Corona drängt Ausbildungswillige und junge Akademiker in die Warteschleife

  • Auch auf den Ausbildungsmarkt wirkte sich die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr aus.
  • Die Zahl der angebotenen Plätze für Auszubildende sank 2020 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 9 Prozent.
  • Für viele Berufsanfänger ist es in Corona-Zeiten schwer, einen Job zu finden – das trifft vor allem auf Akademiker zu.
Sebastian Hoff
|
Anzeige
Anzeige

Den Berufseinstieg hat sich Tobias Kubick anders vorgestellt. Vergangenen Herbst gab der Göttinger BWL-Student mit Schwerpunkt Finanzen, Rechnungswesen und Steuer seine Masterarbeit ab. Anschließend wollte er sich bewerben. Doch worauf? „Gefühlt gab es so gut wie keine Angebote. Und auf die wenigen Stellen, die ausgeschrieben waren, war der Run riesig“, berichtet er.

Sein Gefühl trügt nicht: Tatsächlich ging die Zahl offener Stellen seit Ausbruch der Corona-Pandemie stark zurück, bestätigt Beate Scherupp-Hilsberg von der Arbeitsagentur: „Das Einstellungsverhalten war deutlich verhaltener.“ Einen dramatischen Einbruch gab es vor allem während des ersten Lockdowns vor rund einem Jahr. Die folgenden Monate waren durch Wellenbewegungen geprägt – mit steigenden und sinkenden Zahlen an offenen Stellen. Über die vergangenen zwölf Monate betrachtet habe es ein Minus von rund 25 Prozent gegeben, das auf einen Corona-Effekt zurückzuführen sei, resümiert die Arbeitsagentur in einem Bericht.

Handel und Bildung besonders betroffen

Anzeige

Doch nicht alle Branchen waren gleichermaßen betroffen. „Wo es schon vor Ausbruch der Pandemie schwierig war, wurde es noch problematischer“, erklärt Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Das betrifft etwa den Kulturbetrieb, den Handel oder den Bildungsbereich. Bei technischen Berufen und in der Gesundheitsbranche blieb die Nachfrage nach Fachkräften hingegen groß. „Insbesondere der Bereich Logistik, Lager und IT hat einen unglaublichen Schub erhalten“, so Plünnecke.

Dort, wo coronabedingt die Arbeit seit Langem ruht, werden so gut wie überhaupt keine neuen Mitarbeiter mehr eingestellt, etwa in der Veranstaltungsbranche oder im Gastgewerbe. Negativ auf Stellenangebote wirkt sich zudem ein anderer Corona-Effekt aus: „Die Unternehmen konzentrieren sich aufs Bestandspersonal und versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten“, sagt Scherupp-Hilsberg. Und wer einen guten Job hat, bleibe in diesen unsicheren Zeiten seinem Arbeitgeber treu, sagt Benedict Ebneth vom Career Service Netzwerk Deutschland (CSND). Die Fluktuation auf dem Arbeitsmarkt nahm deshalb deutlich ab, die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen stieg leicht an.

Anzeige

9 Prozent weniger Auszubildende 2020

Auch auf dem Ausbildungsmarkt wirkte sich die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr aus: Die Zahl der angebotenen Plätze für Auszubildende sank 2020 im Vergleich zum Vorjahr um knapp 9 Prozent. Um fast genau denselben Prozentsatz ließ allerdings auch das Interesse junger Menschen an einer Ausbildung nach. Grund dafür können fehlende Informationsmöglichkeiten sein. Die Folge: Ende September des vergangenen Jahres waren 11,7 Prozent aller angebotenen betrieblichen Ausbildungsplätze nicht besetzt, die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge fiel auf einen historischen Tiefpunkt.

Anzeige

Während Auszubildende aber dennoch weiterhin häufig von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen werden, haben es Hochschulabsolventen besonders schwer, den Einstieg in den Beruf zu finden. Verschärfend kommt hinzu, dass sie seit Ausbruch der Pandemie kaum noch Praktika oder Nebenjobs ausüben und darüber Kontakte zu Unternehmen knüpfen können. Auch Berufsmessen, Beratungen oder Gastvorlesungen von Firmenvertretern konnten nicht mehr in gewohnter Form angeboten werden, berichtet Ebneth. Selbst Vorstellungsgespräche seien ins Internet verlagert worden, ergänzt Scherupp-Hilsberg: „Alles findet online und virtuell statt.“

Junge Akademiker haben es schwer

All das verunsichere die Studierenden, hat Ebneth beobachtet: „Ihnen fehlt eine klare Richtung, sie wissen nicht, was sie genau machen möchten und wo sie sich bewerben sollen.“ Dieser Eindruck deckt sich mit einer Studie der privaten Macromedia University. Danach fällt jungen Akademikern die berufliche Entscheidung zunehmend schwer. Die Corona-Pandemie habe die Unentschlossenheit massiv verschärft, heißt es in der Studie. Als Folge bewerben sich viele Absolventen nicht, sondern bleiben an der Uni und streben einen Masterabschluss oder eine Promotion an, sagt Ebneth.

Er sieht aber keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen: „Die Krise kann auch als Chance genutzt werden“, meint er. Wichtig sei es, den Blick zu weiten, sich nicht auf eine Branche zu beschränken und räumlich flexibel zu sein. „Der Arbeitsmarkt ist ja nicht komplett eingebrochen“, ergänzt Scherupp-Hilsberg. „Studierende benötigen aber mehr Zeit und mehr Geduld. Sie sollten über Alternativen nachdenken und Optionen prüfen, an die sie bisher noch nicht gedacht haben.“ Die Zeit der Jobsuche sollte mit Fortbildungen und dem Erwerb von Zusatzqualifikationen gefüllt werden, insbesondere im digitalen Bereich, rät Ebneth: „Das sind Softskills, die später wichtig sein werden.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen