Permakulturgarten: Hier wissen die Pflanzen genau, was sie tun sollen

  • Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten muss nicht unbedingt viel Arbeit bedeuten.
  • Im Permakulturgarten etwa wachsen die Pflanzen so, wie sie wollen – und wissen genau, was sie tun.
  • Dabei ist der Permakulturgarten auch noch besonders nachhaltig.
Isabella Hafner
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Hannover. Eine satte Ernte! Dafür muss man stundenlang im Beet sitzen und Unkraut jäten, immer wieder umgraben und gießen, gießen, gießen. Bloß nicht – sagt da der Permakulturgärtner. Nichts durcheinander bringen, wenn’s im Garten Eden sprießen und gedeihen soll. Denn die Pflanzen, die da in weitestgehender Anarchie leben, die wissen ganz genau, was sie tun.

Frische Zutaten aus dem Permakulturgarten

Einer, der sich mit dem gegenseitigen Miteinander der Pflanzen schon ausgiebig auseinander gesetzt hat, ist Jochen Bosch. Der Mann Mitte dreißig mit dem Vollbart und dem sonnengebräunten Gesicht bewirtschaftet vier Gärten in Seißen. Etwa 2000 Quadratmeter. Dort oben, in dem ruhigen Albdorf, ein paar Serpentinen oberhalb von Blaubeuren. Dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Oder zumindest das ein oder andere Reh im Ofen des Jägerstüble landet.

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Das Jägerstüble nämlich ist in der Gegend traditionell bekannt für seine Wildspezialitäten. Es gehört Jochens Bruder Jürgen. Und seit Jochen vor ein paar Jahren aus der großen weiten Welt zurückgekommen ist in die Heimat, steht auf der Speisekarte neben manchen Gerichten ein Schubkarrensymbol. Das bedeutet: Hier kommen die Zutaten direkt aus dem eigenen Permakulturgarten. Dadurch ist automatisch das Angebot saisonal. Auch einige vegetarische und sogar vegane Gerichte haben sich unter den Zwiebelrostbraten gemischt. Zum Beispiel der Alblinsen-Gemüseeintopf.

An diesem Tag soll es Saure Bohnen geben. Sie werden in einer Mehlschwitze und Essig zubereitet. Wirtshauschef Jürgen Bosch steht in der Küche und schnippelt die bunten Stangenbohnen, die sein Bruder ihm frisch aus dem Garten gebracht hat. Sie sind nicht nur grün – sondern auch violett, wie die Blauhilde oder gelb, wie die „Neckargold“-Bohne. „Unsere Gäste mögen Saure Bohnen. Die sagen oft, dass sie die ewig nicht mehr gegessen hätten! Das Gericht ist aus der Mode gekommen.“

Jochen Bosch separiert die Pflanzen in seinem Permakulturgarten nicht. © Quelle: Isabella Hafner

Im Permakulturgarten werden Pflanzen nicht separiert

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Jochen Bosch ging vor vielen Jahren als Informatiker weg. Er machte Karriere in Australien – kündigte irgendwann seinen Job, um mit dem Rad durch Afrika und Asien zu reisen. Vier Jahre lang war er so unterwegs. Dabei sah er, wie Menschen in unterschiedlichen Gegenden der Welt Nahrungsmittel anbauen, wie sie von und mit der Natur leben. Wie sie ihr eigenes Gärtchen haben, um so unabhängiger zu sein, sich selbst versorgen zu können. „Und das war dann für mich so eine Erkenntnis: Wir Westler, wir gehen in die Länder, um Entwicklungshilfe zu leisten.“ Zu zeigen, wie man die Natur domestiziert. Mit modernen Agrarmethoden, Spritzmitteln, Saatgut. Dabei kennen viele Völker der Erde ganz genau die Logik der Natur, weil sie sie genau beobachten und ihr Wissen weitergeben. Er begann, sich mit Permakultur auseinander zu setzen. Dabei geht es darum, natürliche Ökosysteme im eigenen Garten nachzubilden. Und möglichst wenig einzugreifen. Als Gärtner kam der Weltreisende wieder zurück auf die Alb.

