Ausgenutzt statt ausgebildet? Werkstätten für Menschen mit Behinderung wehren sich gegen Kritik

  • Bundesweit arbeiten rund 310.000 Menschen mit Behinderung in einer speziellen Werkstatt.
  • Die Einrichtungen sichern für einen Großteil der dort Beschäftigten wertvolle soziale Kontakte und wichtige Lebensinhalte.
  • Trotzdem sind die Werkstätten in der Kritik – warum eigentlich? RND-Autorin Katrin Schreiter hat nachgefragt.
Katrin Schreiter
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Hannover. In Deutschland sind rund 310.000 Menschen mit Behinderung in speziellen Werkstätten beschäftigt. Sie stellen Produkte für die Wirtschaft her, arbeiten als Gärtner, Köche oder in Wäschereien. Doch die Einrichtungen stehen zunehmend in der Kritik.

Fehlt der Anreiz?

Kritik kommt zum Beispiel von Job inklusive, einem Projekt des Berliner Vereins Sozialhelden. „Unser Ziel ist es, dass möglichst viele Menschen mit Behinderung eine echte Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen“, sagt Silke Georgi, Projektleiterin bei Job inklusive.

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„Es ist der gesetzliche Auftrag der Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Beschäftigte in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu vermitteln“, sagt die Rechtswissenschaftlerin. „Doch das gelingt seit vielen Jahren nur bei weniger als einem Prozent der Werkstattbeschäftigten.“ Georgi fordert, dass die Einrichtungen ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Vor allem die Alternativen, die sich zum Beispiel durch das sogenannte Budget für Arbeit ergeben – eine gesetzliche Eingliederungshilfe zur Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung – müssten viel mehr genutzt werden.

„Hier fehlt einfach der Anreiz für die Werkstätten“, sagt Job-inklusive-Projektleiterin Georgi und erklärt: „Die Einrichtungen bekommen Aufträge aus allen Branchen der Wirtschaft und von der öffentlichen Hand. Da sie professionell und wirtschaftlich arbeiten müssen, wollen sie natürlich ihre leistungsstarken Beschäftigten nicht gehen lassen.“

Weniger als Mindestlohn

Die meisten Auftraggeber wüssten gar nicht, dass den Beschäftigten mit Behinderung nicht einmal Mindestlohn gezahlt werde. „180 bis 230 Euro pro Monat – das ist viel zu wenig.“ Werkstattbefürworter würden argumentieren, dass es sich um eine sinnvolle Tagesbeschäftigung handele und es wichtige soziale Kontakte gebe. „Das ist doch aber kein Ersatz für eine faire Bezahlung.“

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Georgi verweist auf den Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention. Er beschreibt das Recht behinderter Menschen auf Arbeit auf der Grundlage der Gleichberechtigung mit anderen. Das schließt die Möglichkeit ein, den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen, die frei gewählt oder frei angenommen wird. „Die alternativlose Arbeit in den Behindertenwerkstätten steht im Widerspruch zu dem damit garantierten Recht. Denn sie ist meist nicht frei gewählt und die Beschäftigten können ihren Lebensunterhalt damit nicht bestreiten. Sie sind auf staatliche Unterstützung angewiesen.“

Die Job-inklusive-Projektleiterin betont, dass es nicht darum gehe, alle Werkstätten von heute auf morgen zu schließen. „Doch der Ort, der als berufliche Rehabilitation vorgesehen ist, darf nicht zur Einbahnstraße werden“, kritisiert Georgi, die sich eine Instanz wünscht, die die Werkstätten regelmäßig überprüft. Von der Politik fordert sie, die bürokratischen Hürden abzubauen. „Ich kenne zahlreiche Unternehmen, die Menschen mit Behinderung gerne einstellen würden – aber es ist derzeit sehr umständlich.“

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System nicht vergleichbar

Martin Berg, Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM), weist die Kritik zurück. Zum Thema Bezahlung sagt er: „Es soll natürlich so sein: Wenn jemand arbeitet, dann soll er oder sie dafür auch einen auskömmlichen Lohn erhalten.“ Allerdings sei ein Vergleich zwischen Werkstattbeschäftigten und Arbeitnehmern aus dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht zielführend. Man müsse die Komplexität des Systems verstehen und dürfe das Bild nicht verzerren.

