Eltern sorgen sich vor dem Corona-Herbst: „Die Probleme rutschen wieder ins Private“

  • Mit dem Öffnen der Klassen­türen für das neue Schul­jahr stehen Eltern erneut vor einem entscheidenden Problem.
  • Was ist das das richtige Maß zwischen Prävention und Restriktion – um diese Frage ringen politische Entscheider genauso wie Familien.
  • Viele blicken mit Sorgen auf den Schulstart und den bevorstehenden Corona-Herbst.
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Wie lässt sich versäumter Unterichts­stoff des vergangenen Schul­jahres aufarbeiten? Welche Schutz­maßnahmen muss ich für meine Kinder im neuen Schul­jahr ergreifen? Auch mit Beginn des neuen Schul­jahres stellen sich Eltern viele Fragen, ob ihre Kinder in der Pandemie gut versorgt und sicher sind oder ob Maßnahmen wie etwa die Masken­pflicht nicht für zusätzliche Belastungen sorgen.

Es sind erst wenige Wochen, seit Janina selbst Mutter eines Schul­kindes ist. Ihre Tochter besucht nun die erste Klasse einer Grund­schule in Nordrhein-Westfalen. Der Eintritt in die Schule bedeutet immer Veränderung. Doch unter Pandemie­bedingungen kommen noch einmal ganz andere Sorgen dazu. „Ich hätte nicht damit gerechnet, wie sehr mich das bewegt. Aber dass meine Tochter zum Beispiel die ganze Zeit eine Maske tragen muss, finde ich wirklich schlimm“, sagt Janina. Bis zum Schul­eintritt war ihre Tochter von der Masken­pflicht nicht betroffen. Nun aber ist sie auch für die Sechs­jährige Teil des Alltags. Wie bei allen Schul­kindern.

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„Ich habe Angst vor den Folgen der Maßnahmen“

Janina ist Kinder­krankenschwester und trägt selbst­verständlich auf der Arbeit durch­gehend eine Maske. Masken­pflicht in der Schule aber findet sie schwierig. „Ich habe keine Angst vor einer Infektion. Aber ich habe Angst vor den Folgen der Maßnahmen“, so die Mutter. Neue Klassen­kameraden, die Lehrerin – deren Gesichter kennt die Erst­klässlerin nur bis zu den Augen. Freundschaften zu knüpfen falle schwer, wenn die Kinder immer wieder an den Abstand zu anderen Kindern erinnert werden müssten, glaubt Janina.

Die besorgte Mutter empfindet derzeit vor allem eines: Wut. „Die Ungleich­behandlung von Kindern und Erwachsenen bringt mich auf die Palme“, sagt sie. „In den Betrieben gibt es keine Test­pflicht, damit niemand von seiner Berufs­ausübung ausgeschlossen wird. Doch sobald ein Kind den Test in der Schule verweigert, muss es nach Hause. Das ist nicht fair.“

Sorge um die anderen Kinder

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Auch Mutter Lisa Harmann wird emotional, wenn sie von Kindern und Jugendlichen spricht. Ihre 13-jährigen Zwillinge haben nach dem unbeständigen Homeschoolingjahr die Schule gewechselt. „Seit sie endlich wieder zur Schule gehen dürfen, sind sie total motiviert und gehen gern hin“, erzählt die Dreifach­mama. Um ihre eigenen Kinder sorge sie sich daher nicht mehr so sehr. Auch, weil es für sie mit über zwölf Jahren die Chance auf eine Impfung gebe und ihnen dadurch vermutlich längere Krankheits- oder Quarantäne­phasen erspart bleiben.

Es sind aber die anderen Kinder, Jugendlichen und Familien, um die ihre Gedanken kreisen. Die Kinder, von denen der neue Direktor auf dem Eltern­abend erzählte, dass sie bei den Schul­psychologen gerade Schlange stünden. Die großen Leistungs­druck spürten, weil sie ihre Eltern nicht noch mit schlechten Schul­noten belasten wollten.

„Familien werden noch weniger gesehen als im Lockdown“

Und sie spricht über die Mütter und Väter, die ihr gerade viele Nachrichten schreiben. Harmann betreibt gemeinsam mit Katharina Nachtsheim einen der größten Familienblogs im Lande. Aus vielen Nachrichten spricht die schiere Verzweiflung. „Da wir vermeintlich überall Präsenz­unterricht haben, rutscht die Betreuung der Kinder, die krank oder in Quarantäne sind, ausschließlich ins Private“, sagt die Bloggerin. „Damit werden Familien noch weniger gesehen als im Lockdown.“ Der Lockdown, er habe alle im Kollektiv getroffen. Jetzt seien die Eltern wieder Einzel­kämpfer.

Normalität wird suggeriert, dabei ist für Familien immer noch kaum etwas wirklich planbar. Schon eine Schnupf­nase hält das Kind im Regel­fall für zwei Tage zu Hause. Quarantäne oder auch Erkältungen durchs Sitzen im kalten Klassen­zimmer – es bleiben wohl stürmische Zeiten für Familien in Deutschland.

Auch, weil die Diskussionen um den richtigen Schutz der Kinder sehr emotional geführt werden. Die Kinder starten in ein Schul­jahr mit Masken­pflicht, Tests, Quarantäne­regeln und dem Risiko, selbst an Corona zu erkranken. Vor allem jene, die noch zu jung für eine Impfung sind. Gäbe es den Schutz der Kinder ohne Preis, würde keiner auf ihn verzichten wollen. Das aber ist nicht der Fall.

„Nach jetzigem Stand der Wissenschaft ist das Risiko für meine Kinder wirklich sehr gering“

„Alle Maßnahmen, die wir zum Schutz der Kinder ergreifen, ziehen auch einen Schaden nach sich“, sagt Daniel Dreyer, Intensiv­mediziner und Vater zweier Kinder. Statt verhärteter Fronten wünscht er sich eine offene Diskussion dazu. „Es ist doch eine Güter­abwägung: Was bringt etwas und was kostet das jeden Einzelnen? Darüber müssen wir ehrlich sprechen.“

Er habe selbst viele Covid-Patienten betreut. Bevor sie geimpft werden konnten, hatte er um die Groß­eltern lange Angst gehabt. Um seine Kinder aber, die eine Kita und eine Grund­schule besuchen, sorge er sich nicht. „Wir Intensiv­mediziner sehen natürlich nur die schweren Verläufe. Das darf aber nicht zu einer Verallgemeinerung führen. Ich muss selbst auch immer wieder einen Schritt zurück­treten und mir sagen: Nach jetzigem Stand der Wissenschaft ist das Risiko für meine Kinder wirklich sehr gering.“

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Trotzdem halte er zum jetzigen Zeitpunkt Schutz­maßnahmen an den Schulen in einem vertretbaren Maße für angemessen – um das Gesundheits­system nicht zu überlasten und andere Kinder, die als gefährdet gelten, weiterhin zu schützen. Für Dreyer gehören dazu Maßnahmen, deren Nutzen wissenschaftlich erwiesen sei. Die Maske in geschlossenen Räumen etwa. In Sachen Quarantäne würde er sich eher an die Empfehlungen von Christian Drosten halten, dass Kontakt­personen fünf Tage zu Hause blieben. Vor allem aber sieht der Mediziner die Erwachsenen in der Pflicht: „Wenn sich endlich alle Erwachsenen impfen lassen würden, hätten wir diese Diskussionen um die Kinder gar nicht mehr.“

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