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  • Bewerbung nach Corona: „Was haben Sie im Lockdown gemacht?“ Was gilt es zu beachten und was erwarten Arbeitgeber?

Sorgen wegen zu hoher Joberwartungen nach Corona? Experten: „Lockdown ist kein Bildungsurlaub“

  • Die Zeit zu Hause für die persönliche Weiterentwicklung nutzen – manche denken, dass so etwas von ihnen erwartet würde.
  • Aber die Corona-Pandemie ist kein Seminar zur Selbstoptimierung.
  • Und obwohl die Mehrheit der Berufs­tätigen und Arbeitssuchenden derlei Erwartungen nicht befürchten muss, ist die psychische Belastung während des Lockdowns gestiegen.
Anja Schreiber
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Die Corona-Zeit für Fortbildung und Selbstoptimierung nutzen: Diese Botschaft vermitteln einige Social-Media-Posts. Ihr Motto: „Die Krise ist eine Chance.“ Viele denken, dass so etwas erwartet wird. „Müssen“ also Berufstätige und Jobsuchende zeigen, dass sie sich im vergangenen Lockdown weiterentwickelt haben?

„Die allermeisten Personaler in den Unternehmen erwarten von Jobsuchenden nicht, dass sie sich im Lockdown weiter­qualifiziert haben“, erklärt der Kölner Karrierecoach Bernd Slaghuis. „Schließlich haben auch viele Personaler die letzten Monate im Homeoffice mit Homeschooling und Kinderbetreuung verbracht. Sie wissen, dass es für Angestellte schwierige Zeiten waren und Weiterbildungen nicht ganz oben auf der Prioritätenliste standen.“

Sie seien also in einer vergleichbaren Situation gewesen wie viele andere Berufstätige. „Deshalb werden sie auch nicht kritisch fragen, wie man die Zeit des Lockdowns genutzt hat.“ Bewerber brauchen also keine überzogenen Erwartungen zu befürchten.

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„Krisen sind keine passenden Zeiten, um sich weiterzuqualifizieren“

„Der Lockdown ist kein Bildungsurlaub. Das sollte sich jeder klarmachen“, betont die Psychologin und Unternehmens­beraterin Julia Scharnhorst aus der Nähe Hamburgs. Sie bietet in der Corona-Zeit Resilienzseminare an. „Krisen sind keine passenden Zeiten, um sich weiterzuqualifizieren.“ Aber die ausgebildete Psychotherapeutin weiß auch, dass es in der Gesellschaft einen Druck gibt, sich selbst zu optimieren.

Doch die Realität nach eineinhalb Jahren Pandemie sehe anders aus: „Es gibt nur ganz wenige Leute, die diese Zeit für sich zur Optimierung nutzen konnten, zum Beispiel Künstler, die im Lockdown kreativ wurden. Nur ein geringer Teil hat die Situation positiv wahrgenommen.“ Die meisten Menschen seien eher erstarrt und lethargisch geworden. „Die psychische Belastung hat zugenommen.“

Psychologin und Unternehmensberaterin: Julia Scharnhorst. © Quelle: privat
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Das zeigt auch der TK-Gesundheitsreport 2021. Danach fühlten sich 42 Prozent der Menschen in Deutschland im zweiten bundesweiten Lockdown im Frühjahr 2021 stark oder sehr stark von der Corona-Situation belastet. Zu Beginn der Pandemie 2020 war es nur 35 Prozent so ergangen. Die Studie belegt auch, dass sich 54 Prozent der befragten Erwerbstätigen im Homeoffice stark oder sehr stark belastet fühlten, wenn sie mindestens ein Kind im Haushalt hatten. Im Mai 2020 hatte dieser Anteil noch bei 45 Prozent gelegen.