„Das, was die Beschäftigten erwirtschaften, bekommen sie unmittelbar oder mittelbar ausbezahlt“, erklärt Berg. Werkstätten würden aber nicht dem Mindestlohngesetz unterliegen, weil deren Beschäftigte keine Arbeitnehmer seien. Das Arbeitsentgelt „besteht aus einem Grundbetrag in Höhe eines Ausbildungsgeldes, das die Bundesagentur für Arbeit leistet, und einem leistungsangemessenem Steigerungsbetrag. Hinzu kommt ein öffentlich finanziertes Arbeitsförderungsgeld.“

Individuelle Betreuung

Mit einem „normalen“ Vollzeit-Arbeitsplatz könne man die Beschäftigung in den Werkstätten nicht direkt vergleichen, denn bei einer Werkstatt stehe nicht die reine Erwerbsarbeit im Vordergrund, unterstreicht Berg. Eine Werkstatt biete außerdem pflegerische Unterstützung, Ergo- und Physiotherapie, Logopädie sowie Angebote aus dem Sport- und Kulturbereich – auch während der Arbeitszeit. „Zusätzlich erhalten Menschen mit Behinderung, die neben dem Werkstattentgelt kein anderes Einkommen haben, staatliche Hilfe zum Lebensunterhalt, zum Beispiel Zuschüsse zu Mietzahlungen, Erwerbsminderungsrente und Grundsicherung.“

Nichtsdestotrotz sieht die BAG WfbM beim Arbeitsentgelt Handlungsbedarf. „Wir setzen uns für eine Reformierung des Entgeltsystems ein, bei der gewissenhaft und umsichtig gehandelt sowie mit den Werkstattbeschäftigten gesprochen wird – und nicht über sie“, sagt Berg. Er weist darauf hin, dass die Bundesregierung mehrfach betont habe, dass Werkstätten in Deutschland mit der UN-Behindertenrechtskonvention vereinbar seien. „Denn sie hindern niemanden daran, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten und sie sind für die Menschen mit Behinderung ein freiwilliges Angebot.“

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Mensch im Fokus

Zum Thema Durchlässigkeit zum ersten Arbeitsmarkt sagt Vorstandsvorsitzender Berg: Der allgemeine Arbeitsmarkt in seiner jetzigen Form sei nicht in der Lage, alle Menschen mit Behinderungen aufzunehmen. Deshalb „sind Werkstätten weiterhin notwendig, um Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen“.

Das sei auch eine Frage der Einordnung: „In der Werkstatt steht der Mensch im Fokus und weniger seine Arbeitsleistung“, argumentiert Berg. „Die Arbeitsprozesse werden hier an den Menschen und seine Bedürfnisse angepasst.“ Dabei würden die Beschäftigten von einer Fachkraft begleitet, sie könnten aus diversen Arbeitsangeboten das passende Angebot finden, sich vielfältig ausprobieren und unterschiedliche Qualifizierungen zu erhalten.

Über Außenarbeitsplätze in den Unternehmen würden Menschen mit Behinderung und Unternehmen an eine Beschäftigung herangeführt. „Die Werkstatt nimmt hier sozusagen die Funktion eines Brückenbauers ein. Dabei ist immer viel Engagement von allen Beteiligten gefordert, und oft brauchen diese Prozesse auch ihre Zeit, bis ein Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt möglich ist“, sagt Vorstandsvorsitzender Berg, der sich mehr Offenheit vonseiten der Unternehmen wünscht. In vielen Unternehmen seien Mitarbeitende mit Behinderung immer noch etwas Besonderes.

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Werkstätten für behinderte Menschen

Werkstätten für behinderte Menschen bieten Menschen, die aufgrund der Art oder Schwere ihrer Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können, Teilhabe am Arbeitsleben. In Deutschland gibt es rund 700 Hauptwerkstätten mit mehr als 2850 Standorten, an denen mehr als 310.000 Menschen mit Behinderung beschäftigt sind.

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