Entlastung und Herausforderung: Wie künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändert

  • Junge Menschen in Deutschland blicken weitgehend optimistisch auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz.
  • Das zeigt eine Studie des Software-Anbieters Kaspersky mit 1000 Befragten zwischen 16 und 30 Jahren.
  • In der Arbeitswelt werden künftig besonders „typisch menschliche“ Soft Skills gefragt sein, die Maschinen nicht besitzen, sagt der Arbeitswissenschaftler Max Neufeind.
Kristina Auer
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Berlin/Ingolstadt/Stuttgart. Die Corona-Pandemie hat in der Arbeitswelt für einen Digitalisierungsschub gesorgt. Immer mehr Menschen arbeiten auch nach dem Ende der staatlichen Homeoffice-Pflicht weiter von zu Hause aus, virtuelle Konferenzen ersetzen Geschäftsreisen und neue technische Lösungen vereinfachen die Planung und Abstimmung mit Kolleginnen, Kollegen und Vorgesetzten. Dieser Trend wird sich fortsetzen, sind sich Experten sicher. Zur Digitalisierung kommt der verstärkte Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Arbeit, der in den meisten Branchen momentan noch am Anfang steht.

Junge Generation blickt optimistisch auf KI-Technologien

KI wird die Arbeitswelt massiv verändern, doch wie diese Veränderungen genau aussehen, welche Aufgaben künftig von intelligenten Technologien übernommen werden können und wofür weiterhin menschliche Arbeitskraft gebraucht wird, davon haben nur wenige Menschen konkrete Vorstellungen. Viele stellen sich deshalb die Frage, ob künstliche Intelligenz unsere Arbeit in Zukunft angenehmer macht oder ob sie zur Bedrohung werden könnte.

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Die junge Generation wird diese Veränderungen am stärksten betreffen. Hier dominiert eine hoffnungsvolle Perspektive auf KI für die Arbeit der Zukunft, zeigt eine Umfrage unter 1000 Menschen zwischen 16 und 30 Jahren, die der Software-Anbieter Kaspersky durchgeführt hat. Demnach stehen 77 Prozent dem Einsatz von KI in ihrem Leben grundsätzlich positiv gegenüber. Etwas beliebter ist die Vorstellung, KI im Berufsleben einzusetzen: dafür votierten 57 Prozent der Befragten, 47 Prozent wollen künstliche Intelligenz lieber im privaten als im beruflichen Kontext nutzen.

„Wir müssen uns zunächst klar machen, was KI aktuell ist: nämlich maschinelles Lernen, das Erkennen von Mustern auch in großen Mengen von unstrukturierten Daten”, sagt der Arbeits- und Organisationswissenschaftler Max Neufeind, der die Studie analysiert hat. Die Vorstellungen bei den Menschen darüber, was KI bedeute, seien sehr wandelbar. Viele vermischten KI auch mit Digitalisierung im Allgemeinen.

Große Entlastung bei Routinearbeiten

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Die größten Potenziale für die Technologie sieht Neufeind bei der Analyse von großen Datenmengen, etwa im Versicherungs- oder Finanzwesen. „KI wird uns eine Entlastung von kognitiver und körperlicher Routinearbeit bringen”, sagt der Arbeitswissenschaftler. Die Übertragung von Formularen, die Regulierung von Schadensmeldungen oder das Protokollieren von Behandlungen in Krankenhäusern seien Aufgaben, mit denen derzeit noch sehr viele Menschen beschäftigt seien und die künftig von maschinellen Lernsystemen übernommen werden könnten.

Besonders in der Sprach- und Bilderkennung habe die KI in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, erklärt Martin Krzywdzinski vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). „Diese Technologien sind vielseitig einsetzbar, etwa bei persönlichen Sprachassistenten“, so der Arbeitssoziologe. Außerdem könne künstliche Intelligenz bei der Büroarbeit Zeit sparen. In der Industrie und im Finanzwesen komme KI zur Auswertung großer Datenmengen, etwa zur Fehleranalyse, zum Einsatz.

„Etwas unterschätzt wird die Rolle von KI derzeit noch dort, wo es um das Stimulieren von Kreativität geht“, sagt Neufeind. In Bereichen wie Architektur, Bautechnik oder dem bionischen Design, wo es um Erfindung und Gestaltung gehe, könne künstliche Intelligenz durch das Erkennen von tiefen Mustern in Daten neue Denkanstöße und Lösungsansätze bringen. Gleiches gelte für kommunikative Arbeitsprozesse. „In Gruppensituationen kann KI etwa auf Problematiken hinweisen oder immer wieder bestimmte Fragen aufwerfen”, erklärt der Experte.

