Neuer Job ohne Bewerbung: Wie ehemalige Kollegen die Karriere beflügeln können

  • Zahllose Bewerbungen zu schreiben und nur Absagen zu kassieren kann frustrierend sein.
  • Aber es gibt einen Weg, auf dem Bewerber wesentlich schneller an einen neuen Job kommen, weiß Karrierecoach Martin Wehrle.
  • Dabei spielen ehemalige Kollegen eine entscheidende Rolle.
Martin Wehrle
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Wie lang dauert es, bis ein Bewerber erfolgreich ist? Oft Monate, manchmal Jahre. Aber es gibt einen Weg, auf dem es wesentlich schneller geht. Roland (44) war Versicherungsangestellter bei einem Konzern, aber wollte die Firma wechseln. Doch mehrfach hatte er auf ausgeschriebene Stellen Absagen kassiert, trotz fundierter Qualifikation.

Kontakt zu ehemaligen Kollegen aufnehmen

In der Beratung bat ich ihn, alle Vorgesetzten und Kollegen auf ein A4-Blatt zu schreiben, mit denen er im Laufe seines Berufslebens gearbeitet hatte. Bei den ersten Zeilen stockte sein Stift noch – aber dann flossen 52 Namen aufs Papier. Nun bat ich ihn, alle einzukreisen, die noch in derselben Branche, nicht aber in seiner jetzigen Firma arbeiten. Das waren 18 Leute, darunter zwei ehemalige Vorgesetzte. Zwölf davon arbeiteten in Firmen, die für Roland interessant waren.

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Dann erklärte ich ihm: „Das Ziel ist, dass Sie ohne Bewerbung ein Gespräch mit einem Vorgesetzten bekommen und Ihre Qualitäten zeigen.“ Er verzog sein Gesicht. „Aber wie soll das funktionieren?“ – „Sagen Sie zu Ihrem Kontakt zum Beispiel: Ich würde gern ein paar Gedanken und Anregungen einbringen. Meinst du, du könntest ein informelles Gespräch zwischen mir und deinem Chef arrangieren?“ – “Ich sage gar nicht, dass ich mich bewerbe?“ – „Nein, Sie befassen sich vorher mit den Bedürfnissen der jeweiligen Abteilung. Sie bringen Ideen ein, hinterlassen einen guten Eindruck und Ihre Kontaktdaten. Und Sie erwähnen in einem Nebensatz, dass Sie sich gerade umorientieren.“

Bewerbung sollte bei Gespräch nicht im Vordergrund stehen

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Er war skeptisch, aber suchte sich drei Kontakte heraus. Der erste erteilte ihm eine Abfuhr – sein Chef sei total eingespannt und für solche Gespräche nicht zu haben. Aber beim zweiten und beim dritten klappte es. Schon eine Woche später hatte er zwei Gespräche. Das erste mit einem Abteilungsleiter, den er noch nicht kannte – ein Ex-Kollege hatte es ihm vermittelt. Dieses Gespräch lief eher schleppend.

Umso besser kam Roland in das zweite Gespräch mit einem Ex-Chef, der wieder eine leitende Funktion bekleidete. Mit einer Innovationsidee rannte er offene Türen ein. Am Ende des Gespräches fragte sein Ex-Chef von sich aus: „Können Sie sich denn vorstellen, bei uns anzufangen?“ Mein Klient bejahte. Und plötzlich ging alles ganz schnell: Der Chef arrangierte ihm ein offizielles Vorstellungsgespräch mit einer Personalerin, fünf Tage später kam die Zusage. Und zweieinhalb Wochen später flatterte ein neuer Arbeitsvertrag ins Haus.

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Viele Stellen werden nicht ausgeschrieben

Was können Sie daraus lernen? Erstens: Wenn’s schnell gehen soll, müssen Sie den kurzen Dienstweg einschlagen. Zweitens: Etwa die Hälfte der Positionen in Deutschland wird ohne Ausschreibung unter der Hand vergeben – die Chancen sind dann riesengroß, weil Sie oft der einzige Bewerber sind. Und drittens: Vitamin B ist der beste Beschleuniger Ihrer Jobsuche. Also: Wer in der Branche könnte einen Job für Sie haben, welcher Ex-Kollege, Ex-Chef oder auch Kunde? Und was hätten Sie ihm, was der jeweiligen Firma zu bieten? Auf dieser Basis können Sie ein kurzfristiges informelles Gespräch anstoßen.

Oder, falls Sie im Handwerk arbeiten oder einen kleineren Betrieb ins Visier nehmen: Schauen Sie einfach bei der Firma vorbei und bieten Sie an, mal einen Tag mitzuarbeiten. Machen Sie sich nützlich, hängen Sie sich rein. Wenn der Tag gut läuft, passiert fast immer dasselbe: Die Firma bewirbt sich bei Ihnen – mit einem Stellenangebot.

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Martin Wehrle ist Karrierecoach und Bestsellerautor, sein aktuelles Buch: „Ich könnte ihn erwürgen – Vom einfachen Umgang mit schwierigen Menschen“ (Mosaik, 2020).

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