Wer einen von Boschs Gärten betritt, tritt ein in ein buntes Paradies. Knallige Blumen treffen hier mit Beerensträuchern, Karotten und Apfelbäumen zusammen, die so voll mit Äpfeln hängen wie ein zu ambitioniert mit Kugeln geschmückter Christbaum. Zitronenfalter umflattern mit Bienen den Rosmarin oder legen einen Zwischenstopp auf der lila Basilikumblüte ein. Gemeinsam statt einsam.

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Permakulturgärtner sind nämlich überzeugt davon, dass Pflanzen nicht separiert in ihrer Beetreihe am produktivsten sind. Sondern dann, wenn die Artenvielfalt besonders groß ist. Dann werden die Pflanzen auch richtig robust. Dabei war jahrhundertelang in Europa der Gedanke, der Mensch müsse die Natur zähmen. Stand doch auch in der Bibel „Machet euch die Erde untertan.“ Die Folge: In vielen Gärten können die Pflanzen nicht voneinander profitieren. Dagegen in Boschs Garten: Da beschützen sich die Pflanzen gegenseitig. Zum Beispiel gibt’s eine Art Polizei: Damit die Möhrenfliege nicht die Möhre angräbt, vertreibt die Zwiebel die Fliege mit ihrem Geruch. Die lila Blumen zwischendrin lenken angeblich den Kohlweißling ab. „Der geht irgendwie auf Farben.“ Auch die Bohnen tun was für die Gemeinschaft. „Sie bringen Stickstoff aus der Luft in den Boden ein. Und dann setze ich Starkzehrer daneben, Tomaten. Die können den Stickstoff perfekt wiederverwenden.“

Umgraben ist unter Permakulturlern verpöhnt

Die Pflanzen beschatten sich auch gegenseitig. Im positiven Sinne! So spielen zum Beispiel die mit großen Blättern Sonnenschirm für kleine und empfindliche. Die verdursten dann auch nicht so schnell, weil der Boden langsamer austrocknet. Jochen Bosch gießt meist nur die Setzlinge regelmäßig.

Im Permakulturgarten spenden die Blätter der großen Pflanzen den kleinen Pflanzen Schatten. © Quelle: Isabella Hafner

Dafür sorgt auch die Decke aus Stroh, die den Boden in den Beeten verbirgt. Hier wird gemulcht, was das Zeug hält. Und Mulch bringt noch mehr: „Willst du einen lebendigen Garten, der im Gleichgewicht ist, brauchst du eben Tierchen.“ Deshalb ist er froh um all die Bodenlebewesen. „Die krabbeln hoch und ziehen sich daraus die Nährstoffe.“ Die Regenwürmer wiederum, die stellen organischen Dünger und Mineralstoffe für die Pflanzen bereit. Indem sie den Boden durchwühlen, ihn lockern und während sie sich so durch Dreck und Pflanzenreste fressen und ihre Ausscheidungen hinterlassen. Denn in ihrem Darm bildet sich eine wichtige Ton-Humus-Masse.

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Genau aus dem Grund ist Umgraben unter Permakulturlern verpönt. Bloß kein Durcheinander anrichten in den Bodenschichten. Wo alles so wohl geordnet zugeht. Muss aber auch nicht sein, denn harte Bodenkrusten, wie sie nach Regen und Sonne entstehen, bilden sich im Permakulturbeet eh nicht. Die Strohdecke schützt ja davor. Auch vor Unkraut natürlich. Wobei man hier von Beikräutern spricht – was etwas versöhnlicher klingt. Schaffen es doch einige, durchzustoßen, kann Bosch sie leicht aus dem lockeren Boden zupfen.

