Natur, Arbeit, Gemeinschaft: Warum das Coworking auf dem Land „riesiges Potenzial“ bietet

  • Coworking ist in Großstädten längst Alltag, doch auch in ländlichen Regionen etabliert sich das gemeinschaftliche Arbeiten inzwischen.
  • Pioniere starten zukunftsorientierte und spannende Projekte, von denen Arbeitnehmer und die Region gleichermaßen profitieren.
  • Wie? Das zeigt ein Blick ins „Kinzig Valley“.
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Wächtersbach/Witzenhausen. Es spart Zeit und Energie und verbindet Natur und Arbeit: Das Coworking, bei dem unterschiedliche Gruppen von Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu arbeiten, wird auch auf dem Land immer mehr zum Trend. „Die ländlichen Regionen sind als Lebensraum wieder sehr attraktiv geworden. Daher braucht es dort auch Arbeitsorte“, sagt Andreas Pfnür, Leiter des Fachgebiets Immobilienwirtschaft und Baubetriebswirtschaftslehre an der Technischen Universität Darmstadt.

Viele Menschen wollten heimatnah arbeiten und nicht pendeln. Gleichzeitig wünschten sie sich einen „dritten Raum“ jenseits von Homeoffice und Büro. „Untersuchungen haben ergeben, dass viele Arbeitnehmer in einer anderen Arbeitsumgebung als im Büro oder im Homeoffice zufriedener und produktiver sind“, erläutert Pfnür. Die Pandemie habe die Wahrnehmung zusätzlich dafür geschärft, wie wichtig die Arbeitsumgebung ist.

Netzwerken in ländlichen Regionen bietet „riesiges Potenzial“

Dass Coworking-Flächen inzwischen auch auf dem Land zu einer Alternative zum klassischen Büro oder dem Heimarbeitsplatz geworden sind, davon profitieren laut Pfnür aber nicht nur die Nutzer, sondern auch die Kommunen: „Es gibt dort oftmals viele ungenutzte Gebäude.“ Sie könnten durch das gemeinschaftliche Arbeiten wieder zu einem Ort der Begegnung und der Ortskern wieder attraktiver werden.

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„Ich sehe langfristig ein riesiges Potenzial für das Coworking im ländlichen Raum“, sagt Oliver Till vom Coworking-Anbieter Kinzig Valley in Gelnhausen (Main-Kinzig-Kreis). Das Unternehmen bietet dort und in Wächtersbach mit jeweils gut 30 Plätzen sowie drei Partnerflächen in der Umgebung offene Arbeitsräume und Beratungen für Gründer an.

Anders als in großen städtischen Coworking-Räumen lasse die überschaubare Größe Anonymität gar nicht erst aufkommen. Ein Pluspunkt, findet Till. „Unsere Mieter suchen nicht so sehr Schreibtisch, Internet und Co., sondern vor allem ein Netzwerk in der Region, das wir stärken wollen.“

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Mehr „Experimentierfreudigkeit“ gewünscht

Während der Pandemie sei die Nachfrage zwar beinahe zum Stillstand gekommen, langsam nehme sie aber wieder Fahrt auf, erklärt Till. „Langfristig werden wir stark vom Wandel der Arbeitswelt profitieren. Die Menschen wissen jetzt, dass flexibles Arbeiten möglich ist.“

Das glaubt auch Raagnar Feldmann, Inhaber vom Growworklab in Witzenhausen (Werra-Meißner-Kreis). „Der Wunsch nach Coworking ist definitiv da, auch auf dem Land. Aber es gibt noch Luft nach oben.“ Beim Growworklab stehe das arbeitsübergreifende Miteinander im Zentrum. „Deswegen bieten wir auch keine abgeschlossenen Räume an“, erläutert Feldmann. Das sei vielen Menschen noch fremd. „Es könnte da ruhig mehr Experimentierfreudigkeit geben.“

In der Pause geht‘s in den Garten zur „Jagd“

Bis zu 40 Coworker können im Growworklab normalerweise arbeiten - derzeit ist die Fläche laut Feldmann pandemiebedingt aber nur zu 30 Prozent ausgelastet. Das Ziel: „Dass man unter kreativen Menschen Austausch erfährt, der jeden Tag zum lebenslangen Lernen beiträgt.“ Das Projekt wolle Raum für Begegnungen und Gemeinschaft bieten. Und das nicht nur im Arbeitsraum, sondern auch in der Natur. „Auch im Garten kann gearbeitet werden. Und als Ausgleich bieten wir seit Kurzem einen 3D-Bogenparcours an.“ Dort können die Coworker in ihrer Pause bei der Jagd auf Gummitiere abschalten.

Projektleiter Jonathan Linker schreibt eine Botschaft an den auf dem Marktplatz stehenden "Cube", der für die Verständigung mit der Bevölkerung gedacht ist. Für das Coworking-Projekt "Summer of Pioneers" wurden 20 Großstädter in den ländlichen Kreis gelockt. © Quelle: Uwe Zucchi/dpa

20 Kandidaten wurden ausgewählt

Während sich das Kinzig Valley und das Growworklab an Menschen aus der Umgebung richtet, will das Coworking-Projekt „Summer of Pioneers“ in Homberg (Efze) Großstädter in den ländlichen Schwalm-Eder-Kreis locken. „Bei uns geht es über das reine Coworking hinaus“, erklärt Projektleiter Jonathan Linker.

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20 Kandidaten wurden ihm zufolge aus 120 Bewerbern für das sechsmonatige Probewohnen und Gemeinschaftsarbeiten auf dem Land ausgewählt. Die Teilnehmer stammen allesamt aus Großstädten wie Hamburg, Berlin oder Wien. Ihnen stehen vergünstigte möblierte Wohnungen und ein kostenfreier Coworking-Platz rund um den historischen Marktplatz zur Verfügung, den sie coronabedingt allerdings gegen das Homeoffice tauschen mussten. „Im Gegenzug bringen sich die Pioniere mit ihrem Wissen und ihren Netzwerken in der Stadt ein“, erläutert Linker.

Digitalisierung etablieren und Lebenswelten verbinden

Ziel des im Mai gestarteten Projektes sei es, die Chancen der Digitalisierung auf dem Land begreifbar zu machen und durch die Verbindung der unterschiedlichen Lebenswelten mehr Lebensqualität zu erreichen. Linker möchte das gemeinschaftliche Arbeiten in Homberg auch langfristig etablieren. Viele Homberger seien Pendler, der Marktplatz tagsüber entsprechend leer. „Wenn nur ein Bruchteil der Bevölkerung das Coworking für sich entdeckt und die Arbeitgeber mitziehen, gäbe es ein völlig anderes innerstädtisches Leben. Wir wollen da Überzeugungsarbeit leisten und Potenziale aufzeigen.“

RND/dpa

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