Mit 3G zurück in die Uni: „Für ungeimpfte Studierende kaum finanzierbar“

  • Nach drei digitalen Semestern laufen an Unis und Hochschulen die Vorbereitungen für Präsenzlehre im Wintersemester.
  • Dabei setzen diese auf das 3G-Prinzip: geimpft, genesen oder getestet.
  • Studierende, die sich nicht impfen lassen wollen, könnten trotzdem vor Problemen stehen.
Yannick von Eisenhart Rothe
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Wer im Sommersemester 2020 ein Bachelorstudium begonnen hat, hat möglicherweise das halbe Studium bereits hinter sich – ohne je einen Vorlesungssaal betreten, in einer Mensa gegessen oder Mitstudierende persönlich kennengelernt zu haben. Dank der fortschreitenden Impfkampagne soll sich das im Herbst ändern. Nach drei größtenteils digitalen Semestern wollen Deutschlands Hochschulen möglichst viele Lehrveranstaltungen wieder in Präsenz abhalten. Bezüglich der genauen Umsetzung sind aber noch viele Fragen offen.

Peter-André Alt, Präsident der Hoch­schul­rektoren­konferenz (HRK), ist optimistisch, dass viele Veranstaltungen wieder in Präsenz stattfinden können – aber nicht alle. „Große Vorlesungen werden in der Mehrzahl weiterhin online stattfinden“, sagt Alt. Kleinere Seminare und Übungen hingegen seien möglich. Auch bei steigenden Infektionszahlen im Winter müsse „größtmögliche Normalität“ das Ziel sein.

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„Die wichtigste Voraussetzung für den Präsenzbetrieb ist eine möglichst hohe Impfquote bei den Studierenden“, sagt Alt. Deren aktuellen Stand könne man im Moment nicht abschätzen. „Viele Hochschulen führen deshalb momentan Umfragen unter den Studierenden durch.“ Nach seinem Kenntnisstand seien die ersten Ergebnisse viel versprechend. „Wir können davon ausgehen, dass bis zum Semesterstart an vielen Hochschulen an die 90 Prozent der Studierenden geimpft sein werden.“

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Studierende fordern 2G-Regel

Und was ist mit Studierenden, die nicht geimpft sind? „Unsere aktuelle Position ist es, dass Präsenz­veranstaltungen nur für Geimpfte, Genesene und Personen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können, angeboten werden sollten“, sagt Jonathan Dreusch, Vorstandsmitglied des „Freien Zusammenschluss von Student*innenschaften“ (FZS), einem Dachverband, in dem Studierendenvertretungen von 93 Hochschulen aus ganz Deutschland organisiert sind.

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Wer sich dagegen nicht impfen lassen wolle, gefährde seine Kommilitoninnen und Kommilitonen, so Dreusch. Er betont aber, dass Ungeimpfte trotzdem weiter studieren können müssten. Der FZS fordere neben den Präsenzveranstaltungen ein eingeschränktes Onlineangebot, das das Studium von zu Hause aus weiter ermögliche.

„Unsere aktuelle Position ist es, dass Präsenzveranstaltungen nur für Geimpfte, Genesene und Personen, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können, angeboten werden sollten“, sagt Jonathan Dreusch vom FZS. © Quelle: FZS

„Das dritte G in der Praxis kaum umsetzbar“

An den Unis und in der Politik ist bisher keine Rede davon, Ungeimpfte von Präsenz­veranstaltungen auszuschließen. Geplant wird mit 3G, also geimpft, genesen und getestet. Das kündigte zum Beispiel der Berliner Senat in einem Papier mit Eckpunkten für das Wintersemester an. Auch die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) stellte die 3-G-Regelung für den Präsenzbetrieb in Aussicht.

Ungeimpfte Studierende könnten jedoch trotzdem Probleme bekommen. „Das dritte G wird in der Praxis kaum umsetzbar sein“, sagt HRK-Präsident Alt. Denn: Ab Oktober werden Schnelltests nicht mehr kostenlos angeboten. „Es wird für ungeimpfte Studierende kaum finanzierbar sein, jedes Mal einen Test zu bezahlen, wenn sie in die Hochschule gehen“, sagt Alt. Auch die Hochschulen könnten diese Kosten nicht übernehmen.

