Ein bisschen wollen reicht nicht – warum die meisten nie Karriere machen

  • Eine Beförderung ist das Ziel vieler Menschen – wieso will es aber einfach nicht klappen?
  • Wer wirklich Karriere machen will, muss in die Offensive gehen und kämpfen, sagt Karrierecoach Martin Wehrle.
  • Und genau diese Mentalität fehlt vielen Menschen.
Martin Wehrle
|
Anzeige
Anzeige

„Woran scheitert meine Karriere?“ Der Betriebswirt, der mir diese Frage stellte, trat in seiner Firma seit Jahren auf der Stelle. Dabei wäre er gern befördert worden. Aber zuletzt war wieder mal ein jüngerer Kollege an ihm vorbeigezogen. „Dabei hatte er es von der Leistung nicht verdient“, sagte der Betriebswirt. Warum bewegen sich die einen auf der Karriereleiter rasch vorwärts, während andere nicht vom Fleck kommen?

Viele Menschen sagen in der Beratung Sätze wie: „Ich würde gern Karriere machen“, „Es wäre schön, wenn ich aufsteigen könnte“, „Ich wäre einer Beförderung nicht abgeneigt“. Will so jemand Karriere machen? Ein bisschen schon. Aber wer nur „ein bisschen“ will, liebäugelt nur – er will nicht wirklich. Er gleicht einem Fußballstürmer, der sagt: „Wenn der Ball vor meine Füße fällt und der Weg frei ist, würde ich ihn gern ins Tor schießen.“ Mit dieser Haltung trifft man selten.

Ellbogen wichtiger als soziale Kompetenzen

Auf dem Spielfeld der Karriere lauern viele Hindernisse. Mal ist keine Position frei, mal gibt es viel Konkurrenz, mal herrscht Etatsperre. Wer wirklich Karriere machen will, muss in die Offensive gehen und kämpfen. Er muss sich den Ball holen, seine Ambitionen anmelden, bei seinem Vorgesetzten immer wieder auf der Matte stehen und überhaupt für die Chefetage als Leistungsträger hörbar und sichtbar sein. Denn nur das quietschende Rad wird geölt.

Anzeige

Zudem muss der Mitarbeitende in jenes Bild passen, das sich die meisten Unternehmen leider noch immer von einer Führungskraft machen. Ellbogen werden höher als soziale Kompetenz gewichtet. Wer allzu freundlich agiert, gilt oft als „zu weich“ für eine Führungsposition. Zugleich setzen viele Unternehmen höchsten Einsatz voraus. Anwesenheit schlägt Ergebnis. Wer abends lange bleibt, ist im Vorteil. Und als Vorbild gilt, wer rund um die Uhr erreichbar ist und niemals abschaltet.

Soll der Beruf das Leben dominieren?

Viele Menschen haben keine Lust, ihr Leben vom Beruf dominieren zu lassen. So ging es auch dem Betriebswirt, der glücklich verheiratet und Vater von drei Kindern war. Er ging pünktlich nach Hause, agierte sozial, und im Urlaub schaltete er sein Handy aus. Dafür lieferte er während seiner regulären Arbeitszeit weit überdurchschnittliche Ergebnisse ab. Damit, dachte er, brächte er sich für seine Karriere bestens in Position. Aber dem war nicht so – zumal er seine Ergebnisse für sich sprechen ließ und kaum Selbst-PR betrieb.

Martin Wehrle ist Karrierecoach und Bestsellerautor, sein aktuelles Buch: „Ich könnte ihn erwürgen – Vom einfachen Umgang mit schwierigen Menschen“ (Mosaik, 2020).

Bewusste Entscheidung gegen Aufstieg treffen

Anzeige

Was habe ich dem Betriebswirt geraten? Ich habe ihm vorgeschlagen, sich innerlich zu entscheiden: „Ist Ihnen ein Aufstieg wirklich wichtig? Falls ja, müssten Sie Ihren Aufstieg mit ganzer Kraft betreiben, Ihre Anwesenheitszeiten erhöhen, Ihre Leistung offensiv verkaufen und Ihrem Chef immer wieder das Signal senden, dass Sie aufsteigen wollen.“

Ich sah schon, dass er sein Gesicht verzog, und fuhr fort: „Und falls Sie das nicht wollen, ist das vollkommen in Ordnung. ‚Karriere’ bedeutet nämlich nicht, dass Sie möglichst weit aufsteigen müssen – sondern auf jene Höhe, in der sich Ihr Leben am stimmigsten anfühlt. Vielleicht befinden Sie sich jetzt genau dort.“

Erst dieses Gespräch machte ihm klar, dass ihm sein Aufstiegswunsch wenig bedeutete. Tief innen hatte er das gespürt und seine Karriere deshalb nur halbherzig vorantrieben. Fortan konzentrierte er sich auf seine Fachposition – und fühlte sich deutlich glücklicher, seit er sich bewusst gegen den Aufstieg entschieden hatte.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen