Lehren aus der Pandemie: „Ein Erklärvideo macht noch keine digitale Bildung“

  • Der Unterricht musste im Corona-Jahr schnell digital werden und war zeitgleich eine enorme Belastung für Lernende und Lehrende.
  • Trotzdem können wir einiges aus der Pandemie lernen, findet Sebastian Schmidt.
  • Der Mathelehrer hat das Digitale schon vor der Krise für sich entdeckt und sieht in ihr auch eine Chance.
Alina Stillahn
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Hannover. Die Zukunft der Wissensvermittlung muss digital sein – das hat das Homeschooling in der Corona-Krise gezeigt. Doch was müssen Schülerinnen und Schüler heute lernen und wie können Lehrende digitale Instrumente nutzen, um Wissen zu vermitteln? Sebastian Schmidt unterrichtet an der Inge-Aicher-Scholl-Realschule in Neu-Ulm Mathe. Der 38-Jährige hat gemeinsam mit anderen 2019 den Deutschen Lehrerpreis gewonnen und das digitale Lernen nicht erst in der Pandemie entdeckt. Was er trotzdem aus der Krise gelernt hat und wie die Bildung von morgen gestaltet werden könnte, erzählt er im RND-Interview.

Herr Schmidt, Sie beschäftigen sich schon seit einigen Jahren mit digitalem Unterricht. Wie lief denn Ihre erste Unterrichtsstunde im Homeschooling?

Es ist das passiert, was wir eigentlich medienpädagogisch seit Jahren hätten trainieren sollen. Die Schüler konnten nicht digital kommunizieren. Unser Chat ist explodiert. Wir mussten erst mal ganz ausführlich lernen: Wie komme ich auf die Lernplattform, wie kann ich das Passwort zurücksetzen und vor allem, wie lerne ich, miteinander zu kommunizieren. Damit meine ich, dass sich jeder Schüler die Frage stellen musste, muss das jetzt die ganze Klasse wissen oder langt es, wenn ich die Frage in einer Teilgruppe stelle.

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Ihre Schülerinnen und Schüler sind Digital Natives, die müssten doch eigentlich auch digital kommunizieren können?

Sie können natürlich digital kommunizieren, indem sie sich einfach mit Texten, Smileys und GIFs zuschütten. Das funktioniert privat auch ganz gut. Aber wenn ein Chat dazukommt, wo ich um 7.45 Uhr die Aufgaben reinstelle und bis 9 Uhr 120 Nachrichten und Rückfragen kommen, dann ist derjenige verloren, der um halb 10 aufsteht. Er weiß dann gar nicht mehr, wo eigentlich der Arbeitsauftrag ist. Digitale Bildung heißt nicht, wir nehmen statt der Tafel ein Tablet, sondern es sind die Digitalkompetenzen, die wichtig sind.

Können Sie das genauer erklären?

Dabei geht es um viele Kompetenzen: Wie recherchiere ich richtig? Wie sammele ich meine Dateien auf dem Computer? Wie komme ich da wieder ran? Wie arbeite ich mit anderen, obwohl sie nicht in einem Raum sind, sinnvoll zusammen? Wie produziere ich selbst Inhalte? Dazu gehört das Hinterfragen des eigenen Verhaltens, aber auch das Reflektieren von Dingen, die im Netz passieren. Das ist eigentlich digitale Bildung und vielleicht hat die während der Schulschließungen ein bisschen mehr stattgefunden, aber dann eher zufällig beziehungsweise kaum angeleitet.

Der Realschullehrer Sebastian Schmidt hat gemeinsam mit anderen den Deutschen Lehrerpreis 2019 gewonnen. © Quelle: Felix Amsel

Ich stelle mir das mal praktisch vor: Auf Youtube gibt es auch Erklärvideos von Ihnen, schaue ich mir die als Schülerin und Schüler dann einfach an?

Ein Erklärvideo macht noch keine digitale Bildung. Ich habe damals die Videos erstellt, weil ich mir dachte, wenn Youtube in meinem Leben so viel hilft, warum soll es dann nicht für den Unterricht gut sein – und ich bin schnell drauf gekommen, dass ein Erklärvideo den Unterricht nicht ersetzt. Aber ich kann es als Hausaufgabe aufgeben, um in der Stunde mehr Zeit zu haben. Wir haben in der Pandemie gelernt, dass Unterricht zu Hause gar nicht so toll ist. Es ist viel schöner, wenn alle im Klassenzimmer beieinandersitzen und zusammenarbeiten können. Wir wissen jetzt, was Schüler daheim können und wofür es das Miteinander im Klassenzimmer braucht. Diesen wertvollen Raum kann ich mit digitalen Mitteln viel besser vor- und nachbereiten. Das Erklärvideo revolutioniert nicht das Lernen, aber es kann dazu führen, dass der Schüler in den Mittelpunkt rückt.

