Arbeitsräume richtig gestalten: Auf diese fünf Faktoren sollten Sie achten

  • Die Gestaltung von Räumen beeinflusst die Stimmung, Gedanken und das Verhalten bei der Arbeit.
  • Tageslicht, Farben, aber auch Materialien können Konzentration und Produktivität verbessern.
  • Ein Ausblick auf Natur, gepflegte Pflanzen oder Naturbilder fördert die Kreativität, erklärt die Arbeits­psychologin Anna Steidle.
Kristina Auer
|
Anzeige
Anzeige

Ludwigsburg. Was früher fast ausschließlich im Großraumbüro stattfand, geschieht heute immer häufiger am Küchentisch, im Coworking-Space, aber auch unterwegs oder im Café. Überall dort gehen Menschen ihrer Arbeit nach. Die Corona-Pandemie hat die Arbeits­gewohnheiten und ‑orte noch einmal gravierend verändert. Je unterschiedlicher und vielfältiger die Arbeitsplätze werden, umso mehr stellt sich die Frage, wie diese Räume gestaltet sein müssen. Denn das hat einen enormen Einfluss darauf, wie wir uns bei der Arbeit fühlen und welche Arbeit wir tatsächlich leisten können.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

„Gestaltung kann Gedanken, Bewusstseinslagen und Gefühle erzeugen“, sagt die Arbeitspsychologin Anna Steidle. Die Professorin an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg unterscheidet zwischen drei Formen des Komforts: physisch, funktional und psychisch. Physische Faktoren betreffen etwa Materialien von Arbeitsräumen und Gebäuden, funktionale beziehen sich auf die Eignung in Bezug auf konkrete Aufgaben. Der psychische Komfort hängt mit der Atmosphäre in Räumen zusammen, die bestimmte Stimmungen hervorrufen.

Anzeige

Fünf Faktoren für eine entspannte Arbeitsatmosphäre

„Wer sich wohlfühlt, kann mehr leisten“, sagt Marco Kammer vom Bürogestalter Kirsch & Lütjohann in Hamburg. Zu diesem Wohlfühlen in der Arbeitsumgebung gehöre aber nicht nur schönes Design. „Es geht auch darum, dass ich alles habe, was ich für meine Tätigkeit brauche“, sagt der Büroplaner. Ergonomie – also die optimale Anpassung zwischen dem Menschen und seinen Arbeitsbedingungen – ist für Kammer das entscheidende Stichwort.

„Viele Unternehmen haben noch nicht gemerkt, wie stark sich Raum auf das menschliche Verhalten auswirkt“, sagt auch die Innenarchitektin Pirjo Kiefer. Es gehe dabei nicht nur um das Wohlbefinden der Arbeitenden, sondern auch um die Geschäftsziele. „Ich kann in einem Büro über die Gestaltung Menschen zusammenbringen oder sie befähigen, bestimmte Dinge zu tun.“ Kiefer befasst sich mit Planung und Gestaltung von Büroräumen beim Möbelhersteller Vitra.

Wie sollte man also vorgehen, um einen Arbeitsraum möglichst so zu gestalten, dass er die Konzentrationsfähigkeit fördert und eine positive Stimmung erzeugt? Wer diese fünf Punkte beachtet, hat gute Chancen auf eine produktive Arbeitsatmosphäre.

1. Licht

Die optimale Arbeitsbeleuchtung bietet Tageslicht, betont Steidle. Dadurch werde der circadiane Rhythmus – also der Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen – gesteuert, erklärt die Arbeits­psychologin. Auch für den Bürogestalter Marco Kammer ist Tageslichtnähe eine Grundvoraussetzung für einen Arbeitsplatz. Allerdings müsse darauf geachtet werden, dass es nicht zu hell sei. Denn direktes Licht kann zu Blendungen auf dem Bildschirm führen. Zu viel Helligkeit strenge außerdem die Augen an, erklärt Kammer. „Deshalb stellt man einen Schreibtisch nie direkt ins Licht, sondern immer im 90-Grad-Winkel zum Fenster“, erklärt der Bürogestalter. Als Richtlinie für die Helligkeit gelten etwa 500 Lux.

Auch Pirjo Kiefer rät zu möglichst viel Tageslicht am Arbeitsplatz. „Man kann sich auch noch eine niedrige Beleuchtung dazuschalten, zum Beispiel eine kleine Lampe mit warmem Licht, und so eine heimelige und entspannte Stimmung erzeugen“, so die Design­expertin.

