Rückversicherer zu Naturkatastrophen: Das größte Problem sind die Hurrikans

  • Bei Katastrophen wie den Überflutungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz kommen schnell Milliardensummen an Schäden zusammen.
  • Gegen derlei Situationen versichern sich Erstversicherungen bei sogenannten Rückversicherern – einer der Branchenriesen ist die Munich Re mit einem Jahresumsatz von zuletzt 54,9 Milliarden Euro.
  • Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland gibt der Geophysiker Ernst Rauch, der sich bei Munich Re um die Einflüsse des Klimawandels kümmert, Einblicke in seine Arbeit.
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Die Munich Re ist einer der größten Rückversicherer der Welt. Das Unternehmen, das 2020 ein Beitragsvolumen von 54,9 Milliarden Euro erwirtschaftete, versichert weltweit rund 4000 Erstversicherungsunternehmen. Speziell bei Naturkatastrophen sind Rückversicherer gefordert. Ernst Rauch ist Naturwissenschaftler. Der 60-jährige Geophysiker leitet bei der Munich Re eine Einheit namens Climate Change Solutions.

Herr Rauch, was machen Sie bei der Munich Re?

Unsere Einheit Climate Change Solutions kümmert sich sowohl um Strategien gegen globale Klimaveränderungen als auch um die Entwicklung von Geschäftsfeldern und Produkten rund um das Thema Klimawandel. Dabei geht es nicht nur um Naturgefahren, sondern auch den damit verknüpften Technologiebereich, sprich erneuerbare Energien, Batterien und Ähnliches. Wir unterscheiden hier zwischen Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel, das sind bei Versicherungen etwa Elementargefahren, und dem Arbeitsgebiet Vermeidungsmaßnahmen bei Emissionen. Für unser Geschäft ist es essenziell, diese Risiken und Technologien detailliert zu verstehen und damit die Risiken unserer Kunden tragen zu können.

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Das klingt nach einer Menge Arbeit.

Damit haben Sie völlig recht. Sowohl Anforderungen als auch Bedeutung, sowie die Arbeitsgebiete – im Zusammenhang mit dem Klima sind das eben Mitigation (aktive Verringerung der Treibhausgasemissionen, Red.) und Anpassung – sind in den letzten Jahren exponentiell gewachsen. Das liegt auch daran, dass sich die Welt, unsere Kunden, aber auch natürlich die Politiker intensiver denn je mit dem Thema Klimawandel aus den verschiedenen Perspektiven befassen.

Ernst Rauch, Leiter der Einheit Climate Change Solutions beim Rückversicherer Munich Re. © Quelle: Munich Re

Inwieweit ist so ein Ereignis wie dieses jetzt auf zwei Regionen in NRW und Rheinland-Pfalz zu begrenzende für Sie finanziell überhaupt relevant? Ist das schon eine Größenordnung, von der Sie sagen: Oh, das geht jetzt aber in die Bücher?

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Zunächst hat uns vor allem die Zahl der Opfer bei diesen Ereignissen betroffen gemacht. Genaue Schadenszahlen kennen wir noch nicht. In Deutschland ist es sicher eine absolut herausragende Naturkatastrophe, auch wenn es weltweit gesehen andere Größenordnungen gibt. Für Munich Re gehört es zum Kerngeschäft, weltweit Risiken aus Katastrophen- oder Naturkatastrophen zu übernehmen, und wenn man in die jüngere Vergangenheit zurückschaut, dann war das bisher größte Naturkatastrophenereignis für die Versicherungswirtschaft 2005 der Hurrikan Katrina mit über 60 Milliarden Dollar versichertem Schaden. Dieser Vergleich zeigt vielleicht die Dimensionen.

Wie hoch waren denn die Schäden bei den beiden großen deutschen Flutereignissen 2002 und 2013?

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Im Jahr der Elbeflut in Deutschland und angrenzenden Ländern 2002 und im Jahr 2013, das Jahr der letzten großen die Elbe-Donau-Überschwemmung, lagen die versicherten Schadenssummen aus Naturkatastrophen in Deutschland in der Höhe von 5 beziehungsweise 6 Milliarden Euro. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat diese Summe auch auf den Gebäude- und Fahrzeugbestand von heute hochgerechnet: Das heißt, nach heutigem Wert lägen die Gesamtschäden bei 9 respektive 10 Milliarden Euro.

Zur Einordnung des aktuellen Ereignisses schauen wir uns die Schadensbilder an, soweit sie verfügbar sind. Wir blicken aber zudem besonders auf die zugrunde liegende Meteorologie, also das Wetter, und die Hydrologie, also die Überschwemmungsereignisse, und leiten daraus in Analyseverfahren die Schadensprüfungen ab. Wichtig ist die Relation zu größeren Schadensereignissen, die die Versicherungswirtschaft bisher erfahren hatte. Und wenn der GDV für das Gesamtjahr 2013 eine Schadenssumme von etwas über 9 Milliarden Euro errechnet, ist das weit weniger als bei einem Hurrikan wie Katrina. Hier ist Europa glücklicherweise weniger gefährdet.