Wie meinen Sie das?

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Ein Unterricht im Gleichschritt passt nicht mehr zur heutigen Situation. Dass 30 Schüler dem Lehrer an der Tafel gleichzeitig zuhören, ist aufmerksamkeitstechnisch gar nicht mehr möglich. Die Schüler haben ganz unterschiedliches Vorwissen und Neigungen. Je näher wir am einzelnen Schüler sind, desto besser können wir individuelles Feedback geben, weil wir wissen, woran es gerade hakt oder scheitert. Diese Feedbackschleife haben wir im Homeschooling gelernt – und es hilft am Schluss, auch eine ganze Klasse besser zu machen.

Auf Ihrer Website haben Sie zehn Chancen aufgelistet, die Sie in der Corona-Krise sehen. Dabei geht es nicht nur um den Unterricht, sondern auch um das Miteinander der Lehrerinnen und Lehrer.

Mein großes Learning war, dass auch Lehrer zusammenarbeiten müssen. Im Homeschooling waren meine ersten Wochen davon geprägt, den Schülern zu zeigen, wie sie ihre Hausaufgaben gemeinsam machen. Nach dem Motto: Wenn es einer nicht weiß, gibt es immer noch zwei, die es wissen könnten. So wie meine drei Schüler sich jeden Tag zusammengerufen haben, um sich die Aufgaben aufzuteilen, können sich auch Lehrer die Arbeit aufteilen. Meiner Erfahrung nach sind Lehrer bereit, sich fortzubilden und zusammenzuarbeiten. Sie haben nur leider wenige Kapazitäten. Wir brauchen Konzepte, wie wir gemeinsam Entlastung schaffen können. Am Ende ist es nicht so wichtig, wer die Inhalte der Unterrichtsstunde erstellt, sondern wer die Schüler zum Lernerfolg begleitet.

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Sie loben das Digitale, aber ist das nicht eine Spur zu viel Optimismus? Die Digitalisierung bringt aber nicht nur Vorteile mit sich, nehmen wir zum Beispiel Fake News.

Ein Bewusstsein dafür, dass im Netz auch viele Gefahren lauern, ist ganz wichtig im Umgang mit Medien in der Schule. Am Ende geht es aber auch um eine reflektierte und chancenorientierte Auseinandersetzung. Wir sollten die Kids im Internet nicht auf sich allein gestellt lassen und sie auf die Welt von morgen vorbereiten. Die Digitalisierung birgt viele Möglichkeiten, das hat sich auch im Lockdown gezeigt. Ich bin mir sicher, wäre das alles 30 Jahre früher gekommen, hätten wir tatsächlich von einem verlorenen Jahr sprechen können.

Was Fake News angeht: Medienkompetenz gehört zur digitalen Bildung. Ich habe zum Beispiel immer wieder Rechercheaufträge zur aktuellen Corona-Situation aufgegeben. So konnte ich den Schülern zeigen, wie sie Informationen im Internet bekommen, die am Ende auch verifiziert werden können. Überhaupt finde ich, wir sollten die Schüler dazu bringen, selbst Content zu erstellen. So können wir ihnen mitgeben, dass auch sie etwas beitragen sollten, damit die Demokratie funktioniert: weg vom Konsumenten, hin zum Produzenten.

Wenn Sie sich eine Schule wünschen dürften, wie würde die aussehen?

Ich träume von einer Schule, die aussieht wie eine offene, moderne Bibliothek. Es gäbe kleinere Gruppen und offene Lernräume. Wir werden weiterhin auch Bücher sehen und ich glaube nicht, dass alle Kinder ein Tablet in der Hand und Kopfhörer auf dem Ohr haben. Trotzdem werden wir vieles googeln und haben superschnelles Internet. Wir Lehrer werden herumschleichen und als Ratgeber und Lernbegleiter zur Verfügung stehen. Schüler werden nur bewertet, weil sie etwas geleistet haben und nicht, weil sie um 8 Uhr morgens eine Frage nicht beantworten konnten. In dieser Schule wird es vor allem ganz viel intensives Diskutieren miteinander geben.

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