Steidle hat die Wirkung von Lichtverhältnissen auf Menschen untersucht. „Sehr helles Licht erzeugt ein eher förmliches Verhalten, bei gedimmtem Licht sind die Leute etwas ungehemmter“, erklärt die Arbeits­psychologin. Etwa für ein persönliches, eher informelles Gespräch sei weniger Beleuchtung deshalb sinnvoller, weil sich die Gesprächspartner weniger beobachtet fühlten und freier sprechen könnten.

Anzeige

2. Farben

Ebenso wie das Licht kann auch die farbliche Umgebung am Arbeitsplatz das Wohlbefinden und die Konzentration beeinflussen. Studien mit direkten Arbeits­gegenständen wie Aktenmappen hätten gezeigt, dass rot eher vermeidendes Verhalten erzeuge, aber auch dazu führe, dass Menschen genauer arbeiten, während blau eher Entspannung hervorrufe. „Das hat mit den Assoziationen zu tun, die wir mit Farben verbinden – rot erinnert an Gefahr und suggeriert: Jetzt muss ich aufpassen“, so die Wissenschaftlerin.

In der weiteren Umgebung können dieselben Farben jedoch andere Effekte hervorrufen. Etwa bei Wandfarben habe sich in einer Untersuchung herausgestellt, dass sowohl rote als auch blaue Wände im Vergleich zu weißen Flächen die Kreativität fördern. „Das Rot wirkt dann nicht mehr alarmierend, sondern erzeugt eine warme, gemütliche Stimmung“, sagt Steidle.

In Hinblick auf die Ergonomie sollten die Kontraste zwischen Schreibtisch, Bildschirm und Wänden im Hintergrund nicht zu stark sein, um die Augen nicht zu belasten, erklärt Kammer. „Überall dort, wo ich länger Blickkontakt habe, würde ich es kontrastarm und farblich dezenter halten.“ Der Bürogestalter empfiehlt helle und matte Pastelltöne an arbeitsbezogenen Wänden. Bei einigen Möbeln oder Gegenständen könne man dann Farbakzente setzen.

Für Kiefer ist vor allem eine stimmige und harmonische Farbgestaltung im Raum wichtig. Bei der Farbgebung könne man sich nach dem individuellen Geschmack richten. „Manche Menschen lieben viele Farben auf einmal, andere bevorzugen eine farblich eher natürlichere Umgebung“, sagt Kiefer.

In einem Standardwerk zur Architektur­psychologie wird für die Farbgebung von Arbeitsräumen folgende Faustregel aufgestellt: helle Decke, Wände dunkler als Decke, Boden dunkler als Wände. „Das erzeugt einen Eindruck von Höhe und Weite im Raum“, erklärt Steidle.

Video
Studie zu Homeoffice: weniger Stress, mehr Produktivität
1:17 min
Weniger Stress, mehr Zeit für die Familie und sogar eine höhere Produktivität: Der Wechsel ins Homeoffice war für viele Arbeitnehmer eine positive Erfahrung.  © dpa

3. Einrichtung

Besondere Bedeutung bei der Gestaltung von Arbeitsräumen kommt den Büromöbeln zu. Ein ergonomischer Stuhl und ein Bildschirm auf Augenhöhe bilden die Basis für konzentriertes Arbeiten. „Ein guter Stuhl und ein guter Tisch sind nicht zu unterschätzen“, betont auch Steidle. Wer richtig sitzt, bleibe entspannt und verkrampfe nicht, gibt auch Kiefer zu bedenken. „Aber auch beim Stuhl zählt, ob er mir gefällt.“ Hier sei eine ideale Mischung aus Ästhetik und Funktionalität gefragt.

Im Homeoffice komme es besonders darauf an, Berufliches und Privates auch räumlich voneinander trennen zu können, betonen beide Expertinnen. Auch hier lässt sich über die Einrichtung viel erreichen. Sehr hilfreich sei es, einen bestimmten Ort in der Wohnung als Arbeitsplatz zu definieren, sagt Steidle.

Um der Arbeit auch wieder entkommen zu können, spielt für Kiefer Stauraum eine wichtige Rolle – etwa schöne Regale, Schränke oder ein Schreibtisch, in dem man Arbeitsunterlagen wieder verschwinden lassen könne. „Das hilft, Klarheit und Ordnung in den Raum zu bekommen“, erklärt die Innenarchitektin. Eine andere Möglichkeit sei, den Arbeitsbereich mit einem Paravent, einem Raumteiler, von den anderen Bereichen der Wohnung zu trennen.

Auch über die Materialien der Büro­einrichtung sollte man sich Gedanken machen. Kiefer und Steidle plädieren für möglichst viele natürliche Materialien wie Holz. „Das hat den Vorteil, dass die Gegenstände, mit denen man beim Arbeiten in Kontakt kommt, eine schöne Haptik haben, sich also gut anfühlen“, sagt Kiefer. „Echte“ Oberflächen förderten das Wohlbefinden am Arbeitsplatz. Laut Steidle steigern Natur­materialien außerdem die Kreativität. „Neben Holz können auch Naturstein, Teppiche und andere Textilien aus Filz und Wolle oder Sitzmöbel aus Leder zum Einsatz kommen“, sagt die Arbeitspsychologin.

4. Natur

Nicht nur beim Material, auch in der gesamten Umgebung des Arbeitsplatzes spielt Natur eine wichtige Rolle. „Für viele Menschen ist ein schöner Ausblick wichtig – ein Ausblick auf die Natur wirkt erholsam und hilft, in ein kreatives Denken zu kommen“, sagt Steidle. Wer keine grünen Landschaften vor dem Fenster hat, könne diesen Effekt aber auch mit Zimmerpflanzen hervorrufen. „Selbst ein Bild von einem Baum kann einen Teil dieses beruhigenden Effekts erzeugen“, betont auch Bürogestalter Kammer.

„Pflanzen wirken auf die Raum­atmosphäre, sie erhöhen die Luftfeuchtigkeit und filtern Feinstaub“, erklärt Kiefer. In einigen Großraumbüros würden sogar kleine Bäume gepflanzt. Ein weiterer Trend in der Bürogestaltung seien Pflanzenwände, die teilweise sogar mit Wasserinstallationen kombiniert sind, berichtet Steidle. „Diese haben einen starken raumklimatischen Effekt und sind gleichzeitig eine total attraktive Wandgestaltung – das kann die Gesamtzufriedenheit bei der Arbeit sehr stark fördern“, sagt die Wissenschaftlerin.

Gleiches gelte auch für Naturgeräusche, weshalb einige Menschen etwa Plätscherbrunnen in Arbeitsräumen aufstellten. „Diese Zufriedenheit ist nicht zu unterschätzen, weil die Produktivität der Arbeitenden letztlich von deren Motivation und Bereitschaft abhängt“, sagt Steidle.

Wichtig sei aber in jedem Fall, dass Pflanzen gepflegt werden, betonen beide Expertinnen. Wer keinen grünen Daumen habe, solle im Homeoffice lieber auf Pflanzen verzichten und auf künstliche Natur oder Bilder zurückgreifen.

5. Umgebung

Bei der Gestaltung einer produktiven Arbeits­umgebung ist es für Pirjo Kiefer besonders wichtig, individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen. In großen Büroräumen gehe es darum, Menschen zusammen­zubringen. Daher sei es auch sinnvoll, verschiedene Möglichkeiten zum Arbeiten anzubieten. „Sitzgruppen und Sofas aufzustellen ist besser als ausschließlich lange Tischreihen – diese erzeugen wenig Emotionalität bei der Arbeit und schaffen wenige Impulse, sich mit anderen auszutauschen“, sagt die Innenarchitektin. Ein Sofa suggeriere eine völlig andere Arbeitshaltung und lade eher zum Austausch ein.

Im Homeoffice rät die Design­expertin, sich den Arbeitsbereich mit kleinen Accessoires zu verschönern. Sich mit schönen Dingen im Raum zu umgeben wirke entspannend. „So kann man ab und zu den Blick im Zimmer schweifen lassen und sich an kleinen Dingen erfreuen“, sagt Kiefer.

Steidle empfiehlt, bei der Gestaltung des eigenen Arbeitsplatzes verschiedene Optionen auszuprobieren. „Für mich ist es nicht so, dass ein Arbeitsplatz einmal eingerichtet wird und dann ist er perfekt – es ist eher ein Prozess.“ Die Arbeits­psychologin rät, jede Woche einige Details zu verändern und am Ende der Woche zu überlegen, wie sich die Veränderung ausgewirkt hat. So könne man sich der eigenen Bedürfnisse bewusst werden und Schritt für Schritt eine optimale Arbeits­atmosphäre schaffen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen