Sekundär­traumatisierung: Wenn der Job krank macht

  • Wer in seinem Beruf traumatisiert wird, muss keine direkte Gewalt erlebt haben.
  • Auch Berufstätige, die nur indirekt mit dem Thema Gewalt konfrontiert sind, können betroffen sein.
  • Beschäftigte in therapeutischen und sozialen Berufen sind häufig Opfer einer Sekundärtraumatisierung.
Anja Schreiber
|
Anzeige
Anzeige

Traumatisiert durch den Job: Das passiert nicht nur Menschen, die direkt Gewalt erlebt haben, sondern auch Berufstätigen, die nur indirekt mit ihr konfrontiert sind. So etwa bei Beschäftigten in therapeutischen und sozialen Berufen. In solchen Fällen spricht man von einer Sekundär­traumatisierung.

Indirekte Traumatisierungen im Beruf entstehen zum Beispiel, wenn jemand Zeuge eines verstörenden Ereignisses wird, ohne davon selbst betroffen zu sein. Das kann etwa bei Einsatzkräften der Feuerwehr oder der Rettungs­dienste der Fall sein. Ein Berufstätiger muss dabei nicht einmal körperlich anwesend sein. „Besonders in Hilfeberufen – so in der Sozialarbeit, in therapeutischen Berufen oder im Coaching – sind Sekundär­traumatisierungen möglich“, erklärt Kathrin Contzen, Traumacoachin aus Hamburg.

Therapeutisches Personal: „Diese Berufs­gruppen hören viel Schlimmes“

Anzeige

Denn in Beratungs­gesprächen und Therapie­sitzungen kann das therapeutische Personal mit den traumatischen Erlebnissen seiner Klienten und Patienten konfrontiert werden. „Diese Berufsgruppen hören viel Schlimmes.“ Das kann auf Mitarbeiter von Jugendämtern zutreffen, die mit Kindes­wohl­gefährdung konfrontiert sind oder auf Pflegekräfte in Altersheimen, die vom Schicksal der Bewohner hören. Auch eine Sozialarbeiterin, die viele Geschichten von Flucht und Vertreibung erfährt, kann darauf mit starken Belastungs­symptomen reagieren.

Auch Contzen selbst hat schon Erzählungen in ihren Coachings gehört, die sie sehr stark belasteten: „Das waren zum Beispiel Fälle von organisierter Gewalt. Es ist unvorstellbar, was Menschen anderen Menschen antun.“

Wer empathisch ist, ist besonders gefährdet

Ob es zu einem Trauma kommt, liegt an verschiedenen Faktoren: „Es ist entscheidend, wie häufig und intensiv Menschen aus diesen Berufs­gruppen mit traumatisierten Menschen zu tun haben“, erklärt Contzen. „Besonders gefährdet für eine sekundäre Traumatisierung sind Beschäftigte, die überaus empathisch sind und sich schwer vom Schicksal jener Menschen abgrenzen können, die sie professionell beraten und begleiten.“

Anzeige

Wenn die Berufstätigen dann noch emotional geschwächt seien, weil sie zum Beispiel selbst Leid- oder Trauma­erfahrungen haben, könnten sie durch den Umgang mit Traumatisierten getriggert werden. „Die Symptome einer sekundären Traumatisierung können mit denen der posttraumatischen Belastungsstörung – der sogenannten PTBS – identisch sein“, berichtet Contzen.

Kathrin Contzen, Traumacoachin aus Hamburg. © Quelle: Kathrin Contzen
Anzeige

Herzrasen und Schwitzen

Prof. Dr. Christian Albus, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitäts­klinikum Köln, beschreibt den Verlauf einer Traumatisierung so: „Nach einer traumatischen Erfahrung kann es erst einmal zu einer akuten Belastungs­reaktion kommen.“ Sie ist eine unmittelbare Reaktion des Betroffenen auf das Ereignis. In dieser Akutphase können Reak­tionen wie etwa Herzrasen und Schwitzen auftreten – aber auch ausgeprägte Gefühls­schwankungen, die von Trauer über Wut bis hin zu Teilnahms­losigkeit reichen. Treten Symptome verzögert auf, kann es sich um eine post­trauma­tische Belastungs­störung handeln. Zu deren Symptomen gehören etwa Flashbacks – also Erinnerungen an das traumatische Erlebnis –, Angst, Unruhe, Schlaf­störungen und Depressionen.