Keine Alternativen zur Präsenz

Auch die FZS-Forderung nach einem alternativen Onlineangebot hält Alt für nicht umsetzbar. „Für Studierende, denen es nicht möglich ist, an Präsenz­veranstaltungen teilzunehmen, können die Hochschulen keine zusätzliche digitale Lehre anbieten.“ Es sei nicht in allen Seminarräumen möglich, Menschen online dazuzuschalten. Deshalb werden es freiwillig Ungeimpfte seiner Einschätzung nach in näherer Zukunft schwer haben, in Deutschland zu studieren. Wer sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen kann, hat auch weiterhin ein Anrecht auf kostenlose Schnelltests.

Der FZS kritisiert, dass Tests nicht mehr kostenlos angeboten werden. „Es wäre sinnvoll, auch Geimpfte regelmäßig zu testen, um die Präsenz­veranstaltungen sicherer zu machen. Schließlich können auch die sich anstecken“, sagt Dreusch.

Wer sich nicht impfen lassen möchte, wird es nach Einschätzung von HRK-Präsident Peter-André Alt in näherer Zukunft schwer haben, in Deutschland zu studieren. © Quelle: HRK/David Ausserhofer
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Wie wird die 3G-Regelung überprüft?

Die 3G-Regelung stellt die Hochschulen vor eine weitere Herausforderung: Wer kontrolliert die entsprechenden Nachweise? Auf Anfrage teilen einige Universitäten mit, dass man dazu noch keine genauere Auskunft geben könne und die Planungen noch andauerten.

Weiter ist man an der Universität Bremen. Eine Sprecherin teilt mit, dass dort bereits jetzt 3G-Nachweise durch Wach­personal an den Gebäude­eingängen kontrolliert würden. Außerdem sei eine digitale Lösung in Planung, über die Zertifikate aus der Cov-Pass-App erfasst werden sollen. Die Uni Köln teilt mit, dass bei Veranstaltungen mit maximal 50 Teilnehmenden die Lehrkräfte die Nachweise kontrollieren und dabei teilweise von Hilfskräften unterstützt werden sollen. Bei größeren Veranstaltungen werde die Kontrolle „zentral organisiert“. Die Berliner Humboldt-Universität gibt an, dass stichprobenartige Kontrollen geplant seien.

Unis gehen davon aus, dass viele Veranstaltungen in Präsenz stattfinden

Die Nachweiskontrolle durch Personal an den Eingängen hält Alt nicht überall für umsetzbar. „Das hängt stark von den architektonischen Gegebenheiten ab. Auf dezentralen Campussen mit vielen kleineren Gebäuden ist das nicht möglich.“ Er glaubt deshalb, dass man nicht darum herumkommen werde, das Lehrpersonal in die Kontrollen mit einzubeziehen. „Ich verstehe, dass Lehrkräfte das nicht gern übernehmen. Es gehört schließlich nicht zu ihren eigentlichen Aufgaben. Aber wo es nicht anders möglich ist, appelliere ich an alle Beteiligten, sich so zu engagieren, dass wir möglichst viel Normalität zurückerlangen.“ Der FZS plädiert dagegen dafür, Dozierende nicht mit einzubeziehen und andere Lösungen zu finden. „Die Kontrolle der Nachweise ist eine hoheitliche Aufgabe“, sagt Dreusch.

dpatopbilder - 29.10.2020, Baden-Württemberg, Stuttgart: Eine Studentin mit Mund- und Nasenmaske sitzt in der Begrüßungsveranstaltung für Studierende im ersten Semester an der Universität Hohenheim. Das Wintersemester 2020/2021 beginnt in Baden-Württemberg am 2. November unter verschärften Hygienebedingungen aufgrund der Coronavirus-Pandemie. Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Alt hält es auch für denkbar, dass der Impfstatus von Studierenden zukünftig zu Semester­beginn erfasst werden könnte, damit ständige Kontrollen nicht mehr notwendig sind. Man müsse sich ja ohnehin online für Veranstaltungen anmelden, vielleicht könne bei diesem Schritt auch ein Impfnachweis erbracht werden. „Es muss geprüft werden, ob und wie das umsetzbar wäre“, sagt Alt.

Etwa anderthalb Monate vor Semesterbeginn sind also noch viele Fragen ungeklärt. Dass viele Veranstaltungen in Präsenz stattfinden werden, halten die Unis aber offenbar für gesichert. „Ich bin neugierig auf das Semester und bin sicher, dass die Hochschulen Lösungen finden werden, um einen möglichst sicheren Lehrbetrieb zu gewährleisten“, sagt Alt.

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