Barrierefreier Wohnraum liegt im Trend: Aber wie gelingt der Umbau?

  • Die Nachfrage nach barrierearmem Wohnraum in Deutschland steigt.
  • Die gesetzlichen Anforderungen ans barrierefreie Bauen seien aber problematisch.
  • Das kritisiert die Wohnungs- und Bauwirtschaft.
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Aufzüge, schwellenlose Türen, bodengleiche Duschen: In den meisten neu gebauten Mehrfamilienhäusern ist das mittlerweile Standard. Insbesondere ältere und motorisch eingeschränkte Bewohnerinnen und Bewohner profitieren davon. Doch die Nachfrage nach barrierearmem Wohnraum steigt nicht nur aufgrund der demografischen Entwicklung. „Der Wunsch nach mehr Komfort wird in allen Bevölkerungsgruppen größer“, sagt Rolf Schettler, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW).

Als problematisch bezeichnet die Wohnungs- und Bauwirtschaft gesetzliche Anforderungen ans barrierefreie Bauen. Sie bedeuten vor allem bei Modernisierungen einen erhöhten finanziellen Aufwand. „Grundsätzlich gilt: Barrierefreies Bauen braucht immer Platz und ist damit teuer“, sagt Daniel Arndt vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB). Insbesondere rollstuhlgerechte Wohnungen seien schwer zu vermieten, ergänzt Schettler: „Sie werden immer als Letztes belegt.“ Oft stehen diese Wohnungen sogar leer oder es ziehen Menschen ein, die nicht auf den Rollstuhl angewiesen sind.

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Barrierefreiheit: Stufenlose Zugänge und Aufzüge

Das Thema Barrierefreiheit ist in den Bauordnungen der Bundesländer geregelt, die sich alle an die Musterbauordnung anlehnen, aber teilweise voneinander abweichen, erläutert Barbara Christine Schlesinger, Referatsleiterin Architektur und Bautechnik bei der Bundesarchitektenkammer (BAK). Paragraf 50 besagt, dass die Wohnungen eines Geschosses barrierefrei erreichbar sein müssen, sobald Häuser mit mehr als zwei Wohnungen gebaut werden. Die konkreten Anforderungen an Barrierefreiheit sind in der DIN 18040-2 definiert.

Verpflichtend können zum Beispiel stufenlose Zugänge und Aufzüge sein. Eine Aufzugsanlage mit drei Stationen koste bis zu 45.000 Euro, erklärt Schettler. Die Kosten wirken sich auf die Miete oder den Kaufpreis aus. Das Gleiche gilt für laufende Ausgaben für die Wartung. Andererseits sei bei Neubauten der bauliche und finanzielle Aufwand vertretbar, meint Claus Wedemeier vom Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW). Der Verband empfiehlt deshalb seinen Mitgliedern, bei Neubauten grundsätzlich auf Barrierefreiheit zu achten. „Das ist oft nur eine Frage der intelligenten Planung“, so Wedemeier.

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Für barrierefreien Gebäudeumbau gibt es Fördermittel

Schwieriger ist die Situation in Bestandsgebäuden, weil meist umfangreiche bauliche Maßnahmen erfolgen müssen, um den erforderlichen Standard zu erreichen. Dann fallen laut Wedemeier Mehrkosten in Höhe von bis zu 20.000 Euro an. Allerdings können Fördermittel etwa von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beantragt werden. Auch Länder und Kommunen haben Förderprogramme aufgelegt. Unter anderem Pflegekassen gewähren individuelle Zuschüsse.

Besonders hoch sind die gesetzlichen Anforderungen der DIN 18040-2 an rollstuhlgerechte Wohnungen: So müssen Waschbecken unterfahrbar und ausreichend Platz zum Rangieren vorhanden sein. Schalter und Griffe sollten niedrig angebracht werden und Fenster ermöglichen, auch im Sitzen nach draußen schauen zu können. Einige Bundesländer schreiben den Bau von Wohnungen mit der Kennzeichnung „R“ zu einem bestimmten Anteil vor.

Das Problem: Sie sind meist vergleichsweise groß. Das führt zu höheren Mieten. Viele Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer wichen deshalb auf günstigere Wohnungen aus, sagt Schettler: „Sie können sich oft auch mit normaler Barrierefreiheit arrangieren.“ Andere Interessentinnen und Interessenten schreckt hingegen oft die ungewohnte Einrichtung ab.

Investitionen in Milliardenhöhe nötig

Die Wohnungswirtschaft plädiert dafür, Ansprüche ans barrierefreie Wohnen zumindest nicht weiter zu verschärfen. „Allerdings wird es demnächst eine Überarbeitung der Vorschriften geben, bei der zu befürchten steht, dass eine erhebliche Verteuerung des Bauens eintreten wird“, sagt Arndt. Schettler hält es zum Beispiel für eine überzogene Idee, Gebäude so zu bauen, dass sie für E-Scooter geeignet sind. In vielen Neubauten gebe es bereits große Abstellplätze, oft sogar mit Ladestationen, erklärt er. Von dort gelangten viele mobilitätseingeschränkte Bewohnerinnen und Bewohner mit dem Rollstuhl oder Rollator weiter.

Der Bestand an altersgerechten Wohnungen wird in Deutschland auf rund 700.000 geschätzt. Davon erfüllt nur ein sehr geringer Anteil die DIN 18040-2 für Barrierefreiheit. Prognosen gehen davon aus, dass bis 2030 weitere rund drei Millionen barrierefreie und barrierearme Wohnungen benötigt werden. Die Investitionskosten dafür belaufen sich laut Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) auf mindestens 60 Milliarden Euro. Der Verband hofft auf Unterstützung der Politik: So sollte das KfW-Förderprogramm „Altersgerecht umbauen“ auch professionellen Unternehmen offenstehen, um mehr Modernisierungen im Bestand vornehmen zu können.

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