Mit Corona noch tiefer in die Krise: Was vom Traumberuf Pilot noch übrig geblieben ist

  • Die Corona-Pandemie hat die Luftfahrtbranche mit voller Wucht getroffen:
  • Die Passagierzahlen sind um 70 Prozent eingebrochen, die Zahl der arbeitslosen Verkehrspiloten gleichzeitig um 157 Prozent gestiegen.
  • Vom einstigen Traumjob Pilot spricht längst keiner mehr – zu düster sind die Aussichten und der einst so lukrativen Branche.
Gerd Piper
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„Die meisten von uns sind jetzt in Kurzarbeit“, sagt Janis Schmitt am Telefon. Der 41-Jährige ist Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. Für ihn sieht es nicht so gut aus. Er ist arbeitslos. Sein Arbeitgeber, die Luftfahrtgesellschaft Walter, wurde ein Opfer der Corona-Pandemie und ist im Juli in die Insolvenz gegangen. Für Schmitt eine bittere Pille: „Ich bin seit 2004 ungekündigt geflogen.“ Das Unternehmen war zuerst bei Air Berlin angedockt, nach deren Pleite waren er und seine Kollegen für Eurowings unterwegs, ohne aber zum Lufthansa-Konzern zu gehören. Mit seinen 41 Jahren rutscht er genau in jene Altersgruppe der Vierzig- bis Fünfzigjährigen, die von der Pandemie mit voller Wucht getroffen wurde: Haus, Familie, Kinder in der Schule oder in der Ausbildung: „Diese Piloten können nicht zwei, drei Jahre abwarten, die Füße stillhalten und darauf hoffen, dass es dann wieder aufwärts geht.“ Schmitt will sich umorientieren und bezieht jetzt Arbeitslosengeld.

Pilot galt jahrelang als Traumberuf. Hohes Ansehen, gutes Gehalt, glänzende Perspektiven. Die Fluggesellschaften flogen von einem Rekord zum nächsten. Rund um den Globus vertrauten Millionen von Menschen den Frauen und Männern im Cockpit ihr Leben an. Doch seit Corona ist alles anders. Allein in Deutschland haben Tausende Piloten Angst vor dem beruflichen Absturz, bangen um ihre Existenzen, wissen nicht, wie es weitergehen soll. Die Passagierzahlen sind um 70 Prozent eingebrochen, die Zahl der arbeitslosen Verkehrspiloten ist in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit um 157 Prozent gestiegen – nur bei Schauspielern, im Tourismus und der Gastronomie liegen diese Zahlen noch höher. Die Folge ist ein Konkurrenzdruck, wie ihn die Verkehrsfliegerei so noch nicht erlebt hat. „Momentan gibt es nur wenig zu verteilen“, sagt Schmitt.

Umschulung: Vom Flugzeug auf die Schiene

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Von den 12.000 Piloten in Deutschland sind laut Schmitt derzeit etwa 1000 direkt von Arbeitslosigkeit betroffen. Einer seiner Kollegen fährt inzwischen auf einem Güterzug, viele aus der Kabine sind jetzt als Zugbegleiter unterwegs. „Da ist die Verantwortung ja auch hoch“, sagt der 41-Jährige, „und schließlich ist es besser, weniger zu verdienen als gar nichts zu verdienen.“ Doch auch anderen Flugzeugführerinnen und Flugzeugführern ergeht es nicht viel besser. Eine Pilotin einer großen deutschen Fluggesellschaft war bereit, mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen, machte aber einen Rückzieher, weil ihr der Arbeitgeber den Kontakt mit der Presse untersagt hat. „Ich habe das Glück zu fliegen und brauche den Job. Ich kann es mir nicht leisten, auf einer schwarzen Liste zu landen“, sagte sie zur Entschuldigung. Die Frau hat Familie und ist Alleinverdienerin. Schmitt kennt dieses Verhalten der Fluggesellschaften: „Keine Airline will mit den Existenzsorgen ihrer Angestellten in Verbindung gebracht werden.“

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In der Branche grassiert die Angst. Wenn die Maschinen am Boden bleiben, braucht es keine Piloten. Die Lufthansa, die als deutsche Vorzeigefluggesellschaft vom Staat mit einer Corona-Hilfe von neun Milliarden Euro gestützt wird, hält ihre Piloten zumindest in Kurzarbeit und schickt sie in die Flugsimulatoren, damit sie ihre Lizenzen behalten. Die haben dafür angeboten, auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten. Trotzdem wird die Gesellschaft wohl bis zum Jahresende knapp 30.000 Beschäftige weltweit entlassen müssen, die Ausbildung des Pilotennachwuchses wurde eingestellt. Kein Bedarf mehr. Sogar Flugkapitäne, die nach vielen Jahren im Beruf und Zigtausend Flugstunden einen der begehrten Plätze im Cockpit des Lufthansa-Dickschiffs A380 ergattert haben, blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. Schmitt: „Die fliegen gar nicht mehr.“ Lufthansa hat die A380-Flotte stillgelegt. Zu teuer, zu wenig Auslastung.