„Extreme Belastungen im Beruf müssen nicht unbedingt zu einer Traumatisierung führen“, erklärt Albus. „So war bisher während der Corona-Krise unser Personal an der Uniklinik Köln zwar sehr hoher Arbeits­belastung ausgesetzt und musste mit hoher Sterblichkeit und Ansteckungs­gefahr umgehen. Die internationalen Studien zeigen auch eine Zunahme psychischer Belastung bei Kranken­haus­personal, allerdings haben bislang nur wenige Beschäftigte unsere extra in der Pandemie eingerichteten psycho­sozialen Angebote aufgesucht.“

Anzeige

Gute Ausbildung hilft

Auch Dr. Frank Conrads, Schleswig-Holsteins Notfall- und Feuerwehrseel­sorger, berichtet: „Zwar erleben Feuerwehr­leute oft starke emotionale Belastungen, aber nur bei relativ wenigen führt das zu Trauma­tisierungen.“ Dass es vergleichs­weise wenige Traumatisierte gibt, führt Conrads auch auf die gute Ausbildung der Feuerwehr­leute zurück. So sensibilisieren präventive Aus- und Fort­bildungen die Einsatzkräfte, auf Belastungs­symptome wie Konzen­trations- oder Schlaf­störungen zu achten. Zugleich vermitteln sie auch Bewältigungs­strategien.

Daneben bietet die Feuerwehr­seelsorge auch Einsatz-Nach­sorge­gespräche an. So haben belastete Personen die Möglichkeit, direkt nach dem Vorfall mit einer psychosozialen Fachkraft als Gruppe oder in Einzel­gesprächen zu reden. Bei Bedarf werden weitere thera­peutische Angebote vermittelt.

Auch für Beschäftigte in Hilfeberufen gibt es Bewältigungs­strategien wie zum Beispiel Supervision. Contzen: „Dort können sie über die Fälle sprechen und von den eigenen Empfindungen berichten. So fühlen sie sich mit ihren Themen nicht mehr so allein.“ Visuali­sierungen helfen ebenfalls: „Man stellt sich zum Beispiel einen virtuellen Schutzanzug vor, den man vor Gesprächen anzieht und durch den nichts hin­durch­dringt.“

Die Gründe, warum Fachkräfte in Kliniken – aber auch Einsatzkräfte wie etwa Feuerwehrleute – auch bei extremer Belastung nicht notwendigerweise traumatisiert werden, sieht Albus in ihrer Professio­nalität: „Gegen Traumatisierung schützt sie unter anderem ein starkes Gefühl der Sinn­haftig­keit ihrer Tätigkeit, aber auch ihre Selbst­wirksamkeit im Beruf.“ Ein gutes Team und Wert­schätzung vom Arbeitgeber helfen ebenfalls, eine Belastungs­situation besser zu überstehen, erklärt der Mediziner.

Selbsthilfe­tipps bei extremer Belastung

Was können Berufstätige selbst tun, wenn sie durch ihre Arbeit psychisch stark belastet sind? Der Feuerwehr­pastor Dr. Frank Conrads empfiehlt dafür die sogenannten sieben Sachen des „A7-Konzepts“ für die Psychosoziale Notfall­versorgung von Einsatz­kräften:

  • Bewegen Sie sich mehr als sonst. Gehen Sie zum Beispiel spazieren, fahren Sie Rad oder joggen Sie.
  • Bleiben Sie nüchtern. Meiden Sie Alkohol und Drogen. Gönnen Sie sich stattdessen etwas Schönes wie etwa ein großes Eis oder einen Kinobesuch.
  • Suchen Sie einen ruhigen Ort auf, an dem Sie sich sicher und wohl fühlen wie zum Beispiel Ihren Hobbyraum oder Ihren Lieblingsplatz in der Natur.
  • Führen Sie etwas zu Ende! Reparieren Sie zum Beispiel etwas oder räumen Sie Ihren Keller auf.
  • Treffen Sie sich mit anderen Menschen. Gehen Sie zum Beispiel mit ihnen essen.
  • Planen Sie etwas, worauf Sie sich freuen. Das kann beispielsweise ein Ausflug oder der nächste Urlaub sein.
  • Wenn die Belastung und der Stress nicht weniger werden, sollten Sie sich Unterstützung holen. Spätestens, wenn es Ihnen vier Wochen nach dem Ereignis noch nicht gut geht, ist professionelle Hilfe notwendig.
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen