“Mir fehlt der Austausch mit den Schülern” - das sagen Deutschlands Lehrer zu Homeschooling

  • Auch für die Lehrer sind die Corona-Ferien eine nie erlebte Situation. Wie gehen sie damit um?
  • Wir haben mit Lehrern aus verschiedenen Bundesländern über ihre Erfahrungen gesprochen.
  • Dabei wird deutlich: Auf den persönlichen Kontakt zu den Schülern möchten sie in Zukunft nicht verzichten.
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“Ich habe mir nie träumen lassen, dass so was mal passieren wird”, sagt Matthias Radeck, Kunstlehrer an einem niedersächsischen Gymnasium. Seit 1985 unterrichtet er schon an dieser Schule. Doch einen Tag, vergleichbar mit dem 13. März, hat er noch nie erlebt. “Als die Nachricht mit den Schulschließungen kam, ging alles Hals über Kopf”, berichtet Radeck. Das Einzige, was ihm noch blieb: Schnell seinen Kunst-Leistungskurs zusammentrommeln und mit einer Aufgabe für die nächsten Wochen versorgen.

Seit Mitte März sind die Schulen in Deutschland bundesweit geschlossen. Am Mittwoch beschlossen Bund und Länder nun die schrittweise Öffnung. Ab dem 4. Mai dürfen zuerst die Abschlussklassen zurück in den Unterricht. Die Situation ist auch für die Lehrer eine große Herausforderung.

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Wie gehen sie also damit um? Das RedaktionsNetzwerk Deutschland hat mit Lehrkräften aus verschiedenen Bundesländern gesprochen. Trotz großer Unterschiede zwischen den Schulformen und Bundesländern, wird eins besonders klar: Der direkte Kontakt zu den Schülern fehlt ihnen enorm.

Lehrer sind eher auf sich alleine gestellt

Die Zeit ist generell sehr stressig, da man lange keine Informationen bekommen hat, wann und wie es weiter gehen soll. Aber ich kann die Zeit nutzen, um den Unterricht neu zu planen. Ich habe mich gefragt: Was ist besonders wichtig? Für die Abschlussklassen gibt es jetzt zum Beispiel wichtigere Sachen als eine Buchpräsentation.

Referendarin, Deutsch und Religion an einer Grundschule in Niedersachsen
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Die Entscheidung die Schulen zu schließen kam für alle Lehrer zwar plötzlich, dennoch haben einige die Vorzeichen genutzt und sich vorbereitet. “Wir haben im Lehrerzimmer schon vorher über eine mögliche Schulschließungen gesprochen. Deswegen habe ich begonnen meinen Schülern mehr Materialien auszudrucken”, berichtet eine Referendarin, die an einem bischöflichen Gymnasium in NRW unterrichtet. Sie ist durch die Corona-Ferien gleich doppelt getroffen. “Vor den Osterferien hätte ich eigentlich noch einen Unterrichtsbesuch gehabt, dieser Termin kann nun natürlich nicht eingehalten werden. Allgemein wird die ganze Ausbildung auf den Kopf gestellt”, beschreibt die Referendarin ihre Situation.

Am Anfang dachte ich, dass es gar nicht so schlimm wird. Jetzt ist es natürlich viel weitreichender. Ich gehe nicht davon aus, dass wir bis zu den Sommerferien wieder ganz normalen Unterricht haben werden.

Fabian Pütmann, Gymnasiallehrer für Pädagogik und Sport in NRW
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Generell wird deutlich, dass die Lehrer oft auf sich alleine gestellt sind. Bestimmte Richtlinien oder Vorgaben von der Schulleitung gibt es kaum. Auch Absprachen mit Kollegen werden nur im Einzelfall getroffen. Aber nicht überall: Ein Gegenbeispiel liefert wohl der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne. Jeder Woche sendet er eine Mail mit aktuellen Informationen und Tipps an die Schulleiter. “Davon war ich wirklich angetan. Das ist gut gemacht, auch atmosphärisch. Er hat uns auch ermutigt kreativ zu sein”, sagt Kunstlehrer Matthias Radeck.

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Digitaler Unterricht? Für eine Grundschule kein Thema

Die Umsetzung des Homeschoolings stellt die Lehrer vor die größte Herausforderung. Inwiefern digitaler Unterricht umgesetzt werden kann, ist stark an die jeweiligen Voraussetzungen der Schule geknüpft. So hat auch jeder Lehrer mit individuellen Problemen zu kämpfen.

Ein Problem ist die große Masse an Kommunikation und Information. Das Land Rheinland-Pfalz hat die Plattform Schulbox zur Verfügung gestellt, die allerdings nicht für einen solchen Andrang konzipiert war. Zu Stoßzeiten konnten Lehrer, Schüler und Eltern kaum auf die Schulbox zugreifen. Deswegen habe ich sehr viele Gespräche mit Eltern über technische Defizite geführt.

Kai Hügle, Gymnasiallehrer für Englisch und Sozialkunde in Rheinland-Pfalz

Doch die Überlastung der Plattform ist nicht das einzige Problem, mit dem Kai Hügle sich auseinandersetzen muss. “Man ist davon ausgegangen, dass alle Zugang zu Laptops oder Internet haben”, sagt Hügle. Doch das war nicht der Fall. “Durch die zum Teil sehr unterschiedliche Ausstattung mit Endgeräten sind Schüler aus einkommensschwachen und eher bildungsfernen Familien noch mehr im Nachteil als sonst. Vor allem von diesen habe ich wenig, zum Teil gar keine Arbeiten bekommen. Die viel zitierte Schere geht so weiter auseinander, noch mehr als im normalen Unterricht", berichtet Hügle weiter.

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Technische Problem stellten auch für Fabian Pütmann eine Hürde dar, um überhaupt mit dem digitalen Unterricht zu beginnen. “Wir arbeiten mit der Schulcloud des Hasso-Plattner-Instituts. In der ersten Woche war der Server komplett überlastet und ist dauernd abgestürzt. Doch sie haben schnell reagiert und jetzt funktioniert alles reibungslos”, sagt der Pädagogik-Lehrer.

Während die einen mit technischen Problemen kämpfen, beginnen die Probleme einer niedersächsischen Grundschule an einer ganz anderen Stelle an: Es gibt schlichtweg keine Basis, um digital zu unterrichten.

Digitaler Unterricht ist an unserer Schule überhaupt nicht möglich. Es gibt keinen Server und wir können den Schülern auch keine E-Mails schreiben. Also haben die Klassenlehrer Materialien zusammengestellt, welche die Eltern abholen konnten.

Referendarin, Deutsch und Religion an einer Grundschule in Niedersachsen
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Eltern beschweren sich über zu viele Aufgaben

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten haben inzwischen alle weiterführenden Schulen einen Weg gefunden mit ihren Schülern zu kommunizieren und Arbeitsaufträge zu verteilen. Die Wege sind vielfältig. Was die Lehrer aber beschäftigt ist, wie sie ihren Schülern Aufgaben geben können, ohne sie dabei zu überfordern.

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Ich habe versucht einen Mittelweg zu finden zwischen der notwendigen Vermittlung von Lerninhalten im Rahmen der Schulpflicht und der Berücksichtigung einer Sondersituation, in denen Familien aufgrund gesundheitlicher und wirtschaftlicher Sorgen stark belastet sind. In der Unterstufe kann man neue Lerninhalte ohne richtigen Unterricht eigentlich kaum vermitteln, zumal in eher unruhigeren Lerngruppen. Ältere Schüler ab der 10. Klasse können sich auch selbstständig Neues erarbeiten. Deswegen habe ich meinem Zwölfer Sozialkunde Kurs auch vertiefende Aufgaben gegeben.

Kai Hügle, Gymnasiallehrer für Englisch und Sozialkunde in Rheinland-Pfalz

Wie man die digitalen Plattformen kreativ nutzen kann, zeigt die Referendarin des bischöflichen Gymnasiums. Die Schule nutzt die eigene Plattform Schulbistum sowie den Messenger Threema. Jeden Montag schickt sie ihren Schülern einen Wochenplan mit Aufgaben. Zudem verlinkt sie über einen QR-Code Erklärvideos. Als die Schüler bei einem Thema nicht weiter kommen, dreht die 25-jährige kurzerhand ein eigenes Video. In einer zusätzlichen Sprechstunde über Zoom bietet sie den Schülern darüberhinaus an weitere Fragen zu stellen. “Vor den richtigen Ferien habe ich noch eine Umfrage gemacht. Grundsätzlich war das Feedback echt gut”, sagt die Referendarin.

Viele Elten haben sich über zu viele Aufgaben beschwert. Ich wollte den Schülern nicht so viel an die Hand geben, wie ich im normalen Unterricht gemacht hätte. In Pädagogik habe ich deswegen Unterrichtsreihen vereinfacht und weniger Aufgaben dazugestellt. Aber die Schüler mussten sich schon ein paar Stunden damit beschäftigen.