Mehr Verantwortung und Freiräume für Berufstätige

„Alle Branchen können massiv von künstlicher Intelligenz profitieren und werden sich stark verändern”, meint Matthias Peissner, Leiter des Forschungsbereichs Mensch-Technik-Interaktion am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Etwa bei Chatbots in der Kundenkommunikation oder in der Personalisierung von Angeboten werde KI branchenübergreifend große Vorteile bringen. „Das Zielbild wäre, dass die KI unsere Fähigkeiten erweitern und uns helfen kann, kompetentere Entscheidungen zu treffen“, sagt Peissner.

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Südkorea: Ein Roboter als Barkeeper
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In einer Bar im südkoreanischen Seoul wird ein Roboter als Barkeeper eingesetzt. In Zeiten von Corona ist das hygienischer.  © Reuters

Für den KI-Experten bestehen die größten Chancen darin, Prozesse flexibler und dynamischer zu machen. „Unternehmen werden schneller auf Schwankungen reagieren können, Lieferketten werden sich dynamisch auf aktuelle Situationen im Verkehr oder bei der Nachfrage anpassen und Serviceangebote stärker auf einzelne Personen angepasst werden”, sagt Peissner.

Auch die Arbeit selbst könne durch KI flexibler und individueller werden, sagt Peissner. „Das bedeutet, es entstehen Freiräume und es wird mehr Verantwortung über die eigene Arbeitsgestaltung an den einzelnen übergeben.“ Dies könne Menschen intrinsisch motivieren. „Wir müssen aber aufpassen, dass wir diese Freiheit nicht in dem Sinne interpretieren, dass ein höherer Leistungsdruck entsteht“, so der Arbeitswissenschaftler.

Kürzere Arbeitszeiten durch KI?

Werden wir in Zukunft weniger arbeiten müssen, weil KI uns lästige Tätigkeiten vom Leib hält? Was die Chancen für den Sechsstundenarbeitstag und die Viertagewoche angeht, ist die Erwartung der Experten verhalten. „Das ist eine politische und keine technische Frage“, erklärt Peissner. Historisch gesehen habe technischer Fortschritt bisher immer zu Beschleunigung geführt. „Wenn wir bestimmte Teile der Arbeit automatisieren, erwarten wir, dass der Mensch produktiver wird.“ Das könne zu einer Verdichtung des Leistungsdrucks führen. Auch die Befragten der Kaspersky-Studie nehmen diesen Effekt wahr: Fast jede Zweite befürchtet, dass durch den Einsatz von KI der Leistungsdruck im Beruf steigen wird.

Kürzere Arbeitszeiten könne es in Zukunft nur geben, wenn Produktivitätssteigerung wieder mit der Lohnentwicklung verbunden werde, betont Neufeind. Beide Faktoren seien in den letzten Jahrzehnten völlig voneinander entkoppelt worden. „Derzeit profitieren von höherer Produktivität viel stärker die Unternehmen als die Beschäftigten“, sagt der Organisationswissenschaftler. Es sei eine große Herausforderung, diese künftig gerechter zu verteilen.

Müssen Beschäftigte durch den vermehrten Einsatz von KI um ihre Arbeitsplätze fürchten? Zwar gebe es nicht viele Berufe, die absehbar komplett von KI übernommen werden könnten, so Neufeind. „Aber wir müssen aufpassen, dass wir in manchen Berufsfeldern nicht Menschen nur noch für die Aufgaben einsetzen, die die KI gerade noch nicht ausführen kann.“ Es sei wichtig, dass die Fortschritte hin zu guten Arbeitsbedingungen nicht verloren gingen. „Dazu gehört auch eine Vielfalt an Aufgaben und Austausch, damit Angestellte nachvollziehen können, welchen Zweck ihre Arbeit hat und worauf es bei der Tätigkeit in einem tieferen Sinnzusammenhang ankommt“, sagt Neufeind.

Einige Jobs werden automatisierbar

Peissner sieht in der Arbeitswelt die Gefahr, dass ganze Gesellschaftsgruppen durch den Einsatz von KI abgehängt werden könnten, falls die Transformation misslinge. „Es gibt Berufsbilder, die sind bis zu 90 Prozent oder mehr automatisierbar – LKW-Fahrer werden im Grunde entbehrlich, sobald wir autonome Lastfahrzeuge haben”, sagt der KI-Experte. In anderen Branchen, etwa im Handwerk oder bei körpernahen Berufen wie Friseuren oder Visagistinnen würden dagegen auch künftig noch sehr viele menschliche Arbeitskräfte benötigt.

Der Dienstleistungsroboter Pepper der Firma SoftBank Robotics ist eins der bekanntesten Beispiele für eine künstliche Intelligenz. Er kommt in Museen, Hotels oder Krankenhäusern zum Einsatz und soll dort Auskünfte geben. © Quelle: picture alliance / Jochen Tack

„Aus meiner Sicht ist die Befürchtung der großen Vernichtung von Arbeitsplätzen durch KI wirklich extrem übertrieben“, meint dagegen der Arbeitssoziologe Krzywdzinski. Hier werde der technologische Standard überschätzt. „Wir sind weit davon entfernt, dass KI autonom Arbeitsprozesse übernehmen kann.“ Es brauche weiterhin Menschen, die die Datenanalysen der KI richtig einordnen und interpretieren. „Es geht um eine komplementäre Arbeitsteilung von Mensch und Maschine“, sagt Krzywdzinski.

Der Forscher erwartet durch den technologischen Fortschritt sogar eher eine größere Nachfrage nach menschlichen Arbeitskräften. Dies betreffe nicht nur Berufsbilder, die auf maschinelles Lernen spezialisiert sind, sondern auch Berufe an der Schnittstelle zwischen Facharbeitern, Datenanalystinnen, Maschinenbauern oder Informatikerinnen. Hierfür müsse sich das Bildungssystem verändern, so Krzywdzinski. „Wir brauchen neue Studiengänge und Weiterqualifizierungsangebote, in denen traditionelle kaufmännische oder gewerbliche Berufe mit Wissen über KI ergänzt werden.“

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Bei einem Baseball-Spiel der japanischen Profiliga waren 20 Roboter im Einsatz, die eine Choreographie der Fans aufführten.  © Reuters

Anforderungen an das Bildungssystem

35 Prozent der von Kaspersky befragten jungen Menschen haben Sorge, dass ihre digitalen Fähigkeiten nicht ausreichen könnten. „Die Anforderung wird sein, dass wir permanenter Veränderung ausgesetzt sind und die Idee vom lebenslangen Lernen auch wirklich umsetzen müssen, um uns immer wieder an neue Aufgaben anzupassen“, sagt Peissner. Das sei eine große gesellschaftliche Aufgabe.

Auch Neufeind sieht großen Handlungsbedarf in der Bildung. Der Fokus menschlicher Arbeit liegt für den Arbeitswissenschaftler in Zukunft auf Tätigkeiten, die „ur-menschlich“ und damit komplementär zu den Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz sind. Zu diesen zählten etwa Empathie, kritisches Denken oder komplexe Problemlösung.

Die besten Ergebnisse erziele man nicht durch das Ersetzen von menschlichen Arbeitskräften durch Maschinen, „sondern durch ein ganz enges Ineinandergreifen von menschlicher und technologischer Kompetenz.“ In der Bildung brauche es deshalb einen „radikalen Turn“ hin zu diesen Fähigkeiten, betont Neufeind. Hier seien Politik, Unternehmen und Arbeitnehmende gleichermaßen in der Pflicht.

Vorteile von KI für Beschäftigte in den Vordergrund stellen

Welche Entwicklungen in der KI in welchen Zeiträumen zu erwarten sind, sei schwer abzusehen. „Wir sind jetzt in einer Frühphase der Einführung, die Entwicklung wird uns die nächsten 30 Jahre begleiten“, sagt Neufeind. Im Moment könne KI in Unternehmen etwa dazu beitragen, mit elaborierten Statistiken das Management und die Vorausschau zu verbessern. In den nächsten 15 bis 20 Jahren könne KI zu einer Entität werden, die in Betrieben gleichberechtigt mit menschlichen Arbeitskräften agiere. „Wenn wir fragen, wann eine KI in vollumfänglichem Maße die Kompetenzen, ja die Art des Denkens eines Menschen haben wird, reden wir sicher von einem Zeitpunkt nach 2050“, so der Arbeitswissenschaftler.

Transparenz und Aufklärung den Beschäftigten gegenüber sei beim Einsatz von KI besonders wichtig, betont Anne Mickler, Pressesprecherin bei Kaspersky. „Das schafft ein Gefühl von Sicherheit und ein Verständnis davon, was KI ist und was sie leisten kann“, sagt Mickler. Zudem müsse den Beschäftigten bewusst werden, welche Vorteile KI auch für sie in ihrem Arbeitsalltag bringen kann, meint Neufeind.

„Die Menschen müssen merken: Das System hilft dabei, dass mein Arbeitsleben besser wird.“ Um die Bedürfnisse, aber auch Fähigkeiten und Lerninteressen von Beschäftigten erkennen zu könne, brauche es eine kluge Form der Begleitung von Mitarbeitenden. „Hier muss aber eine gute Balance gefunden werden, damit nicht ein Gefühl von Überwachung entsteht.“

Auch Peissner plädiert für eine verantwortungsvolle Erfassung und Nutzung personenbezogener Daten von Beschäftigten. Nur so könne man die Potentiale der KI im Sinne einer menschengerechteren Arbeit nutzen. Oft würden neue Technologien von Seiten der Arbeitenden als Bedrohung angesehen, die ihre Arbeit entwerte, so der Arbeitswissenschaftler. „Dabei gibt es auch große Chancen für den Einzelnen, etwa bei personalisierten Weiterqualifizierungsangeboten – dafür muss ich aber wissen, was der Mensch schon kann und was er noch können sollte”, betont Peissner.

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