Beruf Tatortreiniger: Arbeitsalltag zwischen Blut und Desinfektionsmittel

  • Beim NDR hat es der Tatortreiniger zu einer eigenen Serie geschafft: Bjarne Mädel spielt in der etwas schrägen Kult-Serie den Mann fürs Grobe.
  • Christian Höhne spielt keinen Tatortreiniger – er ist einer.
  • Hier spricht er über seinen Alltag mit viel Blut und wenig Mord.
Isabella Hafner
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Polizist, Arzt, Pilot - bei solchen Berufen hat man ein klares Bild vor Augen, wie der Arbeitsalltag aussieht. Aber wie sieht es beim Tatortreiniger aus? Muss man täglich literweise Blut von Mordschauplätzen entfernen? Und wie viel hat die Darstellung der NDR-Serie „Der Tatortreiniger“ mit dem wahren Leben zu tun? Wir haben mit Tatortreiniger Christian Höhne über genau solche Fragen gesprochen.

Herr Höhne, kommen Sie gerade vom Tatort-Saubermachen?

Nein, vom Desinfizieren. Hoch-Zeiten für Tatort- oder Leichenfundort-Reinigungen sind Winter und Sommer. Im Sommer haben wir häufig ältere Leute, die mit der Hitze nicht klar kommen. Im Winter wiederum haben wir es oft mit Selbstmorden zu tun. Richtige Tatorte dagegen kommen seltener vor.

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Der Tatort wie man ihn im Fernsehen sieht, an dem das Blut bis an die Decke gespritzt ist, gehört also nicht zum Tagesgeschäft?

Nein, zum Glück nicht! Wir sind in Deutschland und Deutschland ist doch ein ziemlich sicheres Land.

Eigentlich müsste man den Beruf, Leichenfundort-Reiniger nennen. Wir haben es zu 90 Prozent mit natürlichem Tod ohne Fremdeinwirkungen zu tun. Aber Blut haben wir immer.

Sehen Sie die Leiche noch, wenn Sie eintreffen?

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Dann ist sie schon weg. Erst kommt die Polizei, die den Tatort untersucht, dann der Bestatter. Bei einem Verbrechen sehen wir auch noch überall Klebezettelchen am Tatort mit Zentimetermaßen. So rekonstruiert die Polizei unter anderem, wie hoch das Blut gespritzt ist und wo die Pistole, das Messer etc. angesetzt worden ist. Aber manchmal sehen wir noch Teile von Zähnen oder auch mal ein Organ, kommt drauf an, wie gründlich der Bestatter arbeitet.

Denken Sie während des Saubermachens darüber nach, wie sich alles abgespielt haben könnte? Wie Bjarne Mädel alias „Schotty“ in der NDR-Kult-Serie „Der Tatortreiniger“?

Ja, mein Assistent und ich unterhalten uns darüber. Wo könnte alles angefangen haben? Wo ist er zum Beispiel aufs Grundstück gelaufen? Warum ist Blut an der Jalousie, hat das Opfer noch versucht, sie herunter zu ziehen, damit der Mörder nicht rein kommt…

Wenn Blut an der Decke ist, wie bei einem dramatischen Fall am Anfang meiner Karriere, an den ich mich noch gut erinnere, dann weiß man, mit welcher Wucht und Emotionalität der Mann zugestochen haben muss. Aus Eifersucht. Schon heftig. Die haben sich im Suff gestritten und voneinander getrennt. Das hat der eine weniger akzeptiert als der andere. Dann hat der Mann die Frau mit 36 Messerstichen niedergestochen.

Und das vor den Kindern. Das hat mich in dem Moment schon getroffen und auch belastet. Man schaut durch die offenen Türen in die Kinderzimmer und kann erahnen, wie jung sie noch gewesen sind. Wie wir im Nachgang erfahren haben, ist der Mann heute, nach einem Sprung aus dem vierten Stock, querschnittsgelähmt. Die Frau hat auch überlebt. Das Messer ist nicht tief genug eingedrungen, um Organe zu verletzen. Das war ihr Glück im Unglück.

Beschäftigt sie so etwas auch Jahre später noch?

Vor Ort wird man natürlich mit der Situation total konfrontiert. Wenn man zum Beispiel die Familienfotos im Flur hängen sieht. Aber ich habe so einen Automatismus in mir drin: Bin ich vom Tatort weg, ist der Tatort für mich erledigt. Mein Assistent hat dagegen schon mal Probleme damit, wenn er sieht, dass es eine ältere Person war, die alleine gestorben ist - gerade wenn wir Dokumentensuche betreiben und mitbekommen, dass es mal Lehrer waren oder Erzieher. Er versteht nicht, dass sich diese Leute vierzig Jahre lang um tausende Menschen gekümmert haben und dann alleine sterben.

Christian Höhne ist selbstständiger Desinfektor in Süddeutschland. Dazu ist eine mehrwöchige Ausbildung mit Iso-Zertifizierung notwendig. Tatortreiniger ist kein geschützter Beruf. © Quelle: privat

Manche Biografien enden anders, als es ihr volles Leben hätte vermuten lassen.