„Wer Angst um seine Existenz hat, der hat keine Kraft, um noch Neues zu lernen“

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„Vor dem Hintergrund dieser psychischen Belastung wäre es fast zynisch, von anderen zu erwarten, dass sie aus ihrer Komfortzone heraustreten und sich selbst optimieren“, erklärt Scharnhorst. „Wer Angst um seine Existenz hat und wem obendrein noch seine Ressourcen wie Hobbys und Freizeitmöglichkeiten wegbrechen, der hat keine Kraft, um noch Neues zu lernen.“ Sie erinnert daran, dass viele ohnehin Neues lernten, wie etwa den Umgang mit Videokonferenztools. „Die meisten Menschen mussten sich aus ihrer Komfortzone bewegen und ihren Alltag umkrempeln.“

Slaghuis ergänzt: „Die vergangenen Monate waren keine ideale Zeit, um Zertifikatskurse zu absolvieren.“ Allerdings hat der Coach erlebt, dass viele seiner Klienten und Klientinnen über ihre Werte und den Sinn ihrer Arbeit reflektiert haben. „Da ihr berufliches Hamsterrad durch den Lockdown angehalten wurde, erkannten manche, dass sie ihr Job auf Dauer nicht mehr glücklich macht. So stieg in ihnen der Wunsch auf, sich beruflich umzuorientieren.“ Allerdings war die Zahl der offenen Stellen in den letzten Monaten gering und es machte wenig Sinn, sich zu bewerben. Der Karrierecoach rechnet allerdings damit, dass die Zeit, die Umorientierung umzusetzen, noch kommt, da die Zahl der Stellenausschreibungen aktuell bereits steigt und im Herbst weiter steigen wird.

Der Karrierecoach Bernd Slaghuis glaubt, dass die Zeit der Umorientierung noch kommen wird. © Quelle: Armin Zedler

Auch nach Ende des Lockdowns ist die Phase der Veränderung noch nicht vorbei: „Inzwischen kommen die Berufstätigen wieder zurück in die Büros. Doch auch das ist stressig. Nach so vielen Monaten im Homeoffice fühlen sich manche unter vielen Menschen unwohl oder sie erleben die Nähe anderer als bedrohlich“, berichtet Scharnhorst. „Noch müssen die Menschen die Umstellung verkraften. Außerdem gibt es da noch die Angst vor der vierten Welle. Wir sind immer noch in einer kollektiven Krise.“ Vor diesem Hintergrund empfiehlt sie Berufstätigen, ihre Erwartungshaltung zu reflektieren und zu minimieren: „Man sollte sich jetzt nicht unter Druck setzen und zu hohe Erwartungen an seine eigene Leistungsfähigkeit haben.“ Stattdessen sollte man sich lieber die Erlaubnis geben, ineffizient zu sein.

„Die letzten Monate stecken uns noch allen in den Knochen“

Auch Führungskräften empfiehlt Scharnhorst diesen Realismus: „Gönnen Sie Ihren Mitarbeitern und sich selbst eine Schonzeit!“ Außerdem sollten sie ihre Teammitglieder fragen, wie sie diese unterstützen können. „Was auch hilft, ist, offen im Team über die Umstellung und seine Schwierigkeiten zu sprechen.“

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Slaghuis’ Tipp für den restlichen Sommer: Selbstfürsorge betreiben statt beruflichen Aktivismus an den Tag legen und etwa Selbstoptimierung zu betreiben. „Aktuell ist der richtige Zeitpunkt, um durchzuschnaufen und Kraft zu tanken. Die letzten Monate stecken uns noch allen in den Knochen.“

Passend antworten im Bewerbungsgespräch

„Was haben Sie im Lockdown gemacht?“ Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Frage im Jobinterview gestellt wird, ist nicht sehr hoch. Wenn sie aber doch kommt, hat Slaghuis ein paar Tipps:

  • Seien Sie authentisch und ehrlich. Wenn Sie Ihre Kinder in Zeiten des Lockdowns betreut haben, berichten Sie darüber.
  • Fühlen Sie sich nicht unter Rechtfertigungsdruck, wenn Sie die Pandemiezeit nicht zur Selbstoptimierung genutzt haben.
  • Sehen Sie die Frage „Was haben Sie gemacht?“ nicht als Angriff. Unterstellen Sie Ihrem Gegenüber nicht eine bestimmte Erwartung.
  • Falls Ihr Gegenüber doch eine hohe Erwartungshaltung an Sie hat, bleiben Sie selbstbewusst. Sollte die Bewerbung scheitern, fragen sie sich, ob Sie wirklich bei einem Arbeitgeber anfangen wollen, der derartige Erwartungen an seine Mitarbeiter hat.
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