Stadt, Land, Schluss? Wie der ländliche Raum belebt werden soll

  • Die Geschäfte schließen, die jungen Leute ziehen weg: Immer mehr Dörfer und Kleinstädte drohen zu veröden.
  • Doch vielerorts wird erfolgreich gegengesteuert.
  • Experten zufolge ist für die Attraktivität von Dörfern und Kleinstädten unter anderem der Erhalt des baukulturellen Erbes und die Digitalisierung essenziell.
Sebastian Hoff
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Erst meldet der größte Arbeitgeber Konkurs an, dann ziehen vor allem junge Menschen fort, später schließen die Geschäfte. So sieht eine typische Abwärtsspirale in vielen ländlichen Regionen aus. Das hat Auswirkungen auf die gebaute Umwelt: Immer mehr Gebäude stehen leer, einige verfallen, die Infrastruktur unter anderem mit Schulen und Arztpraxen dünnt aus, der Wert der Häuser sinkt ins Bodenlose.

„Der ländliche Raum blutet schon, dort sind starke Schrumpfungs­prozesse zu beobachten“, sagt Ines Senftleben, Architektin für Stadtplanung in Sachsen. In zahlreichen Orten sei der sogenannte Donut-Effekt zu beobachten, ergänzt Ralf Wolkenhauer, Leiter der Unterabteilung ländliche Entwicklung im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL): „In den Ortskernen herrscht Leerstand, außenrum wohnen die Menschen.“ Geschäfte entstehen oft auf der grünen Wiese.

Trend zur Suburbanisierung rund um Schwarmstädte zu beobachten

Der Strukturwandel habe bereits vor Jahrzehnten eingesetzt, vor allem in Regionen, die durch Forst- und Landwirtschaft geprägt waren, erläutert Bernd Hawel von der Vereinigung für Stadt-, Regional- und Landesplanung (SLR). Allerdings müsse die Situation differenziert betrachtet werden. „Es gibt nicht den ländlichen Raum“, betont er. Dort, wo sogenannte „Hidden Champions“, also erfolgreiche mittelständische Unternehmen, ansässig sind, bleiben die Verhältnisse meist stabil. Auch touristisch geprägte Regionen stehen vergleichsweise gut da. Dünn besiedelte Gebiete wie das Emsland entwickeln sich sogar zu Boomregionen. Und rund um Schwarmstädte wie Leipzig, Hamburg oder Berlin sei ein starker Trend zur Suburbanisierung zu beobachten, erklärt Senftleben: „Die Menschen ziehen von dort wieder aufs Land.“

Förderprogramme sollen abgehängte Orte und Regionen stärken

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Weil die Schere immer größer wurde, legte die Politik viele Initiativen auf, um abgehängte Orte und Regionen zu stärken. Unter anderem wurden einige Förder­programme auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene mit unterschiedlichen Schwerpunkten aufgelegt. Hinzu kommen Fördertöpfe der EU. In Sachsen seien viele Mittel aus der Städtebauförderung eingesetzt worden, berichtet Senftleben. In den vergangenen Jahren habe das EU-Programm Leader einen enormen Schub in die ländlichen Regionen gebracht – oft in Kombination mit Mitteln aus dem Bundesprogramm zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK). „Ein Großteil der Förderung floss in die Themen Wohnen und Bestandsentwicklung“, so die Architektin.

Lokale Gremien entschieden über den Einsatz der Mittel, Eigentümer und Bauherren erhielten Zuschüsse. Viele alte und teilweise denkmalgeschützte Gebäude konnten auf diese Weise saniert und nutzbar gemacht werden. „Wir brauchen keine leeren Hüllen, sondern Gebäude, die bewohnt werden können“, betont Senftleben. Sie hat beobachtet, dass die Nachfrage von Mietern und Käufern steigt, sobald eine Modernisierung erfolgte. Wichtig sei es zudem, die Eigentumsbildung zu fördern. „Eigentum bindet und hält die Menschen vor Ort“, sagt sie.

Erhalt des baukulturellen Erbes und eine gute Architektur für Attraktivität wichtig

Viele Programme zielen darauf ab, die Zentren zu beleben. Das sei wichtig für die Identitätsbildung, meint Hawel: „Orte brauchen eine Mitte.“ Eine entscheidende Bedeutung komme dabei ortsbildprägenden Häusern zu, etwa ein altes Schulgebäude oder eine traditionelle Gaststätte. Sie sollten erhalten und nachgenutzt werden. Einen Anreiz dafür biete zum Beispiel ein Programm wie „Jung kauft alt“, das den Erwerb von Bestandsgebäuden in Dorfmitten fördere, sagt Wolkenhauer. Er empfiehlt privaten Bauherren grundsätzlich, sich bei den zuständigen Bauämtern nach möglichen Fördermitteln zu erkundigen.

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Für die Attraktivität von Dörfern und Kleinstädten seien der Erhalt des baukulturellen Erbes und eine gute Architektur essenziell, meint Senftleben: „Das Ambiente ist entscheidend.“ Allerdings sei der bauliche Aspekt nur einer von vielen, betont Wolkenhauer: „Wir brauchen auch das Engagement der Dorfgemeinschaft und das Ehrenamt. Alles nutzt nichts, wenn es nicht lebt.“ Deshalb zeichnet der Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ Dorfgemeinschaften aus, die sich für ein attraktives und vielseitiges Leben vor Ort einsetzen. Das können zum Beispiel in Eigenregie betriebene Dorfläden, Gemeinschaftshäuser oder Bürgerbusse sein.

Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Digitalisierung spielt große Rolle

Erforderlich für das Gelingen ist zudem das Zusammenspiel aus privatem Engagement und Politik. „Kommunen müssen sich Zukunftspläne geben, Fördertöpfe kennen und passgenaue Lösungen für die Probleme entwickeln“, sagt Wolkenhauer. So sei es wichtig, Versorgungsstrukturen wie Kitas oder Schulen zu erhalten beziehungsweise aufzubauen. Auch der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Digitalisierung spiele eine große Rolle.

Zudem sollten barrierearme, kleine und preiswerte Wohnungen gefördert werden, ergänzt Hawel. Das Problem dabei: Viele Gemeinden können die Eigenmittel nicht aufbringen. Außerdem fehle es oft an langfristigen Strategien, fachlicher Planung sowie Koordination und Nachhaltigkeit. „Viele Projekte sterben deshalb wieder ab“, bedauert Hawel. Die Zeit des alten, romantisch verklärten Dorflebens sei allerdings ohnehin vorbei, glaubt er. „Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs von Bilderbuchdörfern zu Zweckgemeinschaften.“

Ländliche Räume profitieren von Corona-Krise

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Die Corona-Pandemie könnte zur Belebung ländlicher Räume beitragen. Weil immer mehr Arbeiten im Homeoffice erledigt werden, sind Angestellte und Selbstständige zunehmend weniger ortsgebunden. Bei vielen, vor allem jungen Menschen wächst der Wunsch, aufs Land zu ziehen, unter anderem weil die Wohnkosten dort vergleichsweise niedrig sind. Im Trend sind zudem sogenannte Co-Working-Projekte. Bereits jetzt ist in einigen ländlichen Regionen die Nachfrage nach Immobilien und Mietwohnungen groß. Insbesondere im Umland von Schwarmstädten ziehen die Preise deshalb stark an – oft sogar stärker als in den Metropolen selbst.

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