, dass sie durch den Schreibprozess Antworten auf viele ihrer Lebensfragen gefunden hat. So fand sie unter anderem heraus, welche Glaubenssätze ihren beruflichen Alltag prägten.

Wie ein Gespräch mit einer guten Freundin

Auf diesem Wege entwickelte Schreiber neue Ideen für ihren Beruf. „Seit letztem Jahr arbeite ich auch als Schreibcoach und biete Online­workshops für intuitives Schreiben an.“ Sie möchte das weitergeben, was sie selbst erfahren hat. „Das Schreiben im Allgemeinen und das Journaling im Speziellen ermöglichen mir, andere und neue Perspektiven einzunehmen. Es ist wie das Gespräch mit einer guten Freundin.“ Auch in der Pandemiezeit hat sich das Journal für die Texterin bewährt. „Es gleicht einem Medikament aus der Notfall­apotheke, das mir behilflich ist, mit mir klarzukommen.“

Für Lenarz ist besonders in Pandemiezeiten das Journal als Planungs­instrument und Dankbarkeits­tagebuch wichtig. „Man sollte in der aktuellen Situation die kommenden Tage bewusst planen … gerade weil scheinbar so wenig passiert und so wenige echte Termine stattfinden.“ Klassische Aktivitäten der Selbstfürsorge wie Spaziergänge seien jetzt notwendig und sollten eingeplant werden. Auch ihm tut das Journaling in der Corona-Krise gut: „Es passiert tatsächlich wenig. Da sind eben das lange Telefonat mit einer Freundin oder der Fünf-Stunden-Spaziergang das Highlight des Tages. Mir wäre ohne Journal kaum aufgefallen, wie wertvoll manches ist, hätte ich nicht abends kurz darüber reflektiert und deswegen gleich mehr davon eingeplant.“

Journaling: So funktioniert es

Wer seinen Berufsalltag schreibend begleiten will, hat dafür ganz verschiedene Möglichkeiten. Schreibwillige können dafür hochwertige Notizbücher oder auch einfache Spiralblöcke nutzen. Außerdem gibt es Einschreibbücher. Ein Bullet-Journal ist ebenfalls eine Alternative. Es umfasst To-do-Listen, Termine und Notizen. Auch andere Journalvariationen wie etwa das Erfolgsjournal oder das Dankbarkeits­tagebuch unterstützen die Reflexion.

Natürlich kann sich ein Journalschreiber oder eine Journalschreiberin auch für die digitale Form entscheiden und auf eine der speziellen Tagebuch-Apps zurückgreifen. Coach Sylvia Löhken empfiehlt, jene Variante zu nutzen, die zu einem passt, und auch mal die Methoden zu wechseln. Entscheidend sei, regelmäßig zu schreiben. Ideal ist natürlich die tägliche Routine, aber auch ein wöchentlicher Schreibtermin sei sinnvoll. Es lohnt sich zudem, in größeren Abständen sein Journal durchzulesen und über die Aufzeichnungen zu reflektieren. So erkennt man eigene Fortschritte, entwickelt aber auch Lösungen für Probleme.

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