Ein Mann, der sich mit einem Jagdgewehr in den Kopf geschossen hat: Da hat mir der Sohn danach erzählt, sein Vater habe das bereits vorher angekündigt. Wie krass ist das denn? Er meinte, sein Vater hatte früher eine Firma, der war immer ein Macher. Dann ist er alt geworden, hat sich die Knochen gebrochen und wurde über Medikamente lahm gelegt, damit das alles verheilen kann. Da hat er dann rapide abgebaut und festgestellt: Das bin nicht mehr ich. Ich kann nicht mehr alleine stehen, nicht mehr für mich alleine einstehen. Ich mache Schluss.

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Oder vor knapp eineinhalb Jahren, da war ein Ehepaar mit über 70. Das versuchte seit Jahren eine Wohnung im Erdgeschoss zu bekommen, erzählten mir die Hinterbliebenen. Leider fanden sie keine. Der Mann hatte einen Rollator, somit musste seine Frau immer alles schleppen. Es habe ihn fertiggemacht, dass er seiner Frau nicht helfen konnte. Er hat sich morgens auf den Balkon in die Sonne gesetzt und abgedrückt.

Sie haben von Dokumentensuche gesprochen. Was versteht man darunter?

Dokumentensuche ist eine Zusatzdienstleistung, wenn es zum Beispiel keine Angehörigen gibt und der Vermieter noch an Unterlagen muss. Etwa weil das Gericht noch wegen des Nachlasses etwas braucht: Ausweis, Bankunterlagen, Nachlassschreiben…

Da bringt man Ihnen schon viel Vertrauen entgegen.

Ja, allerdings.

Ist der Job für Sie gefährlich, zum Beispiel für die Gesundheit?

Der Job ist definitiv gefährlich! Es besteht jederzeit die Gefahr, sich mit fremden Blut, Fäkalien oder auch Viren zu kontaminieren oder sich zu infizieren. Auch darf man die seelische Belastung und die Gedächtniseindrücke vor Ort nicht unterschätzen. Aber wir sind schon gut geschützt, tragen Chemie-Schutzhandschuhe, darunter nochmal Handschuhe, einen Vollschutzanzug, manchmal spezielle Schuhe oder Überzieher, Atemschutz… Und wenn wir all das ausziehen, desinfizieren wir uns nochmal die Hände und Arme. Dann gehen wir Mittagessen.

Und das schmeckt dann noch?

Ja, doch (lacht).

Ich muss sagen: Ich habe mit den Hinterlassenschaften des Menschen - mit Blut, Körperfett und seinen verflüssigten Organen - überhaupt keine Probleme. Anders ist das, wenn wir sehr viele Fäkalien haben. Ich hatte mal einen Leichenfundort, dort hat die verstorbene zwei große Hunde hinterlassen. Die haben wohl über mehrere Wochen die ganze Wohnung voll gemacht. Wir mussten etwa 30 Quadratmeter richtig platt- und festgetretene Scheiße vom Boden wegbekommen.

Das muss ja furchtbar gestunken haben.

Aber auch wenn eine Leiche länger liegt - das riechen doch Nachbarn. Es gibt Leichenfundorte, die stinken bestialisch und welche, die gar nicht stinken. Das hat auch mit der Jahreszeit zu tun, wie lange die Leiche lag oder mit dem Lebensstil der verstorbenen Person. Die längste Liegezeit, die wir hatten, war sechs Monate. Da habe ich im Zuge der Leichenfundortreinigung und Geruchsneutralisation aber auch die halbe Wohnung auseinandernehmen müssen. Der Mann war durch die Sonne und seine Liegeposition so in den Holzboden gebrannt, sodass wir seine Umrisse, nachdem er abgeholt worden war, noch genau sehen konnten. Somit musste der Holzboden entfernt werden. Genau deswegen müssen wir auch in jedem Gewerk etwas draufhaben: Fliesen entfernen, Boden, Tapeten, Putz runterholen, Beton entfernen und vieles mehr.

Das klingt doch sehr abwechslungsreich.

Auf jeden Fall. Morgen bin ich in einem Gefängnis zur Reinigung.

Schauen Sie überhaupt noch Krimis?

Ich mag grundsätzlich keine Krimis. Auch keine Horrorfilme.

Kann man sich gar nicht vorstellen.

Ich hätte mir vor einigen Jahren auch nicht vorstellen können, dass ich mal diesen Job machen werde.

Sie haben also nicht schon als Kind in Ihr Poesiealbum geschrieben, „Berufswunsch: Tatortreiniger“?

Nein! Ich wusste vor einigen Jahren noch gar nicht, dass es sowas gibt. Ich war Filialleiter einer Vodafone-Filiale. Aber der Mobilfunk-Handel ist immer weiter ins Internet abgewandert. Es ging dann irgendwann an mein Gehalt. Also habe ich mich mal umgeschaut. Ein Bekannter, der Tatortreiniger war, hat mich dann mal mitgenommen. Da wusste ich noch nicht, dass es um einen Leichenfundort geht. Da hieß es nur: Wir machen eine Spezialreinigung. Dann stand ich plötzlich an meinem ersten Leichenfundort. Bald wurde es zu meinem Traumberuf!

Und jetzt verdienen Sie gut in Ihrem neuen Job?

(Lacht) Ich will mich mal nicht beschweren…

Aber ich muss sagen: Vor ein paar Jahren war es mehr. Wir haben sehr viel Konkurrenz bekommen! Heutzutage kann ja jeder nach einem eintägigen Tatort-Reiniger-Crashkurs Tatortreiniger sein. In meinen Augen eine Katastrophe, wenn man mal überlegt, womit wir es zu tun haben.

“Staat, Sex, Amen”
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