Da muss man sicher unterscheiden zwischen dem „normalen Leben“ und Ihrer Branche. Für den Bürger, der sein Haus oder sein Unternehmen verloren hat, sind das unvorstellbare Dimensionen. Die stehen vor dem Nichts.

Für die Versicherungsbranche gehört der objektive Vergleich globaler Ereignisse und auch die lokale Ausprägung zur Analyse. Das individuelle Schicksal und die humanitäre Lage sind natürlich etwas ganz anderes. Für den Einzelnen ist diese Katastrophe überaus tragisch. Familien trauern um ihre Verstorbenen.

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Das Hauptproblem für Sie bleiben also die amerikanischen Hurrikans?

Da ließen sich noch einige andere Einzelereignisse benennen, aber es ist richtig: die großen versicherten Schäden weltweit, in immer wiederkehrender Form, sind die Hurrikans in den USA. Die Besonderheit an dem aktuellen Ereignis in Mitteleuropa ist nicht so sehr das Schadensbild, auch wenn es für deutsche und europäische Verhältnisse zunächst verstörend aussieht. Die humanitäre Dimension ist für Deutschland einzigartig und in diesem Fall das Besondere.

Haben wir hier in Deutschland nicht eine überproportional hohe Anzahl an Todesopfern? Wenn man die bis heute Vermissten dazuzählt, ist die Opferzahl gänzlich atypisch für Mitteleuropa.

Für deutsche und mitteleuropäische Verhältnisse gebe ich Ihnen recht. Wir erfassen auch die Todesopfer in unseren Statistiken. Und für Deutschland kann man klar sagen, dass es in der Nachkriegszeit bis auf die Sturmflut in Hamburg 1962 keine vergleichbare Naturkatastrophe gab. Das war die größte humanitäre Katastrophe. Unsere globale Datenanalyse zeigt üblicherweise eine Korrelation zwischen Wohlstand, gemessen als Bruttosozialprodukt pro Kopf, und den Opferzahlen bei Naturkatastrophen. Auf den Punkt gebracht zeigt sich: Je ärmer Menschen sind, umso größer ist für sie die Wahrscheinlichkeit, in einer Naturkatastrophe ums Leben zu kommen. Deutschland ist in dieser Betrachtung sicher ein wohlhabendes Land. Angesichts der hohen Opferzahlen bei diesem Ereignis muss etwas substanziell schiefgelaufen sein in der Kette zwischen Warnung und Reaktion der Bevölkerung.

Fällt Ihnen ad hoc etwas ein, was man an der Prävention bemängeln könnte?

Grundsätzlich muss mehr für Prävention getan werden. 2016 gab es in den beiden Ortschaften Braunsbach in Baden-Württemberg und Simbach in Bayern ähnliche Schadensbilder, wie wir es jetzt sehen, wenn auch nicht in der Gesamtdimension. Auch damals haben lokale Starkniederschläge dazu geführt, dass ein kleiner Stadtbach oder Dorfbach, der im Normalfall nur 20 Zentimeter Höhe hat, auf einmal auf mehrere Meter angewachsen ist.

Es gibt aber auch positive Beispiele im lokalen oder kommunalen Hochwasserschutz. Und zwar nicht nur dort, wo es um Flusshochwasser geht, sondern genau um solche Sturzfluten und diese starken Niederschläge, etwa in der Gemeinde Rottach-Egern am Tegernsee. Dort wurden nach den Ereignissen 2016 für einen relativ kleinen Ortsbach einschneidende Bauten zum Schutz vor Sturzfluten vorgenommen. Das Äußere mag nicht jedem gefallen, aber die Schutzmaßnahme zeigt eine Reaktion, dass man das Thema ernst nimmt. Die Prävention muss in vielen Kommunen auf die Agenda kommen, natürlich erst nach einer Risikoanalyse, also dem kommunalen Hochwasserschutz, der deutlich über die reine Frage der Flussüberschwemmung hinausgeht, sowie nach einer Abwägung geeigneter Maßnahmen.

Die Statik des Tiefs „Bernd“ ist ja nach Meinung vieler Experten ein Ausdruck des Klimawandels. Es bewegt sich nicht mehr und nimmt stationär viel „Nahrung“ auf. Wie kann da eine künftige Prävention aussehen?

Ausschlaggebend für diese Ereignisse sind in der Tat diese stationären Wettersysteme, die im Falle eines Hochdrucksystems im Sommer dann auch mal zu sehr intensiven Hitzewellen führen können, im Winter zu einer ausgeprägten Kältesituation. In jedem Fall gehören Wettersysteme, die sich eine Zeit lang stationär verhalten, also ortsfest bleiben, in zukünftige Risikobewertungen – also etwa den Gefährdungskarten – mit integriert.

Es ist eine Anpassung von Gefährdungsbewertungen an sich ändernde Wettersysteme aufgrund des Klimawandels, wenn auch auf anderer Flughöhe. Das ist in der Sache anspruchsvoll. Gerade diese sehr lokalen oder regionalen Phänomene, wie wir sie jetzt gesehen haben, erfordern durch die hohe Komplexität außergewöhnliche Expertise in der Einschätzung. Ich sehe darin eine Begleiterscheinung des Klimawandels, dass manche Dinge, die in der Vergangenheit einfacher waren, salopp gesagt, komplexer geworden sind.

