Fünf Waldorfwitze, die ich nicht mehr hören kann

Die Freie Waldorfschule feiert ihren 100. Geburtstag. Unser Kolumnist war Waldorfschüler – und hört seit 40 Jahren immer dieselben Scherze. Höchste Zeit für einen kleinen Faktencheck.

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Ja, ich war Waldorfschüler. 13 Jahre lang. Das tat gar nicht weh. Der Besuch dieser Schule hat mich weder nachhaltig emotional beeinträchtigt noch weltanschaulich so hart verunsichert, dass ich seitdem an Erdgeister, die segensreiche Wirkung des Vollmondes auf Trinkwasser oder die Heilsamkeit von Zuckerkügelchen glauben würde. Aus einem schlichten Grund: Es ist möglich, Waldorfschüler zu sein, ohne den Schrulligkeiten, die durchaus zur Waldorf-Folklore gehören, allzu viel Bedeutung beizumessen. Ich habe ein Abitur geschrieben, das man mit Fug und Recht als „geht so“ bezeichnen kann. Ich habe wie alle meine Klassenkameraden auf dem ersten Arbeitsmarkt Unterschlupf gefunden. Und wir alle kennen jeden einzelnen billigen Witz, der je über diese Schule kursierte. Die meisten davon reißen wir selbst.

Waldorfschüler sind ein leichtes Ziel

Waldorfschüler sind ja auch wirklich ein leichtes Ziel. Dieses Ökofutter, diese ganzen Wallegewänder, Volkslieder und Schwerttänze. Dazu dieser bleiche Gründervater mit dem stechenden Christoph-Daum-Blick namens Rudolf Steiner, der zeitlebens wenig dafür getan hat, den Eindruck zu verwischen, es handle sich bei ihm um einen spinnerten Esoteriker mit ein paar guten Ideen. In Wahrheit war er einfach ein Mann seiner Zeit. Das soll die zu Recht kritisierten rassistischen Unwuchten in Teilen seines Werkes nicht verharmlosen. Im Alltag aber spielt vieles von dem wenigen Quatsch, den er geschrieben hat, keine Rolle. Waldorfschulen erziehen nicht zur Blödheit. Sondern zur Freiheit.

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Trotzdem muss eine Waldorfschule auf Außenstehende gelegentlich wirken wie ein weltanschaulich verwirrtes Wikingerdorf. Von innen fühlt sie sich dagegen an wie eine Schule, die zu den klassischen Fächern wie Biologie, Deutsch, Geschichte, Englisch und so weiter einfach noch ein paar interessante Extras anbietet: Theater, Musik, Werken, selbst Denken, so etwas. Dinge, die inzwischen praktisch jede Schule sich zu unterrichten bemüht. Der wichtigste Unterschied: Die Waldorfpädagogik basiert auf der Anthroposophie – einem Steinerschen Denkmodell, das keinen Glaubensinhalt darstellt, sondern ein Anregungskonzept für die Selbstentwicklung des Menschen bis hin zu der Fähigkeit, über sich selbst frei und verantwortlich zu bestimmen. Klingt kompliziert, heißt aber einfach: Antroposophie ist weder Religion noch Schulfach, aber die Basis des Menschenbildes in der Waldorfpädagogik.

Nicht für jedes Kind die richtige Wahl

In diesen Tagen feiert die Waldorfschule ihren 100. Geburtstag. Man darf Rudolf Steiners Kopfgeburt von 1919 als Erfolgsgeschichte bezeichnen. 1150 Waldorfschulen gibt es in der Welt, davon 238 in Deutschland. Es ist die größte nicht konfessionelle Bewegung der Welt.

Meine Schule war eine junge, pastellfarbene Bildungseinrichtung, die die meisten von uns sauber Richtung Schulabschluss gesteuert hat, ohne Rudolf-Steiner-Dogmen abzufragen, völkischen Quatsch zu propagieren oder seltsame Rassenlehre zu betreiben. Es schmerzt ein bisschen, dass das Thema „Wie rechts war Steiner?“ seit Jahren die Debatte beherrscht. Aber daran ist der Bund der Freien Waldorfschulen zum Teil selbst schuld. Wer sich viel zu lange mit verschränkten Armen abgeschottet und Öffentlichkeitsarbeit als lästig empfunden hat, wer erst in jüngster Zeit begonnen hat, Broschüren und Websites mit Sachinformationen für die Nicht-Waldorf-Welt zu veröffentlichen, der muss sich nicht wundern, wenn da draußen ein paar Leute glauben, Waldorfschulen seien eine Brutstätte für Aluhut-Träger und Ewiggestrige.

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Eine gewisse Weldfremdheit gehört zur DNA

Wie jede andere Schule ist auch die Waldorfschule nicht für jedes Kind die richtige Wahl. Bei mir hat es gepasst, Glück gehabt. Auch wir hatten unsere Beziehungskrisen, die Waldorfschule und ich – direkt nach dem Abitur 1992 hatte ich für ein paar Jahre die Nase voll von wallender Wolle und der Tatsache, dass bestimmte Bestandteile der modernen Welt im damaligen Waldorfkosmos so fremd waren wie ein Blockflötist auf dem Wacken-Festival: Medien, Fußball, Wirtschaftslehre. Wenn ich heute durch die Flure streife, hängen dort noch immer dieselben Bilder wie vor 40 Jahren, nur von neuen Kindern gemalt. Dass die Saat bei mir einigermaßen aufgegangen ist – dass mich die Schule also in die Lage versetzt hat, meine eigenen Urteile zu fällen, zeigt auch folgende Entscheidung: Unsere Kinder gehen nicht zur Waldorfschule. Erstens passt es einfach nicht. Und zweitens ist die Fließgeschwindigkeit der Selbsterneuerungskräfte der Schule für meinen Geschmack kaum höher als in der katholischen Kirche. Mit anderen Worten: Eine gewisse Weltfremdheit gehört weiterhin zur DNA dieses Schulmodells. Im Kern grundsympathisch bleibt es mir dennoch.

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Höchste Zeit, die populärsten Waldorfwitze auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

„Du kannst deinen Namen tanzen“

Sachlich richtig. Ja. Kann ich. Also: konnte ich mal. Für jeden Buchstaben und Laut gibt es eine bestimmte Körperbewegung. Die meisten davon habe ich vergessen. Der Witz „Du kannst deinen Namen tanzen“ gehört zu jeder Erwähnung von Waldorfschulen dazu. „Waldorf“ und „Namen tanzen“ sind symbiotisch verbundene Begriffe, wobei sich der Scherzende mit überraschender Häufigkeit tatsächlich noch immer für originell hält. In der Sache freilich gehört das sturzöde Scherzlein zu den ollsten, blödesten, ausgelutschtesten, wiedergekäutesten, ahnungslosesten und langweiligsten Bemerkungen über Waldorf überhaupt. Allenfalls Variationen sind noch restlustig („Ich tanze so schlecht – meine Kumpels auf der Waldorfschule denken, mein Name sei Edeltraut“). Das Fach heißt Eurythmie. Die Idee dahinter ist, dass man Gedichte und Musik praktisch mit einer Art tanz begleitet, um das Gefühl für die Grenzen des eigenen Körpers besser kennenzulernen. Die meisten in unserer Klasse fanden Eurythmie doof. Die Grenzen meines Körpers habe ich auch ohne eurythmische Begabung kennengelernt. Und der Beweis, dass nicht auch Breakdance und Hip-Hop eine segensreiche Wirkung auf das eigene Körpergefühl haben, muss erst noch erbracht werden.

„Stricken eins – Rechnen sechs!“

Sachlich falsch. Das kommt schon deshalb nicht hin, weil Waldorfschulen in den ersten Jahren ohne Zensuren auskommen. Eine Leistungsbewertung findet trotzdem statt. Dabei sind die Lehrer bestrebt, die Kinder nicht an einem ominösen, kulturpolitisch vorgetanzten Leistungslevel zu messen, sondern an den eigenen Maximalfähigkeiten. Überraschung: Manche Kinder können gut rechnen, manche können gut stricken, manche können beides nicht. Stricken wird in der Hierarchie der Fertigkeiten aber nicht höher eingeordnet als Mathematik.

„Ihr spielt doch nur mit Tannenzapfen!“

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Sachlich falsch. Nicht nur, aber auch. Waldorfkindergärten sind weitgehend plastikfreie Zone. Grundsätzlich gelten die 2000 Waldorfkindergärten in aller Welt als noch einen Schuss waldorfdogmatischer als die Schulen. Das wirkt schnell seltsam, ist für viele Kinder aber genau das Richtige.

„Singen und Klatschen ist bei euch ein Unterrichtsfach“

Sachlich falsch. Die Fächer heißen Musik und Sport. Rythmische Spielchen und Gedichte spielen aber in den ersten Jahren eine große Rolle im Unterricht. Auch bei Waldorfschulen hat sich herumgesprochen, dass Singen und Klatschen keine adäquate Vorbereitung auf die moderne Gesellschaft sind.

„Ihr werft doch nur mit Wattebäuschen und spielt nicht Fußball!“

Sachlich falsch. Inzwischen ist die Fußballphobie an vielen Waldorfschulen Vergangenheit. Und Wattebäuschchen kann man aus physikalischen Gründen sowieso nur zehn bis 40 Zentimeter weit werfen, weil der Luftwiderstand der Viskosepartikel die Schwungkraft verringert. Bringt also nix.

Fazit: Höchste Zeit für neue Witze über Waldorfschulen.

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Eine gewisse Weltfremdheit gehört zur DNA: Schulhof der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe. © Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

DAS IST DIE WALDORFSCHULE

Die erste Waldorfschule gründete der Fabrikbesitzer der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik, Emil Molt (1876-1936), im September 1919 in Stuttgart. Molt wollte den Kindern der bei ihm beschäftigten Arbeiter eine gute Ausbildung ermöglichen und bat deshalb Rudolf Steiner (1861-1925), die pädagogische Leitung dieser Schule zu übernehmen. Die Stuttgarter Waldorfschule, die Molt nach seinem Unternehmen benannte, war die erste koedukative Gesamtschule. Sie ersetzte das Prinzip der Auslese im Schulsystem durch eine Pädagogik der Förderung. Unabhängig von sozialer Herkunft, Begabung und angestrebtem Beruf, erhielten junge Menschen hier eine gemeinsame Bildung. Die Waldorfschule auf der Uhlandshöhe in Stuttgart wuchs dank der Initiative der Gründer Emil und Berta Molt sehr schnell. Neben den Arbeiterkindern der Zigarettenfabrik kamen auch viele andere, deren Eltern nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nach einer neuen Pädagogik mit menschlicheren Werten suchten. Damals wie heute herrschte ein großer Mangel an gut ausgebildeten Lehrkräften.

Die Schule in Stuttgart begann mit zwölf Gründungslehrern, die von Rudolf Steiner in einer Reihe von Kursen auf ihre Tätigkeit vorbereitet wurden. Die Umsetzung der neuen Pädagogik entwickelten sie in fortlaufenden, wöchentlichen Konferenzen kontinuierlich weiter. Bald kamen Ausbildungskurse in der Schweiz und in England hinzu, der Fokus blieb jedoch zunächst in Deutschland. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden 34 weitere Waldorfschulen gegründet: in Deutschland, der Schweiz, Holland, England, Norwegen und Schweden, in Ungarn und in Österreich sowie in den USA. Die Herrschaft der Nationalsozialisten führte zur Schließung und teilweise auch zur Enteignung und Zerstörung der Schulgebäude in Deutschland, Österreich, Ungarn, teilweise in Holland und in Norwegen.

In den anderen Ländern entwickelten sich die Schulen weiter und neue kamen hinzu. Bereits im Oktober 1945 nahm die Stuttgarter Waldorfschule an der Uhlandshöhe ihre Arbeit am selben Ort wieder auf, weitere Gründungen folgten. Nach einer Konsolidierungsphase nahmen die Neugründungen ab den 1970er-Jahren rapide zu, die Waldorfschulen wurden zum Modell eines unabhängigen, selbst verwalteten Schulwesens. In einigen Ländern erhalten die Freien Waldorfschulen als Schulen in freier Trägerschaft staatliche Finanzhilfen, die von einer Vollfinanzierung wie in den Niederlanden oder einigen skandinavischen Ländern bis zu einer Teilfinanzierung wie in Deutschland reichen.

1985 umfasste das Netzwerk schon 306 Schulen in 23 Ländern. Die globale Ausbreitung hält bis heute an. Auf allen Kontinenten gibt es Waldorfkindergärten und Waldorfschulen, unabhängig von Sprache, Religion oder Staatssystem. Es sind die Eltern, die für das Wachstum sorgen und die Kinder, die sie durch ihre Begeisterung für ihre Schule bestätigen. Sie wollen eine Zukunft, in der es um Humanität geht und in der eine gesunde Entwicklung und damit gesellschaftliche Partizipation möglich sind.

(Quelle: Bund der Freien Waldorfschulen).