Mit den Traumgehältern ist es längst vorbei

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Wer nicht bei einer der renommierten Gesellschaften fliegt, hat es auch schon vor Corona ziemlich schwer gehabt in dem Beruf. „Die Traumgehälter von 180.000 Euro und mehr, die immer wieder in der Öffentlichkeit kursieren, bekommen die Allerwenigsten“, sagt der Cockpit-Sprecher. Berufseinsteiger, die für ihre Ausbildung zum Verkehrspiloten zwischen 70.000 und 100.000 Euro hinblättern müssten, fingen teilweise mit einem Bruttoverdienst von 1800 bis 2000 Euro an. Ein Co-Pilot kommt nach den Lohntabellen je nach Airline auf ein Jahresgehalt zwischen 25.000 und 65.000 Euro. Ist man schließlich Kapitän, verdient man 53.000 bis 134.000 Euro, Zuschüsse nicht mit eingerechnet. Bei der Lufthansa dauert der Weg bis auf den linken Sitz im Cockpit 15 bis 20 Jahre, woanders geht es schneller. Wer das schafft und auch den jährlichen Gesundheitscheck besteht, konnte bislang einer wenig turbulenten Zukunft entgegensehen. Damit ist es vorerst vorbei.

Das Überangebot an Berufspiloten nutzen manche Airlines, um noch zusätzlich Kasse zu machen. Pay to fly heißt das Modell: Junge Piloten erhalten einen Platz im Cockpit und können sich dann auf das jeweilige Muster schulen lassen – wenn sie laut VG Cockpit bereit sind, dafür 30.000 bis 50.000 Euro an den Arbeitgeber zu überweisen. Manch einer macht das, um überhaupt einmal abzuheben.

Von der Co-Pilotin zur Studentin

Wie das Berufsleben eines Piloten aussehen kann, hat Elke Sievers* erlebt. Die 31-Jährige fliegt seit acht Jahren und war bereits bei verschiedenen Firmen angestellt: „Ich habe in der Zeit zwei Insolvenzen mitgemacht.“ Sievers war während ihrer Ausbildung die einzige Frau unter 18 Männern. „Es war schwierig, sich zu behaupten,“ sagt sie. Jetzt ist sie arbeitslos und hat ein BWL-Studium angefangen: „Es fühlt sich komisch an, jahrelang habe ich als Co-Pilotin die Verantwortung für die Passagiere mitgetragen und jetzt bin ich Studentin.“ Die Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter hat zwar gerade auf eigene Kosten ihre Pilotenlizenz im Simulator erneuert, doch große Hoffnungen macht sie sich nicht: „Vielleicht wird es 2023 wieder besser.“ Was ihr zu schaffen macht, ist die Unsicherheit: „Das ist ziemlich belastend.“ Das Studium, soviel weiß sie schon jetzt, macht sie nicht glücklich. „Fliegen war meine Erfüllung“, sagt sie.

Sievers Ehemann ist ebenfalls Pilot und hat zurzeit einen Platz im Cockpit bei einer europäischen Fluggesellschaft. Doch Sicherheit für die Familie schafft das nicht. Die 31-Jährige: „Die Krise wird von manchen dazu benutzt, die Arbeitsbedingungen immer weiter zu drücken. Wir wissen nicht, ob wir im nächsten Monat überhaupt noch ein Einkommen haben.“

Angst vor osteuropäischen Fluggesellschaften

Die gesamte Branche beschäftigt deshalb ein ganzer Fragenkatalog: Wann wird es wieder besser? Wird es überhaupt wieder besser? Und wenn ja, wird sich dann die Verkehrsluftfahrt verändert haben? Für den Glauben, dass man zu den alten Verhältnissen vor Corona zurückkehrt, braucht es viel Optimismus. Keiner kann ausschließen, dass sich die Bedingungen während der Krise weiter verschlechtern. Denn es geht noch billiger. Das Nachrichtenportal „Aerotime“ berichtet, dass die ungarische Billigfluglinie Wizzair das Überangebot an Piloten nutzt, um die Gehälter weiter zu reduzieren. Ein Erster Offizier bekommt demnach künftig nur noch zwischen 15.700 und 17.000 Euro Jahresgehalt. Die Airline weitet trotz Corona ihre Flotte aus und verfolgt offensichtlich große Expansionspläne. „Die Angst ist da, dass sich jetzt osteuropäische Fluggesellschaften bei uns breit machen“, sagt Schmitt.

*Name von der Redaktion geändert

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