„Mütter haben es besonders schwer“: Vier Expertinnen über den Arbeitsalltag berufstätiger Mütter

  • Noch immer werden Mütter in der Arbeitswelt benachteiligt.
  • Wir haben mit einer Jobcoachin, einer Personalerin, einer Anwältin und einer Zukunftsforscherin darüber gesprochen.
  • Die Expertinnen erklären, welche beruflichen Probleme für Frauen entstehen, wenn sie Kinder bekommen – und was sich dagegen tun lässt.
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Eine junge Mutter, ihr Kind in der Trage und die Powerpoint-Fernbedienung in der Hand – mit diesem Bild von sich startete Managerin Kaitlyn Chang vor einigen Wochen eine Diskussion auf dem Jobnetzwerk Linkedin. Sie sei eine Mutter, aber nicht weniger professionell, schrieb sie unter das Bild. Offensichtlich fühlte sie sich genötigt, das noch einmal deutlich zu machen. Seither wird unter dem Hashtag #momtoo über die Benachteiligung von Müttern in der Arbeitswelt gesprochen.

Wir haben eine Jobcoachin, eine Personalerin, eine Anwältin und eine Zukunftsforscherin um ihre Einschätzung gebeten: Haben Frauen wirklich Nachteile, wenn sie Kinder bekommen? Wie ist die Situation für Väter? Und sollten Eltern ihre Kinder im Lebenslauf lieber verschweigen?

Katrin Bringmann, Jobcoachin und Autorin des Buches „Working Mom!“

„In den Bubbles von Instagram und Linkedin entsteht der Eindruck, Mütter hätten inzwischen keine Nachteile mehr auf dem Arbeitsmarkt. Ein Phänomen, das ich auch von jungen, noch kinderlosen Frauen kenne: Sie können sich gar nicht vorstellen, dass ein Kind für sie einmal zum Karriereproblem werden könnte. Denn bis dato hatten sie ja alles erreichen können. Aber ich bin ganz ehrlich: Es hat sich nichts geändert! Junge Mütter müssen sich im Job immer noch über Gebühr beweisen und zeigen, wie fit, wie kompetent sie sind.

Und trotzdem würde ich Kinder im Lebenslauf nicht verschweigen. Im Gegenteil: Ich würde sogar offensiv damit umgehen. Denn ich bin überzeugt, dass Elternschaft auch einen Kompetenzgewinn bedeutet. Und in einem Unternehmen, für das Kinder im Bewerbungsprozess ein Ausschlusskriterium sind, das weder Teilzeit noch Führung in Teilzeit möglich macht, dafür wollen wir doch gar nicht arbeiten!

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Ich rate daher meinen Coachees auch beim Thema Wiedereinstieg zur Transparenz. Man kann zugeben, dass im Augenblick die Kinder vielleicht im Fokus stehen, dass das in zwei oder drei Jahren aber wieder anders ist. Manchmal müssen wir gebetsmühlenartig immer wieder sagen, dass wir ehrgeizig sind, dass wir im Job etwas erreichen wollen. Oft wundern sich Frauen darüber, wo sie nach der Elternzeit gelandet sind – haben aber ihrer Führungskraft gegenüber nie offen kommuniziert, dass sie mehr vorhaben. Die wiederum kann ja nicht Gedanken lesen. Darum hilft eine klare Strategie, in der wir kommunizieren, was wir jetzt und was in ein paar Jahren wollen.

Denn es werden ja wieder andere Phasen kommen. Und nicht nur bei den Frauen wird sich dann etwas ändern, ich bin auch überzeugt, dass sich die Arbeitswelt wandeln wird. Wir sehen schon in den Stellenausschreibungen viel mehr Entgegenkommen. Und die jüngeren Menschen äußern sehr viel genauer ihre Bedürfnisse. Der Generationenwechsel in den Unternehmen wird sich auch für Mütter bemerkbar machen.“

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Lena Siebenberg*, Personalerin in einem großen Industriekonzern

„Ich würde jeder Mutter empfehlen, Kinder in den Lebenslauf zu schreiben. Die Angst ist zwar groß, deshalb keinen Job zu bekommen, aber deutlich kritischer ist bei vielen Personalern leider die Kombination aus Alter, Geschlecht und Kinderlosigkeit. Außerdem macht es das Gesamtbild kompletter und lässt mögliche Schlüsse in Bezug auf die sozialen Kompetenzen zu. Auch wenn ich daraus nicht sofort ableiten würde, dass jemand deshalb teamfähiger oder kompromissbereiter wäre.

Wie die Situation von Frauen und Müttern konkret ist, hängt dann natürlich von der Unternehmenskultur und letztlich auch von der Führungskraft ab. Wir zum Beispiel sind ein eher konservatives Unternehmen, in dem es Frauen und Mütter zum Teil immer noch schwer haben, den nächsten Karriereschritt zu gehen. Da ist auch schon mal der Satz gefallen, die Frau hätte sich das Hirn im Kreißsaal rausgepresst. In diesen Abteilungen landen Mütter und solche, die es noch werden könnten, ganz klar auf dem Abstellgleis.

