Der Zauber von Gebäuden in der Literatur: „Jedes Haus ist ein Roman“

  • Häuser sind nicht nur Kulisse, sondern in vielen berühmten Romanen geradezu Protagonisten.
  • Doch was inspiriert die Autoren an Immobilien, ob groß oder klein?
  • Eine kleine Reise durch literarische Orte aus Stein und Ziegeln.
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„Das Haus war schon da. In ihm wohnten die Geister der Vergangenheit, in ihm waren alle Geschichten enthalten. Ich musste sie nicht erst aufschreiben, sie mühsam aus mir herauspressen. Ich musste nur einziehen und alles ausschmücken.“ So beschreibt der Autor Jan Brandt seine Eindrücke, nachdem er sich entschlossen hatte, das traditionelle Backsteinhaus seiner Vorfahren in einem kleinen norddeutschen Ort zu kaufen. Der Versuch scheiterte, das Gebäude wurde inzwischen abgerissen. Und doch ist es erhalten geblieben: als Geschichts- und Sehnsuchtsort in dem Roman „Ein Haus auf dem Land, eine Wohnung in der Stadt“.

Dass Gebäude in literarischen Werken eine zentrale Rolle spielen und bereits im Titel erwähnt werden, ist nichts Ungewöhnliches – genannt seien hier zum Beispiel „Das Geisterhaus“ von Isabel Allende und „The Fall of the House of Usher“ von Edgar Allan Poe. Die Gebäude sind oft nicht nur Kulisse, sondern Treiber der Handlung wie in Dörte Hansens Erzählung „Altes Land“. Der britische Autor Bill Bryson unternimmt in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge“ einen gedanklichen Gang durch ein altes englisches Pfarrhaus und erzählt anhand der Räume die menschliche Kulturgeschichte.

Aber warum üben Häuser eine solche Faszination auf Autoren aus? Sein Verhältnis zur Architektur sei ein laienhaftes, fast esoterisches, sagt Andreas Schäfer: „Mich interessiert die Wirkung von Räumen, also das, was in ihnen anwesend, aber nur schwer in Worte zu fassen ist.“ In seinem Roman „Das Gartenzimmer“ spürt er dem Geist der Zeit zu Beginn des 20. Jahr­hunderts nach, als eine neue Architektengeneration, darunter Walter Gropius und Mies van der Rohe, sich anschickte, das Bauen zu revolutionieren.

„Jedes Haus ist ein Roman“

Schäfer entwirft im Roman die fiktive Villa Rosen in Berlin-Dahlem, die als idealtypisch für ihre Zeit gelten kann. Der Protagonist, Architekt Max Taubert, erlangt Weltruhm. Rund 100 Jahre später wird die Villa zum Pilgerort für Architekturliebhaber und zugleich von dunklen Schatten des Nationalsozialismus eingeholt. Auch in der Realität bliebe oft von vergangenen Ereignissen etwas in Häusern haften, meint Schäfer: „Wenn man zum Beispiel weiß, dass etwas Schlimmes in einem Raum passiert ist, verändert dieses Wissen das Bewusstsein.“

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„Jedes Haus ist ein Roman. Es trägt die Geschichten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner in sich“, ist Brandt überzeugt. „In den Zimmern wurde geliebt, gestritten und gestorben, und ich glaube, das spürt man, wenn man darin wohnt.“ Gebäude können seiner Ansicht nach ein Eigenleben entwickeln und selbst zu Protagonisten werden. Viele Horrorgeschichten zum Beispiel spielten in Häusern – etwa in Stephen Kings Roman „The Shining“, sagt Brandt: „Gebäude sind Energiespeicher. Der Glaube daran, dass sich das Schreckliche, das sich darin zugetragen hat, wiederholt, wird von den Bewohnern bewusst oder unbewusst angenommen.“ Auch in der Wirklichkeit könnten sich Menschen nicht von dem Glauben frei machen, dass die Aura eines Hauses sich mitteile. „Warum sonst erfreuen sich museal aufbereitete Geburtshäuser solcher Beliebtheit?“, fragt Brandt.

„Orte sind prägend für die Handlung“

Eine große Anziehungskraft besitzt zum Beispiel das Buddenbrookhaus in Lübeck, Schauplatz der gleichnamigen Familiensaga von Thomas Mann. In dem repräsentativen Gebäude, das derzeit umgebaut wird, sind zwei Räume so hergerichtet, wie sie im Roman geschildert werden, sagt Museumsleiterin Birte Lipinski: „Der Erzähler beschreibt das Haus ausführlich und ständig.“ Das Gebäude sei Handlungsort für viele Episoden und eine Analogie für den Aufstieg und Niedergang der Kaufmannsfamilie.

Nicht nur im Roman „Buddenbrooks“ besitze das soziale Setting eine symbolische Bedeutung, erklärt die Literaturwissenschaftlerin: „Es war schon immer so, dass Orte für Handlungen prägend sind.“ Oft gehe es um den Verlust von Heimat, um Identität und Kindheitserlebnisse. „Häuser lösen einfach sehr tiefe Emotionen aus. Sie können die guten und die schlechten Seiten der Menschen hervorkehren“, sagt Schäfer.

Ein Haus sei Traum und Versprechen zugleich, führt er weiter aus: Traum vom Angekommensein und Versprechen auf ein glückliches Leben. Insofern sei es ein immaterielles Gebilde aus Hoffnung und Erwartung. Irgendwann werde man aber mit der Diskrepanz von Vorstellung und Wirklichkeit konfrontiert: „Mitunter schaut es recht fremd und unheimlich zurück“, so Schäfer.

Schreibende Architekten

Viele Architekten sind und waren Autoren – zum Beispiel der Schweizer Multikünstler Le Corbusier, der mehr als 50 Bücher veröffentlichte. Bei seinen Werken handelt es sich jedoch um Fachliteratur. Als Romanautor brachte es sein Landsmann Max Frisch zu Weltbekanntheit. Er hatte in Zürich Architektur studiert und besaß zeitweise ein eigenes Büro. Max Frisch entwarf ein gutes Dutzend Bauwerke – sein berühmtestes Werk als Architekt ist das Freibad Letzigraben in Zürich, das 1949 eröffnet wurde und inzwischen unter Denkmalschutz steht. Nach einer Totalsanierung wurde es weitgehend in den Originalzustand versetzt. Es wird noch heute als Badeanstalt genutzt.

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