Fabian Pütmann, Gymnasiallehrer für Pädagogik und Sport in NRW

Ein Thema, das die Lehrer stark differenziert betrachten ist die Notenvergabe. In Niedersachsen sollten die Lehrkräfte bis zum 15. April mögliche Endjahresnoten erstellen. Matthias Radeck steht dem eher entspannt gegenüber: “Die Notenvergabe sehe ich gar nicht so problematisch. Das erste Halbjahr konnte vernünftig bewertet werden und wird somit als Grundlage genommen.” Kai Hügle hingegen findet es problematisch von validen Zeugnisnoten zu sprechen. Das liegt vor allem an der Basis, da in vielen Hauptfächer im zweiten Halbjahr noch nicht eine Klassenarbeit geschrieben wurde. Und auch Pädagogik-Lehrer Pütmann fühlt ein gewisses Unbehagen. “In zwei Monaten kann ja in beide Richtungen noch viel passieren”, sagt er.

Wiedereinstieg mit den Ältesten: Die richtige Entscheidung?

Ich finde es vollkommen richtig, dass die Abschlussjahrgänge als erstes wieder zur Schule gehen sollen. Zum einen wegen des Abschlusses. Zum anderen, weil sie die Hygieneregeln einhalten können. Die Grundschüler kommen trotzdem mit dem Stoff hinterher und wären mit den zusätzlichen Anforderungen nur überfordert. Selbst mit den Viertklässlern wird das schwierig.

Referandarin, Deutsch und Religion an einer Grundschule in Niedersachsen

Der Ansatz der Leopoldina erst die Jüngeren zur Schule zu schicken, hatte mich ein bisschen erschrocken. Natürlich können die Großen besser zuhause lernen, aber bei den Kleinen hat man gar nicht die Chance den Mindestabstand einzuhalten. Selbst bei den Älteren wird das schwierig.

Fabian Pütmann, Gymnasiallehrer für Pädagogik und Sport in NRW

Beim Thema welche Schüler zuerst wieder zurück in die Schulen kommen können, sind sich alle einig: Die Bundesregierung hat die richtige Entscheidung getroffen. Kunstlehrer Radeck findet aber auch, dass es auf ein paar Wochen mehr oder weniger im Schuljahr nicht unbedingt ankommt: “Ich glaube, dass man Unterrichtsinhalte komprimieren und einige Randthemen ausgrenzen kann. Ich selbst habe die Kurzschuljahre mitgemacht, also quasi zwei Schuljahre in einem Kalenderjahr. Das geht alles.”

Homeschooling: Ein Modell für die Zukunft?

So bleibt für den Moment eine wichtige Frage: Kann Homeschooling ein Modell für die Zukunft sein? Auch hier zeigen sich die befragten Lehrer einer Meinung.

Wenn die technischen Bedingungen passen, ist Homeschooling durchaus eine Möglichkeit. Aber ich sehe nicht im Ansatz eine Alternative zum normalen Unterricht, da die Kommunikation eine ganz andere ist. Für Schüler und Lehrer fällt die menschliche Interaktion weg. Diese ist vor allem in den Sprachen und den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern sehr wichtig. Mir fehlt aktuell die Kommunikation, die Dynamik und der Austausch mit den Schülern und den kann man auch mit Videokonferenzen nicht ausgleichen.

Kai Hügle, Gymnasiallehrer für Englisch und Sozialkunde in Rheinland-Pfalz

Direkte Interaktion steht damit ganz klar im Vordergrund - was zu Hemmungen beim Einsatz von digitaler Mittel führt. Dem stimmen auch die jungen Kollegen zu. So glaubt die Referendarin aus NRW, dass Schüler durch persönlichen Kontakt die Inhalte besser verstehen. Problematisch könnte langfristiges Homeschooling dabei vor allem in der Grundschule werden. “Die Grundschüler sind auf Eltern oder Menschen angewiesen, die ihnen etwas erklären. Ihre Eltern sind ja in der Regel nicht dafür ausgebildet. So lange die Aufgaben nicht total selbsterklärend sind, schaffen die das nicht", sagt die niedersächsische Referendarin.

Ich würde den normalen Unterricht nicht austauchen wollen, aber als Ergänzung finde ich es nicht schlecht. Aber dafür muss die Technik bereit stehen. Man kann die Kanäle sehr gut zur Verbreitung von Informationen nutzen und auch schnell Ergebnisse schicken. Aber den direkten Kontakt kann man einfach nicht ersetzen. Ich glaube, dass Schüler beim Homeschooling mehr abgelenkt sind, als in der Klasse und vielleicht auch bestimmte Fragen nicht gestellt werden.

Fabian Pütmann, Gymnasiallehrer für Pädagogik und Sport in NRW

Die Lehrerperspektive zeigt damit einen Punkt ganz klar: Für den Moment funktioniert das Homeschooling. In der aktuellen Situation ist es der richtige Weg, da die Gesundheit über allem steht. Aber dauerhaft ist es eher eine ergänzende Lösung als ein Königsweg. Das liegt nicht nur an den technischen Mitteln.

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