Genauso gibt es aber auch Mitarbeiterinnen, die immer wieder die Mutterkarte ziehen. Die nie länger arbeiten oder für Kollegen einspringen, den sicheren Job und das gute Geld aber gerne nehmen. Die vergessen dann, dass sie trotz Familienphase auch eine gewisse Verpflichtung dem Arbeitgeber und auch ihrem Team gegenüber haben.

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Ein weiterer Punkt ist die Sichtbarkeit von Müttern. Sie arbeiten häufiger in Teilzeit und von zu Hause und verschwinden dadurch vom Radar. Aber auch wir haben inzwischen Führungskräfte, die das anders sehen. Für die die Leistung zählt und nicht die Frage, ob Kinder zu Hause zu betreuen sind. Insgesamt aber haben es Männer auch bei uns immer noch deutlich leichter.“

*Name geändert

Sandra Runge, Anwältin, Autorin und Gründerin der Initiative „Proparents“

„Ich bin Fachanwältin für Arbeitsrecht und habe mich darauf spezialisiert, Eltern und vor allem Mütter beim Wiedereinstieg zu beraten. In diesem Bereich arbeite ich seit über zehn Jahren. Da ich so viele Anfragen habe und die Fälle sich hier sehr ähneln, muss ich sagen: Es ist ein strukturelles Problem, das wir hier haben! Da werden Aufhebungsverträge während der Elternzeit vorgelegt, Frauen und zunehmend auch Männer, die längere Elternzeiten genommen haben, erleben nach dem Wiedereinstieg Degradierungen oder bewusste Ausgrenzungen.

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Beispiel aus einem aktuellen Fall einer auslaufenden Elternzeit: Meine Mandantin ist nicht zur Weihnachtsfeier eingeladen, sie erhält keine Fortbildungsangebote, und sie wird auch nicht nach der Größe für eine neue Arbeitsuniform gefragt. Wir rechnen daher mit einer Kündigung. Es gibt zwar einen Sonderkündigungsschutz, der aber erlischt am letzten Tag der Elternzeit.

Darum setzen wir uns bei Proparents dafür ein, Elternschaft als Merkmal in den Antidiskriminierungsparagrafen mit aufzunehmen und Eltern dadurch besser zu schützen. Das Dilemma bisher ist: Natürlich kann man sein Recht einfordern und klagen. Damit aber ist das Verhältnis in der Regel zerrüttet. Wichtig wäre es, wenn durch einen stärkeren gesetzlichen Schutz ein Umdenken in Unternehmen stattfindet und es erst gar nicht zu solchen Fällen kommt. Eine weitere Maßnahme wäre, wenn wir etwa den Sonderkündigungsschutz verlängern, haben Mütter und Väter eine fairere Chance für einen Wiedereinstieg.

Manchmal geht es darum, die erste Hürde zu nehmen. Darum würde ich persönlich die Kinder in der Regel aus dem Lebenslauf rauslassen, sie dafür aber im persönlichen Gespräch thematisieren. Doch damit es zu diesem Gespräch kommt, darf der Lebenslauf nicht sofort aussortiert werden.“

Anne-Luise Kitzerow, Zukunftsforscherin und Familienbloggerin

„Ich wünschte, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf würde zunehmend auch ein Vaterproblem sein, aber es ist in erster Linie immer noch ein Mutterproblem. Von Frauen wird weiterhin erwartet, dass sie zwar arbeiten, sich in erster Linie aber um die Kinder kümmern. Wer wird denn angerufen, wenn mit dem Kind etwas ist? Richtig, die Mutter. Darum schreibe ich inzwischen die Nummer meines Mannes einfach unter beide Namen, damit in jedem Falle er zuerst angerufen wird.

Mütter haben es also besonders schwer auf dem Arbeitsmarkt. Dabei wollen die wenigsten Menschen wirklich Vollzeit arbeiten. Der Trend geht zur Individualisierung, was bedeutet, dass wir andere Arbeitszeitmodelle brauchen. Noch haben wir die aber nicht.

Zum Beispiel gründen immer mehr Frauen Unternehmen. Viele bewerten das als positive Entwicklung. Ich sehe das aber auch kritisch. Schließlich zeigt es, dass die Bedingungen in einem Anstellungsverhältnis offenbar so miserabel sind, dass sich die Frauen lieber selbstständig machen. Das aber kann ja nicht die Lösung sein.

Wir brauchen flexible Arbeitszeiten und eine Stärkung der Arbeitnehmerrechte. Der Antidiskriminierungsparagraf ist ein gutes Beispiel. Hier müsste Elternschaft als Diskriminierungsmerkmal aufgenommen werden. Genauso brauchen wir mehr Diversität in der Politik und in den Aufsichtsräten. Mütter müssten sich politisch mehr engagieren. Aber sie sind einfach so müde.“

Den Blog „Große Köpfe“ von Anne-Luise Kitzerow finden Sie unter diesem Link.

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