Arbeitsschutz: Unternehmen müssen Gefahren für Mitarbeiter minimieren

  • Im Vergleich zum Jahr 1960, als drei Millionen Betriebsunfälle gemeldet wurden, hat sich deren Zahl gewaltig verringert.
  • Aber immer noch kommen pro Jahr rund eine Million Menschen am Arbeitsplatz zu Schaden.
  • 35 Prozent aller Arbeitsunfälle gehen dabei auf Stolpern, Rutschen oder Stürzen zurück.
Sebastian Hoff
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Knapp eine Million Arbeitsunfälle wurden 2019 gemeldet – von der leicht zu behandelnden Schnittwunde bis zur lebensbedrohlichen Verletzung. 626 Unfälle endeten tödlich. Die Zahlen klingen erschreckend, sind im Vergleich zu früher aber gering. „1960 wurden noch fast drei Millionen Arbeitsunfälle gezählt – und das bei einer deutlich geringeren Anzahl an Beschäftigten“, sagt Jörg Feldmann, Sprecher der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Verbesserungen brachten viele gesetzliche Regelungen. Hier ein Überblick:

Welche Gefahren bestehen am Arbeitsplatz?

Rund 35 Prozent aller Arbeitsunfälle gehen aufs Stolpern, Rutschen oder Stürzen zurück, berichtet Anette Wahl-Wachendorf, ärztliche Direktorin des arbeitsmedizinischen Dienstes der BG Bau. Oft werden zum Beispiel Werkzeuge falsch bedient oder Schutzeinrichtungen an Maschinen deaktiviert. Lärm, Staub oder Strahlungen sind ebenfalls verbreitete Gefährdungen, erklärt Feldmann: „Außerdem haben psychische Belastungen aufgrund von Veränderungen in der Arbeitswelt in den vergangenen Jahren stark zugenommen.“

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Welche Ziele verfolgt der betriebliche Arbeitsschutz?

„Arbeitgeber stehen in der Pflicht, Gefahr für Leib und Leben ihrer Beschäftigten abzuwenden“, sagt Wahl-Wachendorf. Sie müssen diese vor Unfällen und arbeitsbedingten Gefahren schützen, ihre Gesundheit fördern und ihre Arbeitsplätze menschengerecht gestalten. Arbeitgeber besäßen grundsätzlich ein Interesse an der körperlichen und psychischen Unversehrtheit der Arbeitnehmer, ergänzt Feldmann. Das treffe auch auf die gesetzlichen Unfallversicherungen zu.

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Wie sind die gesetzlichen Regelungen?

„Rechtsgrundlage ist das Arbeitsschutzgesetz“, erklärt Wahl-Wachendorf. Außerdem gelten eine Reihe von weiteren Bestimmungen wie die Arbeitsstättenverordnung oder die Gefahrstoffverordnung. Zusätzlich finden etwa das Jugendarbeitsschutzgesetz oder das Heimarbeitsgesetz Anwendung. Feldmann weist darauf hin, dass der Arbeitsschutz sich am EU-Recht orientiere, um gleiche Wettbewerbsbedingungen auf dem europäischen Markt zu gewährleisten.

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Wie erfolgt die Umsetzung?

Herzstück ist laut Wahl-Wachendorf die Gefährdungsbeurteilung, „also die Ermittlung und Bewertung aller möglichen Gesundheitsgefährdungen an allen Arbeitsplätzen eines Betriebes“. Die Betriebe werden Gefährdungsklassen zugeordnet. Anschließend müssen Schutzziele definiert und Schutzmaßnahmen umgesetzt werden, erläutert Feldmann. So kann eine Schutzausrüstung erforderlich sein oder muss ein Schallschutz eingebaut werden. Die Maßnahmen müssen fortwährend auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und angepasst werden.

Pflicht des Arbeitgebers ist es zudem, erste Hilfe zu organisieren sowie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter regelmäßig hinsichtlich des Arbeitsschutzes zu unterweisen – und zwar während der Arbeitszeit, betont Wahl-Wachendorf. In einer aktuellen Erhebung der Dekra erklärten allerdings nur 75 Prozent der Befragten, dass ihnen die Sicherheitsregeln vollständig bekannt seien. Lediglich 59 Prozent erhielten regelmäßig Schulungen.

Welche Personen und Organe sind beteiligt?

Alle Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten müssen einen Arbeitsschutzausschuss (ASA) einrichten. Darin vertreten sind unter anderem der Betriebs- oder Personalrat sowie die Sicherheitsbeauftragten, die auf die Umsetzung des Arbeitsschutzes vor Ort achten. Schlüsselpositionen kommen der Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Betriebsärztin beziehungsweise dem Betriebsarzt zu. Sie können angestellt sein oder als Dienstleister arbeiten, haben eine beratende sowie unterstützende Funktion und nehmen selbst Aufgaben bei der Umsetzung von Arbeitsschutzmaßnahmen wahr.

Wer kontrolliert den betrieblichen Gesundheitsschutz?

Eine wesentliche Rolle spielten die Präventionsdienste der Unfallversicherungsträger, erklärt Wahl-Wachendorf. „Durchführung und Überwachung des staatlichen Arbeitsschutzes ist Aufgabe der Bundesländer, zuständig sind je nach Bundesland die Gewerbeaufsichtsämter, Ämter für Arbeitsschutz oder die Bezirksregierungen“, führt sie weiter aus. Diese dürfen unter anderem den Betrieb jederzeit betreten und besichtigen, Auskünfte verlangen, Unterlagen einsehen, Messungen durchführen und Proben nehmen.

Laut Feldmann funktioniert der Arbeitsschutz in großen Betrieben meist besser als in kleinen. Dem Dekra-Bericht zufolge werden Sicherheitsregeln und -vorschriften nur an etwa der Hälfte aller Arbeitsplätze stets eingehalten. Das kann dem Arbeitgeber teuer zu stehen kommen – vor allem wenn Beschäftigte Schaden nehmen. Dann drohen empfindliche Strafen.

Was hat sich durch die Corona-Pandemie verändert?

Seit August 2020 gilt zusätzlich die Corona-Arbeitsschutzregel. Darin enthalten sind unter anderem Bestimmungen zu den Themen Hygiene und Abstände, psychische Belastungen und Unterweisungen. Unternehmen sind verpflichtet, technische Schutzmaßnahmen umzusetzen – etwa für eine ausreichende Lüftung zu sorgen oder Abtrennungen einzubauen. Außerdem sollen organisatorische Maßnahmen getroffen werden, die etwa die Arbeitszeitgestaltung betreffen. Desinfektions- und Reinigungsmittel müssen ausreichend zur Verfügung gestellt werden. Auch im Homeoffice müssen Arbeitsplätze ergonomisch gestaltet sowie der Zugang zu betrieblicher Kommunikation und Information gewährleistet sein.

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