Ampelwohnungsbau: Große Herausforderungen, viel Nachholfbedarf

  • Die Ampelkoalition will in der kommenden Legislaturperiode 25 Prozent mehr Wohnungen pro Jahr bauen – zusätzlich zur energetischen Sanierung von Bestandsgebäuden.
  • Ein ambitioniertes Ziel, finden die Bauverbände.
  • Denn neben der akuten Knappheit von Baustoffen und ‑materialien fehlen der Branche vor allem die Fachkräfte.
Kevin R. Thomas
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Berlin. Einen „Aufbruch in der Bau-, Wohn- und Stadtentwicklungspolitik“ will die Ampel laut Koalitionsvertrag in der kommenden Legislatur wagen. Dafür soll eine „Bau- und Investitionsoffensive“ starten, „die die Voraussetzungen schafft, schnell und günstig zusätzlichen Wohnraum zu schaffen und zu erhalten“.

400.000 Wohnungen sollen so künftig jedes Jahr in Deutschland gebaut werden. Ein Viertel davon sollen mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, sprich rund 100.000 Sozialwohnungen gebaut werden. Und das ganze unter dem Dach eines neuen Bauministeriums.

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Um die geforderte Menge Wohneinheiten (WE) tatsächlich umsetzen zu können, wollen die Koalitionäre „zeitnah eine neue Wohngemeinnützigkeit mit steuerlicher Förderung und Investitionszulagen auf den Weg bringen“. Damit sollen Sozialwohnungen dauerhaft auch in der Sozialbindung gehalten werden. Aktuell fallen noch jedes Jahr mehr Wohnungen aus der Bindung heraus, als neu errichtet werden. Laut einem Bündnis aus Mieterbund, Verbänden des Baugewerbes und der IG Bau fehlen in Deutschland insgesamt derzeit 630.000 Wohnungen.

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Zahl der Sozialwohnungen nimmt stetig ab

Auch die letzte Regierung hatte den Wohnungsbau in den Koalitionsvertrag geschrieben. 1,5 Millionen Wohnungen sollten während der letzten Legislaturperiode gebaut werden. Erreicht hat die GroKo dieses Ziel nicht. Bis zur Bundestagswahl konnten gerade einmal 1,2 Millionen Wohnungen gebaut werden, darunter 115.000 Sozialwohnungen. Dabei besteht gerade im Bereich des sozialen Wohnungsbaus Handlungsbedarf: Von den im vergangenen Jahr gut 300.000 gebauten Wohnungen waren nur rund 30.000 Sozialwohnungen.

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Gleichzeitig schrumpft der absolute Anteil des sozialen Wohnungsbaus gemessen an der Gesamtheit aller Wohnungen. Nach einer Frist von teilweise bis zu 40 Jahren fallen viele dieser Sozialwohnungen aus der sogenannten Sozialbindung. Heißt: Diese Wohnungen stehen dann auf dem freien Markt zur Verfügung, werden nicht mehr gefördert.

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Auch im vergangenen Jahr hat die Zahl der Sozialwohnungen weiter abgenommen. Gab es im Jahr 2000 in Deutschland noch über zwei Millionen Sozialwohnungen, sank der Bestand 2020 auf rund 1,13 Millionen. Im Vergleich zum Vorjahr 2019 entspricht das einem Rückgang von 2,28 Prozent oder 26.340 Wohnungen. Laut Angaben des Bündnisses aus Mieterbund, Baugewerbeverbänden und IG Bau müssten zukünftig 80.000 Sozialwohnungen jährlich neu gebaut werden.

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„Das Ziel ist ambitioniert“

Fraglich bleibt, ob die Ziele der Ampelkoalition überhaupt umgesetzt werden können. Zwar zeigt sich beispielsweise der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes (ZDB) mit einigen der angekündigten Maßnahmen zufrieden, ob des in der Branche herrschenden Fachkräftemangels aber brauche man vor allem Planungssicherheit: „Das Ziel, 400.000 Wohnungen jährlich zu bauen, ist ambitioniert. Entscheidend wird sein, durch investive Impulse den Kapazitätsaufbau in den Bauunternehmen zu unterstützen“, sagte Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des ZDB, dem RND.

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Damit die von Fachkräftemangel und Baustoffknappheit betroffenen Bauunternehmen also wirklich in dem von der neuen Bundesregierung avisierten Ausmaß bauen können, brauche es Sicherheiten in Form von Steuererleichterungen und weiteren Förderungen. Denn nicht nur die Ausbildung des benötigten Fachpersonals sei teuer und langwierig, auch die Anschaffung neuer Technologien und Gerätschaften müsse abgesichert werden. Dennoch: Die geplante Entbürokratisierung, wie im Koalitionsvertrag beschrieben, begrüßt der Verband ausdrücklich. Es sei ein wichtiger Schritt „damit das Land fit für die Zukunft wird“, heißt es vom ZDB.

Fachkräftemangel wird immer gravierender

Laut einer Ifo-Umfrage im Oktober verschärft sich der Fachkräftemangel beinahe ungebremst. Die Ausbildungszahlen ziehen zwar langsam wieder an. Generell macht sich die Branche aber Sorgen um die Altersstruktur ihrer Beschäftigten. Im September hätten 33,5 Prozent der Hochbau­unternehmen über fehlendes Fachpersonal geklagt. Bei den Tiefbau­unternehmen waren es sogar über 37 Prozent. So wurden 2021 zwar knapp 40.000 Ausbildungsverträge geschlossen, dennoch gaben über 45 Prozent der Bauunternehmen laut DIHK an, offene Ausbildungsstellen nicht besetzen zu können.

Aber der Neubau von Gebäuden ist nicht das einzige Spannungsfeld: Auch bei der für die Klimaziele wichtigen energieoptimierenden Sanierung von Bestandsgebäuden fehlen die nötigen Handwerkskräfte. Schon 2011 kamen Studien zu dem Ergebnis, dass künftig 90.000 Fachkräfte im Bereich Energiesanierungen fehlen würden, wenn nicht mehr für Fort- und Weiterbildung getan würde. 2018 hieß es, dass es rund 100.000 sein würden, und jüngsten Studien zufolge braucht es bis zum Klimazieljahr 2050 rund 215.000 zusätzliche Fachkräfte aller Fachgebiete. Allein im Bereich Klima, Sanitär und Heizungsbau fehlen schon jetzt 20.000, laut einer Studie im Auftrag des Spitzenverbandes der Gebäudetechnik VdZ.

Mehr als Förderungen nötig

Zwar hat sich die Ampel auf einen Ausbau der Weiterbildung und eine engere Verzahnung von Arbeitsagenturen und lokalen Unternehmen geeinigt. Zum Beispiel soll auch eine zweite Ausbildung zukünftig gefördert werden. Wie aber Unternehmen bei vollen Auftragsbüchern (4,6 Monate durchschnittlich im Baugewerbe) und Personalmangel Kapazitäten für die Aus- und Weiterbildung ihrer Belegschaft schaffen sollen, ist noch nicht geklärt.

Sicher ist jedoch, dass sich sowohl beim Wohnungsneubau als auch in der energetischen Sanierung etwas bewegen muss. Die von der Ampel anvisierte Steigerung des gesamtdeutschen Bauvolumens um 25 Prozent konkurriert direkt mit den Klimabestrebungen bis zum Jahr 2050. Denn 40 Prozent der deutschen CO₂-Emissionen stammen aus dem Gebäudesektor. Sollen diese in den kommenden 30 Jahren massiv reduziert werden, braucht es auch hier eine Verdoppelung der Personal­kapazitäten.

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