Wir haben in Deutschland ein Überschwemmungszonierungssystem, ZÜRS, das heute der Versicherungsverband betreibt. In ZÜRS sind bisher nur die Flussüberschwemmungen integriert, weil das eine einfachere Risiko- oder Gefährdungsbewertung ermöglicht. Der nächste Schritt ist bereits gemacht, auch Starkniederschläge in Zonierungen umzusetzen.

Bei Munich Re haben wir ein eigenes System entwickelt, um der Komplexität gerecht zu werden. Die Weltkarte der Naturgefahren, die es ursprünglich als Wandkarte und als Globus gab, gibt digital verschiedene Risiken für unterschiedliche Standorte wieder. Basis sind auch Daten des Weltklimarats und daraus errechnete Klimaszenarien. In diesen unterschiedlichen Berechnungen und Modellen, die bis ins Jahr 2100 reichen, werden verschiedene Emissionsannahmen unterstellt – also wie geht es mit den Treibhausgasen weiter? Sie ermöglichen zum Beispiel auch für die Risikotypen Überschwemmung und Starkniederschlag unterschiedliche Berechnungen. Aber das ist erst der Beginn einer Entwicklung – die noch lange weitergehen wird. Die Berechnungen werden immer weiter verbessert werden müssen.

Ich habe eine Wohnung und eine Elementarversicherung und wiege mich in Sicherheit. Ich wohne über der Elbe, habe aber nur Risikoklasse eins, weil es ungefähr 10 Meter sind zum Flusslevel. Wenn man jetzt aber diese Starkregenphänomene sieht, könnte es ja durchaus sein, dass es mal ein so kräftiges Tief im Norden gibt, dass selbst solche Niveauunterschiede nicht mehr helfen. Lässt sich so etwas auch simulieren und hochrechnen?

Ja, das kann man hochrechnen, und das ist der Ansatz mit diesen Starkniederschlagsanalysen des Versicherungsverbandes. Es ist nicht einfach und auch mit höheren Unsicherheiten behaftet als die Berechnung von Flussüberschwemmungen. Aber es ist wichtig, dass es eine solche Weiterentwicklung gibt. Und Sie haben völlig recht, auch wenn Sie zehn Meter über der Elbe wohnen und in einem flachen Gebiet, dann sind diese Starkniederschläge – deren Auswirkungen sind sogenannte Sturzfluten – auch ein relevantes Risiko für das Gebäude, in dem Sie wohnen.

Diese Form der Risikoevaluation ist allerdings noch relativ neu und wesentlich komplexer in der Datenanalyse von Flüssen. Bei Flussüberschwemmungen sind in der Regel Topografien in einer recht groben Auflösung ausreichend. Bei diesen lokalen Starkniederschlägen müssen sie sehr hoch aufgelöste Geländemodelle nutzen, weil es einen Unterschied macht, ob sie einen Meter oder zehn Meter in der Höhendifferenz entfernt sind von der Elbe. Da kann jeder Zentimeter eine entscheidende Rolle spielen. Und daraus ergeben sich die Komplexität und die hohen Anforderungen an die Daten.

Wenn Sie Ihre Arbeit quantifizieren müssten: Wie viel daran ist der Blick in die Zukunft, und wie viel ist Bewältigung vorherrschender Realitäten?

Also in dieser speziellen Funktion meiner Einheit sind 80 Prozent unserer Arbeit zukunftsgerichtet. Die Gegenwart wird heute in Modellen abgebildet, in Risikosystemen, die wir operativ einsetzen. Und das passt relativ gut, denn mit jeder neuen Erfahrung wird nachjustiert. Der entscheidende Blick ist wirklich der nach vorne – nicht nur auf den Naturgefahren basierend, sondern tatsächlich ganzheitlich, was das Klimathema anbelangt. Dies umfasst zum Beispiel auch neue Technologien und die Frage, wie man sich an den Klimawandel anpassen muss. Für uns und unsere Kunden sind solche Fragen entscheidend.

Auch für uns selbst haben wir uns bei Munich Re Klimaziele gesetzt: Bis 2050 werden wir in der Kapitalanlage klimaneutral sein, und zwar sogar netto null. Das heißt, alles, was wir irgendwo noch an Emissionen auf der Kapitalanlagenseite haben, werden wir dann tatsächlich mit Negativemissionen kompensieren. Das sind für uns ganz zentrale Themen, die eben viel mit Zukunft zu tun haben, gerade auch mit naher Zukunft.

Gibt es auch ein System, das Rückversicherer rückversichert?

Ja, das gibt es, das Risikosystem endet nicht beim Rückversicherer. Risiken können an andere Versicherer oder den Kapitalmarkt weitergegeben werden, um eine optimale Diversifizierung der Risiken zu erzielen. Dies spielt für Munich Re aber eine sehr untergeordnete Rolle.

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