Die Schnecken haben ihn allerdings anfangs ganz schön Nerven gekostet, gibt er zu. „Wenn irgendwann der warme Regen kommt und die Pflanzen sind frisch gesät, dann sind die innerhalb einer Nacht abrasiert.“ Sein Notnagel war dann: ein Schneckenzaun. „Ich habe Türen gesucht, die verblecht waren, habe sie abgezogen und beim Nachbarn hingebogen.“ Denn ein weiteres wichtiges Prinzip der Permakultur ist: vorhandene Ressourcen nutzen statt neu kaufen. Jetzt umrandet der etwa 15 Zentimeter hohe Blechzaun die Beete. Findet doch eine Schnecke ein Schlupfloch, rückt Bosch aber nicht mit Schere oder einem Ersäufungsbierbad an. Er tischt ihnen stattdessen noch etwas auf: „Die Reste, die in der Küche beim Salatputzen anfallen, versuche ich gleich als Flächenkompost auszustreuen. Die Schnecke mag nämlich eigentlich viel lieber das, was am Vergammeln ist, statt Frischem.“

Das Tomatenhaus im Permakulturgarten ist aus alten Fenstern gezimmert – Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle. © Quelle: Isabella Hafner

Die Natur ist nicht kalkulierbar

Das meiste, was hier so prächtig wächst – auch wegen der angesetzten Brennnesseljauche – schafft es auf die Restaurantspeisekarte. Vor allem Tomaten werden in der Küche stark nachgefragt. Dafür hat Jochen Bosch ein Gewächshaus gebaut, natürlich war er kreativ: Das Häuschen besteht aus vielen alten Fenstern. Statt Pfeffer, der ja bis aus Indien kommt, verwendet sein Bruder mittlerweile hin und wieder Japanischen Wasserpfeffer, der ebenfalls in Boschs Garten wächst.

Nach den ersten Gehversuchen vor fünf Jahren, manchen Rückschlägen, weil die Natur nicht immer so kalkulierbar ist, kann Jochen Bosch mittlerweile regelmäßig eine solide Ernte in der Küche seines Bruders abliefern. Im Sommer fast die Hälfte von dessen Gemüseverbrauch und 80 Prozent der benötigten Kräuter. Auch das Saatgut züchtet er immer wieder nach. Und verwendet auch alte Sorten. Die gibt es auf Saatgut-Tauschbörsen. Hybridsaatgut, das oft in Gartencentern verkauft wird, und von den Herstellern so gezüchtet ist, dass es nur einmal verwendet werden kann, findet er ungerecht. Deshalb schießt bei ihm nun einfach mal ein seltsames Bäumchen in die Höhe, das ein paar Blüten trägt.

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In einem Jahr dann werden wiederum dessen Samen aus dem Boden sprießen. Und wenn alles hinhaut, schon bald darauf Röschen im Jägerstüble serviert werden. Brokkoli!

Bill Mollison: Vater der Permakultur

Mitte der 70er-Jahre entwickelten der Australier Bill Mollison und sein Schüler David Holmgren Ideen zum Aufbau landwirtschaftlicher Systeme, mit denen die Nahrungsversorgung langfristig besser sichergestellt werden sollte – als mit den vorherrschenden industriell-konventionellen Anbaumethoden. Für die inzwischen in vielen Klimazonen eingesetzte Methode erhielt der „Vater der Permakultur“ 1981 den alternativen Nobelpreis. Mollison stellte fest, dass unsere Art der Landwirtschaft in höchstem Maße unlogisch ist, weil sie ökologisch verheerend ist: Monokulturen mit Pestiziden führen zu Erosion, Boden- und Wasserverschmutzung, Tier- und Pflanzenarten schwinden – vielleicht führen sie auch irgendwann zu einem Menschenaussterben, so seine Meinung.

In der Permakultur sollen Menschen, Tiere und Pflanzen in ihren Lebensräumen rücksichtsvoll miteinander kombiniert werden. So, dass jeder seine Bedürfnisse erfüllt bekommt. Wichtigster Grundsatz: „Mit der Natur arbeiten statt gegen sie.“ Das führe zu stabilen, ökologischen Systemen, die robust für die Zukunft sind. Die ideale Permakulturfarm rücke die Lebensmittelproduktion näher an die Verbraucher und deren Abfälle auch wieder in den Kreislauf zurück. Sie reduziere auch die Energie, die für den Transport der Lebensmittel verwendet wird: Lebensmittel sollen dort produziert werden, wo die Menschen sind. Der österreichische Permakulturpionier Sepp Holzer verwandelte seinen Hof in eine blühende, essbare Landschaft, obwohl der Hof in einer kalten Bergregion zwischen 1100 und 1500 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Internationale Fachleute bezeugten Holzers Erfolge und das Potenzial der Permakultur.

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